Feine Freunde - Donna Leon
Die Dunklen Seiten von Venedig - Feine Freunde - Donna Leon Belletristik
Die Dunklen Seiten von Venedig - Feine Freunde - Donna Leon Belletristik

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Kurzbeschreibung: Genre: Belletristik / Herausgeber: Diogenes Verlag / Erscheinungsjahr: 2002 / Eine Hand wäscht die andere - dass sich in Vendig dabei alle die Hände schmutzig machen, erfährt Commissario Brunetti in seinem neunten Fall am eigenen Leib!

 
 

Die Dunklen Seiten von Venedig

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Feine Freunde - Donna Leon

Datum: 14.08.01, geändert am 14.08.01 (200 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: -

Nachteile: -

Was haben die Autoren Timothy Holme, Magdalen Nabb, Michael Dibdin und Donna Leon gemeinsam? Sie sind alle Briten und Ameriklaner, lebten oder leben in Italien und schrieben oder schreiben noch Krimis, die in Italien spielen. Man könnte sie als eine Art literarische 'Schule' betrachten, nur dass sie nicht zusammenarbeiten, sich vielleicht nicht einmal kennen.

Man kann davon ausgehen, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien wesentlich intensiver sind als die zwischen Großbritannien und den USA und Italien, nicht nur, weil die Länder näher zusammenliegen, schließlich leben seit mehr als 40 Jahren Italiener unter uns. Deutsche Schüler können im Gymnasium italienisch lernen, Millionen von deutschen Touristen fahren jedes Jahr nach Italien.

Trotzdem haben wir keine vergleichbare 'Schule', nur hin und wieder mal einen Krimi, der in Italien spielt. Warum die oben genannten Autoren so verrückt nach Italien sind, kann ich nicht sagen, ich kann nur die Tatsache feststellen.

Timothy Holme hat fünf Krimis geschrieben, die an verschiedenen Orten in Italien spielen, er starb sehr jung, so wissen wir nicht, ob und wie er weitergemacht hätte; einige seiner Bücher sind noch erhältlich, die anderen vergriffen. Magdalen Nabb fuhr 1975 im Urlaub nach Florenz und kehrte nicht mehr nach England zurück; sie hat innerhalb von zwanzig Jahren acht Krimis geschrieben, die alle in Florenz spielen. Michael Dibdin hat seine Hauptperson durch sieben verschiedene Regionen Italiens geschickt und dann aufgehört zu schreiben, um nicht seine Leser und sich zu langweilen. (siehe meine Meinung 'Mit Aurelio Zen durch Italien')

Donna Leon lebt in Venedig, sie fing 1992 an zu schreiben und hat seitdem 10 Krimis veröffentlicht, die alle in dieser Stadt spielen. Da sie jedes Jahr ein Buch schreibt, muss sie zur Zeit an Nr. 11 arbeiten.



DONNA LEON

Was für ein Name! Ihre Eltern haben sie gut für eine Karriere
in der Öffentlichkeit vorbereitet, sie braucht kein Pseudonym! Sie wurde 1942 in New Jersey geboren, studierte dort - nicht in Italien, wie jemand schrieb, sonst würde sie einigermaßen verständlich italienisch sprechen, was aber nicht der Fall ist, wie ich mit eigenen Ohren gehört habe. Seit 1965 lebt sie im Ausland, sie arbeitete als Fremdenführerin in Rom, als Werbetexterin in London, unterrichtete Englisch an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und Saudi Arabien. Seit 1981 lebt sie in Venedig und lehrt Englische Literatur in Vicenza an der Maryland University für die amerikanischen Soldaten des dortigen Luftwaffenstützpunkts.

Offenbar wird das irgendwie als ehrenrührig empfunden, denn in jedem Krimi steht, sie unterrichte an einer Uni in der Nähe von Venedig. Die einzige Uni 'in der Nähe von Venedig' ist in Padua, dort wurde sie aber noch nicht gesehen, wie ich aus sicherer Quelle weiß.

Donna Leon ist Amerikanerin, aber alle ihre Bücher erscheinen in Großbritannien. In einem Interview las ich, dass ihre Bücher zu intellektuell für den amerikanischen Markt seien. Ich habe Probleme, diese Bemerkung einzuordnen, sagt sie mir etwas über den Intelligenzquotienten des durchschnittlichen amerikanischen Krimilesers aus oder etwas darüber, wie die Autorin ihr Werk sieht?

