Ein Buch ohne Genitiv
Produkt:
Dr. Antonia Cervinski-Querenburg erzählt dat Ruhrgebiet seine Geschichte - Rainer Bonhorst
Datum: 09.02.12
Bewertung:
Vorteile: Köstlicher Ruhrgebiets-Humor
Nachteile: Ohne Beziehung zum Pütt fällt das Lachen schwer
Schon viele Jahre verbringt die beste Ehefrau von allen viele Kilometer von der eigentlichen Heimat entfernt. Sie ist ein Kind des Ruhrgebiets - und steht dazu natürlich aus, liebt weiterhin die Menschen aus dem "Pütt" samt all ihrer Eigenarten. Da versteht es sich ja beinahe schon von allein, dass der treusorgende Gatte hin und wieder versucht, ihr ein Stück Heimat näher zu bringen. Genau so war das auch dieses Mal.
Der Kauf
=======
Mehr zufällig wurde das hier vorzustellende Buch beim Internet-Anbieter buecher.de gefunden. Für das 2011 im Verlag Henselowsky und Boschmann erschienene gebundene Werk mit 63 Seiten und einem Gewicht von immerhin mehr als 300 Gramm waren dortselbst 9,90 Euro fällig, wobei keine zusätzlichen Versandkosten anfielen.
Das Aussehen
==========
Das Buch mit dem Format 25 mal 17 Zentimeter ist in grünes Leinen gebunden. Der Titel zeigt eine Karrikatur, die offenbar ein Fernseh-Interview darstellen soll. Der geneigte Leser darf davon ausgehen, dass es sich bei der interviewten Dame um Dr. Antonia Cervinski-Querenburg handelt. Natürlich werden auch der Name des Buches und des Autors nicht verschwiegen.
Der Inhalt (Buch-Rückseite)
===================
Wie fing dat eintlich allet so an mit dat Ruhrgebiet und seine Geschichte? Wie überall fing et an: mitte Steinzeit und seine Menschen, nämmich mit den Sappienz Sappienz und die Neandertalers. Nur dat dat im Ruhrgebiet schon viel früher anfing. Mit dat Waldsterben und mitti ganzen Bäume inne Erde und dat die sich so lange da inne Erde gequetscht ham, bis die sachten: Getz sind wir Kohle. Und danach ging dat immer so weiter: mit den ganzen Ärger mit die Römer, mit dat wilde Mittelalter, mit die Schlotbarone und mit dat Ruhrgebiet sein berühmtestet Stück. Dat Ruhrgebiet seine ganze Geschichte erzählt die Dr. Antonia Cervinski-Querenburg in diesen Band. Und dat tut se so locker, wie man sonne Sachen numma auf Revierdeutsch erzählen muss.
Der Autor
=======
Rainer Bonhorst, gebürtiger Franke (Nürnberg), aufgewachsen in Essen, war viele Jahre Redakteur der Westdeutschen Allgemeinen. Für diese und andere Zeitungen ging er dann für 13 Jahre als Korrespondent nach London und Washington. Nach seiner Rückkehr nach Essen als stellvertretender Chefredakteur der WAZ rief er die Reviersprachforscherin Dr. Antonia Cervinski-Querenburg als wöchentliche Zeitungskolumne ins Leben. Ihr geistiges Vorbild war Kumpel Anton, Jahrzehnte lang eine Ikone der WAZ, des Ruhrgebiets und seiner Sprache, erfunden vom früheren Sportchef der Zeitung, Wilhelm Herbert Koch. Bonhorst ging später zurück nach Bayern, als Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, einer der größten deutschen Tageszeitungen. Seinem Ruhrgebiet und seiner Figur Dr. Antonia blieb er treu; dem Revier durch regelmäßige Heimatbesuche, der Sprachforscherin durch immer neue Geschichten zur Sprache und Lebensart des Reviers. "Dat Ruhrgebiet seine Geschichte" ist der vierte Antonia-Cervinski-Band, der im Verlag Henselowsky Boschmann erschienen ist. Rainer Bonhorst, inzwischen im Ruhestandsalter, arbeitet heute als freier Journalist und Autor.
Der Zeichner
=========
Michael Hüter, gebürtig in Rheinhausen am linken Niederrhein, aufgewachsen im Dorf Friemersheim am Rhein, umzingelt von Krupp, Mannesmann, Bayer, Deutschlands ehemals größtem Verschiebebahnhof und vielen Kühen. Lebt als freier Karikaturist mit Frau und zwei Söhnen in Bochum-Wattenscheid. "Siedler" Hüter ist Schriftführer der Siedlergemeinschaft Sommerdelle und beackert - angeleitet von seiner Frau - den Familiengarten. Hat von Fußball keine Ahnung und bevorzugt sportliches Holzhacken, Bogenschießen und Segeln. In seinem Buch "Nix wie Höhepunkte" berichtet er in Wort, Bild und Karikatur von 12 Entdeckungsreisen durchs Ruhrgebiet.
Leseprobe
========
Statt ein Vorwort: Wie dat allet anfing
Reporter: Frau Dr. Antonia Cervinski-Querenburg, diesmal wollen wir über die Geschichte des Ruhrgebiets sprechen. Wie fing das denn alles so an, damals im Ruhrgebiet?
Antonia: Ja, anfangen tat dat mit dat Waldsterben.
Reporter: Wie bitte? Das müssen Sie mir aber näher erklären.