Und wie steht's mit den Briten? Für DIE Briten kann ich nicht sprechen, ich kann nur feststellen, dass beim britischen dooyoo keine einzige Meinung über Donna Leon zu finden war, bis ich mich erbarmte und eine schrieb! Beim deutschen dooyoo dagegen stehen schon 58 Meinungen über sie drin, es ist sicher nicht ganz daneben, wenn man fragt: Wer liest Krimis und kennt sie nicht? Deutsche Krimileser fahren nach Venedig und wandern durch die Gassen, die Krimis als Stadtführer in der Hand, und warten - hoffen - Commissario Brunetti auf dem Weg zur Arbeit zu begegnen.

Vor einiger Zeit sah ich einen Fernsehfilm, in dem Donna Leon 'ihr'
Venedig vorstellte, sie empfahl sogar ihre Lieblingsrestaurants. Ich fand das sehr seltsam: Donna Leon, die Privatperson, lädt Touristen ein, Donna Leon, die Autorin, lässt keine Gelegenheit aus, auf den Touristenhorden herumzuhacken und sich über sie lustig zu machen. "Viele Leute am Rialto? "Nicht, als ich hinkam... aber als ich zurückging, war es gerammelt voll. Die meisten waren Touristen, die, soweit ich das sehen konnte, gekommen waren, um Fotos von anderen Touristen zu machen. In ein paar Jahren werden wir im Morgengrauen hingehen müssen oder wir werden uns dort überhaupt nicht mehr bewegen können."

Vielleicht hat sie Angst, dass eines Tages nicht mehr genug Touristen da sind, auf denen sie herumhacken kann, und deshalb lockt sie sie an, damit ihr nicht der Stoff ausgeht? (Nur so ein Gedanke).

Uns was ist mit den Italienern? Sie haben noch nie von Donna Leon gehört, da sie die Übersetzung ihrer Bücher ins Italienische verbietet. Sie liebt Venedig und Italien, möchte dort für immer und mit ihren Nachbarn in Frieden leben und nicht riskieren, dass die Leute beleidigt sind wegen der Dinge, die sie über ihr 'adoptiertes' Land sagen zu müssen meint.


COMMISSARIO BRUNETTI

Er ist ein 'goodie', wie es auf englisch heißt, ein Gutmensch, ein ganz Lieber. Verheiratet ist er mit Paola, die Englische Literatur an der Universität von Venedig unterrichtet und die Tochter eines Grafen aus alten venezianischen Adel ist. Das ist sehr praktisch, denn in Venedig ist jeder mit jedem verwandt, verschwägert oder bekannt, und wenn Brunetti mal etwas wissen muss über die alteingesessenen Familien, was er nicht in Erfahrung bringen kann, weil sein familiärer Hintergrund eher bescheiden ist, kommt der Schwiegervater ganz gelegen. Sie haben zwei intelligente, wohlerzogenen Kinder, und wenn je mal etwas außerhalb des Normalen passiert, dann ist es nie mehr als ein kleines Wellchen, wie bei einem Stein, der in ein ru
higes Wasser geworfen wird. Diese Familie hat keine Leichen im Keller.

Brunetti hat keine Ecken und Kanten, keine Narben auf der Seele, er entwickelt sich nicht weiter, er ist Herr Nett auf zwei Beinen. Er und seine Frau hatten hohe moralische Grundsätze, sie sind typische Kinder der 70er Jahre, und er leidet etwas, wenn er sieht, dass seine Frau ohne große Gewissenskonflikte ihre früheren Ideale gegen pragmatische Lösungen eintauschen kann, aber nur ein bisschen: ihre Diskussionen führen nicht wirklich zu einer Entfremdung. Er liebt die Kochkünste seiner Frau, die Gerichte, die sie zubereitet, sind derart ausführlich beschrieben, dass wir die Krimis auch als Kochbücher lesen können.

Wie so ein Protagonist schon zehn Bücher überleben konnte, ist mir ein Rätsel, nicht 'still going strong', wie in der Johnny Walker Reklame, sondern immer stärker werdend, die Zahl der Fans steigt ständig und jedes neue Buch ist sofort nach dem Erscheinen ein Bestseller. Meine einzige Erklärung ist, dass er eintiefsitzendes Verlangen nach positiven Werten erfüllen kann. Ich habe gehört, wie Leute sagen: "Also, eigentlich lese ich ja keine Krimis, aber die von Donna Leon..., ja das ist etwas Anderes." Zusammen mit der immer währenden Faszination von Venedig ist Brunetti ein sicherer Hit.


DONNA LEONS VENEDIG

Ich war noch nicht in Venedig und habe Donna Leons Bücher als Stadtführer benutzt, aber ich bin sicher, dass das möglich ist. Sie muss einen Stadtplan neben ihrem Computer liegen haben, wenn sie ihre Figuren durch die Gassen führt, sie benutzt eine Menge der realen Ortsbezeichnungen, die mir alle richtig angewendet scheinen (ich kenne mich etwas aus). Sie hat sicherlich ein gutes Gespür für die Atmosphäre und obwohl es nicht leicht sein kann, dasselbe zum zehnten Mal zu beschreiben ohne sich zu wiederholen, gelingt es ihr doch jedes Mal aufs Neue, den Geist des Ortes zu beschwören.

Und wie beschreibt sie die Venezian
er? "Zu keiner Zeit kam ihm (Brunetti) oder Paola der Gedanke, die Sache auf legale Weise anzugehen, die Namen der zuständigen Büros und Sachbearbeiter sowie welche Schritte sie unternehmen sollten, herauszufinden. Auch kam beiden nie der Gedanke, es könne eine klar definierte Vorgehensweise geben, wie sie dieses Problem lösen könnten. Wenn es tatsächlich so etwas geben sollte oder wenn so etwas herausgefunden werden könnte, ignorierten die Venezianer es, weil sie wussten, dass die einzige Art, wie man mit solcherlei Problemen umging, die der 'conoscienze' war: Bekanntschaften, Freundschaften, Kontakte und Verpflichtungen, die ein Leben lang aufgebaut worden waren im Umgang mit einem System, das alle, sogar die, die in seinem Dienst standen, vielleicht gerade die, die in seinem Dienst standen, als ineffizient bis hin zur Nutzlosigkeit erkannt hatten, anfällig für Missbrauch, der aus Jahrhunderten von Bestechung herrührte und belastet durch einen byzantinischen Instinkt für Geheimnistuerei und Lethargie."

Kein Wunder, dass Donna Leon die Übersetzung ihrer Bücher ins Italienische
nicht erlaubt!


DER PLOT

Der Plot ist gut gebaut und, obwohl er dem bekannten Muster folgt, spannend. Commissario Brunetti beschäftigt sich mit einigen Fällen - seiner üblichen Polizeiarbeit - aber die eigentliche Handlung fängt mit einem Ereignis an, das zunächst keinerlei kriminelle Verwicklungen zu bergen scheint. Eines Tages kommt ein junger Mann vom Katasteramt und teilt Brunetti mit, das die Wohnung, in der die Familie wohnt, überhaupt nie gebaut wurde, auf jeden Fall nicht auf legale Weise, da keine Pläne dafür vorliegen. Da die Brunettis die Wohnung mit Hilfe eines Notars kauften (der aber inzwischen gestorben ist), sind sie verständlicherweise sehr aufgebracht und fürchten das Schlimmste, d.h., den Abriss oder zumindest eine saftige Strafe.

Einige Monate ängstlicher Spannung folgen, aber sie hören nichts mehr von dem Amt
. Dann erfährt Brunetti eher zufällig, dass der junge Mann einen Unfall hatte, er fiel von einem Baugerüst und verunglückte tödlich. Er kann nicht glauben, dass er überhaupt je auf ein Baugerüst gestiegen ist, da er furchtbar an Höhenangst litt, wie Brunetti bemerkt hatte, als er ihn bat, mit ihm auf die Terrasse seiner Wohnung im sechsten Stock zu treten. Der junge Mann war ganz steif und bleich geworden und hatte sich so weit wie möglich vom Geländer ferngehalten. Diese Szene gefällt mir sehr gut, ich kann bestätigen, dass sie realistisch ist, denn ich leide auch an Höhenangst und reagiere genauso.