Antonia: Mach ich. Also, wie den Wald anne Ruhr so am sterben waa ...
Reporter: Ja, gab's das Waldsterben denn damals schon?
Antonia: Und ob. Lagen überall so tote Bäume aufe Erde rum. Und dann hat nich lange gedauert bis se unter de Erde waan.
Reporter: Ach? Wer hat die denn begraben?
Antonia: Dat nächste Waldsterben. Dat hat sich auf die draufgelegt und da waan die andern auf eima unten.
Reporter: Das leuchtet ein.
Antonia: Dann wurd dat die da unten immer enger, weil immer mehr olle Bäume da oben drauf kaam und die da unten echt zusammgefercht wurden.
Reporter: Und dann?
Antonia: Dann ham die da unten sich schwatt geärgert.
Reporter: Schwarz geärgert?
Antonia: Jau äy, weil die da oben die da unten so plattgedrückt ham.
Reporter: Da würde ich mich auch ärgern.
Antonia: Ehmt. Und wie die da unten dann alle platt und schwatt waan, da ham se gesacht: Getz sind wir Kohle. Auch gut.
Reporter: Sehr gut sogar. Was wäre das Ruhrgebiet ohne Kohle.
Antonia: Unvorstellbar. Außer heute.
Reporter: Wieso das denn?
Antonia: Is doch klaa. Weil die ganze Kohle nach und nach im Münsterland gegang is; aber unter de Erde, damit die da oben dat nich merken und immer noch meinen, sie wärn dat Münsterland und wir dat Kohlerevier.
Reporter: Natürlich.
Antonia:Und wir anne Ruhr ham inne Zwischenzeit an unsere Struktur rumgefummelt. So ne Aat Schönheitsopperation. Die olle Kohle wech und wat Elleganteret drangenäht. Wie wennze dich den Bauch abmachen läss und dich dafür ne neue Nase für im Gesicht hols. Und getz sind wir so schön, dat se uns sogaa inne Kultur aufgenomm haben.
Reporter: Eine tolle Geschichte.
Antonia: Aber einen langen Weech.
Reporter: Frau Dr. Antonia, ich freu mich schon darauf, mit Ihnen diesen langen Weg zu gehen.
Meine Meinung
===========
Nein, in die Literaturgeschichte eingehen wird dieses Werk wohl eher nicht - und wenn, dann wohl nur, weil es das erste auf dem deutschsprachigen Markt erschienene Werk ist, das ohne jeden Genitiv auskommt. Und genau damit wird manch einer, der dem Ruhrgebiet nicht nur räumlich fern ist, so seine Probleme haben, denn Dr. Antonia Cervinski-Querenburg spricht nun einmal Dialekt. Ganz eindeutig. Und Rainer Bonhorst hat alles so aufgeschrieben, wie die Sprachsoziologin mit dem Spezialgebiet Ruhrgebietssprache es sagt. Das ist eher eine Lautschrift und wird von Menschen, die nicht aus dem Gebiet zwischen Ruhr und Rhein stammen, wohl nur dann verstanden, wenn sie es sich selbst (oder jemand anders) laut vorliest.
Ganz deutlich aber wird in diesem Buch, dass der Ruhrgebiets-Mensch über ein gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügt. Gepaart mit einer gehörigen Portion Satire sorgt das für ein ständig schmunzelndes Gesicht beim Leser, zumal auch Selbst-Ironie dem Autoren, Dr. Antonia Cervinski-Querenburg und allen anderen Menschen des Ruhrgebiets ganz offensichtlich nicht fremd ist. Und so werden die zumeist zwei Buchseiten umfassenden Interviews, wunderschön durch Karrikaturen bebildert, zu einem Fundus eines ganz neuen Wissens, das allerdings vorsichtshalber mit Unwissenden nicht diskutiert werden sollte. Mich persönlich erinnerten diese Interviews übrigens in wunderbarer Form immer wieder an Jürgen von Manger und seine Kunstfigur Adolf Tegtmeier, der ja auch eigentlich zu jedem Themenbereich Wissen offenbarte - auch wenn dieses Wissen oft von anderen Menschen angezweifelt wurde.
Insgesamt 30 Interviews mit der Tochter des alten Cervinski beinhaltet dieses liebevoll gestaltete Buch. Kaum Jemand wird die nacheinander und ohne Pause lesen wollen. Und so handhabte es zunächst die beste Ehefrau von allen genau so wie später der ihr Angetraute: Das Büchlein lag auf dem Couch-Tisch - und immer, wenn uns danach war, wurde eines der Interviews, vielleicht auch mal zwei, gelesen. Dann reichte es aber auch schon - und das nächste Schmunzeln über die wunderschönen Texte wurde auf einen späteren Tag verschoben.
Sicher ist für mich indes, dass dieses Buch völlig ungeeignet ist für Menschen, die absolut keinen Bezug zum Ruhrgebiet haben - sie werden diese Art des Humors einfach nicht verstehen. Für alle anderen aber ist das Buch ein Quell der Fröhlichkeit und bringt die Heimat zumindest gedanklich in positivster Form ein Stückchen näher. Deswegen freue ich mich auch, mit der Bestellung dieses Buches defintiv keinen Fehler gemacht und die Gattin damit erfreut zu haben.
Fazit: Wenn es sie nicht gäbe, müsste Frau Doktor erfunden werden
Name des Mitglieds: dik1609




13.02.12
Kv und Lg!