Brunetti beginnt, sich für das Privatleben und die Arbeitstelle des 'Unfall'opfers zu interessieren und entdeckt seltsame Vorgänge im Katasteramt. Verwoben mit dieser Geschichte ist die der Drogensucht des Sohnes von Brunettis Vorgesetztem sowie der Tod von drei jungen Drogenabhängigen, die Fälle können miteinander zu tun haben oder auch nicht. Brunetti versucht nun offiziell, das herauszufinden.

Eine der ältesten Familien von Venedig ist in die Geschichte verstrickt, sie führt ihren Stammbaum bis ins 14. Jahrhundert zurück, nicht ungewöhnlich für die Stadt. Sie mögen finanziell am Ende sein, geistig unterbelichtete Familienmitglieder haben, alles egal, der Name zählt. Sie sind überzeugt, dass ihnen ihr Name auch das Recht gibt, die Gesetze auf ihre Weise zu interpretieren.

Wie in allen anderen Krimis davor, werden einige Fälle gelöst, andere nicht. Wenn die 'Feinen Freunde' aktiv werden, ist Commissario Brunetti am Ende der Fahnenstange angelangt, dann kommt er nicht mehr weiter.


DER STIL

Verglichen mit Michael Dibdin ist Donna Leons Gebrauch der englischen Sprache eher schlicht, weder das Vokabular noch die Satzstrukturen sind besonders kompliziert; ich kann das englische Original genauso schnell lesen wie eine Übersetzung, was mir bei Dibdin nicht gelingt. Das bringt mich zurück zu der anfangs erwähnte
n Bemerkung, die Bücher seien zu intellektuell für den amerikanischen Markt - ich überlasse es den Lesern, sie zu interpretieren.

In den Text sind hin und wieder italienische Wörter eingestreut, die nicht übersetzt und auch nicht am Ende des Buches in einem Glossar erklärt werden. Sie helfen sicher, eine italienische Atmosphäre zu schaffen, aber ich weiß nicht, wie ich sie empfinden würde, wenn ich sie nicht verstehen könnte. Ich glaube, ich würde mich davon abgestoßen fühlen. Aber wer weiß, vielleicht veranlassen sie ja den einen Leser oder die andere Leserin, Italienisch zu lerne?!

Wenn es da nicht Michael Dibdin gäbe (Habe ich den schon erwähnt? Gerade sind alle seine Krimis neu bei Goldmann herausgekommen!), könnte ich Donna Leon fünf Sterne geben, aber da es ihn nun einmal gibt, vergleiche ich und stelle fest, dass ihr der Biss fehlt, die Ironie und die Schärfe, schließlich reden wir hier von Krimis und nicht von Stadtführern oder
Kochbüchern, nicht wahr?


SCHLUSSBEMERKUNG

Werde ich weiterhin die Krimis von Donna Leon lesen? Ich weiß es noch nicht. Alle habe ich noch gar nicht gelesen, die, die kenne, finde ich schon gut, aber ich werde das nagende Gefühl nicht los, dass der Autorin eine längere Pause gut tun würde. Wie ich eingangs erwähnte, hat Magdalen Nabb in zwanzig Jahren (nur) acht Krimis mit derselben Hauptperson und demselben Ort geschrieben, eine weise Entscheidung, wie ich finde. Venedig ist eine kleine Stadt mit 65.000 Einwohnern, Tendenz dramatisch abnehmend (1945 waren es noch 180.000!), Donna Leon muss gespürt haben, dass sie die Stadt sozusagen leergeschrieben hat, denn mit dem zehnten Krimi geht sie auf eine Insel in der Lagune. Und wenn sie alle anderen Inseln durch hat, was dann?

Naja, vielleicht lese ich doch das nächste Buch Ende Oktober, wenn ich nach Venedig zur Biennale fahre. Die Bücher haben nur etwas mehr als 300 Seiten, der Druck ist nicht sehr klein, sie sind eine ideale Zuglek
türe. Von der Stadt, in der ich wohne, ist Venedig gerade einen Donna Leon Krimi entfernt!


Die Meinung wurde gespendet von stroemer-orru

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