Erwachsen werden am Hofe des Zaren
Produkt:
Die Zarentochter - Petra Durst-Benning
Datum: 27.09.11
Bewertung:
Vorteile: historisch sehr interessant
Nachteile: stellenweise gerade noch haarscharf am Kitsch vorbei
Der historische Roman "Die Zarentochter" von Petra Durst-Benning handelt vom Leben der jungen Olga Nikolajewna Romanowa, die als drittes Kind des Zaren
Nikolaus I und seiner Ehefrau Alexandra Fjodorowna 1822 geboren wurde.
Olga wuchs mit ihren 6 Geschwistern in einer erstaunlich modernen Familie auf. Der Zar und die Zarin legten großen Wert darauf, den direkten Kontakt zu allen ihren Kindern zu pflegen, obwohl jedes Kind natürlich seine Gouvernante oder seinen Lehrer hatte. So waren die Teestunden geprägt von fröhlichem Erzählen, Kinder wollten nicht nur gesehen, sondern auch gehört werden - anders als es zu jener Zeit in den meisten Familien der Fall war.
Die Familie lebte im Winterpalast in St. Petersburg und verbrachte die Sommer in der Regel am Peterhof am finnischen Meerbusen, wo sich Olly (Olga), ihre ältere Schwester Mary und die jüngere Adini ausgesprochen wohl fühlten.
Im Prolog wird der Zar im Dezember 1825 von Aufständischen (den Dekabristen) aufgesucht und die älteren drei Kinder erleben das unerfreuliche und beängstigende Gespräch mit, worauf der Zar sie beruhigt und ihnen versichert, er werde immer für sie da sein. Dieses bedingungslose Vertrauensverhältnis in den Vater spiegelt sich später auch wieder, wenn die Kinder ins heiratsfähige Alter kommen, und eine passende Partie für sie gefunden werden muss. Selbstverständlich bestimmt der Zar in erster Linie welche Vereinigungen mit anderen Königshäusern für Russland politisch wünschenswert sein könnten, aber die jungen Leute verfügen über erstaunlich viel Mitspracherecht.
Der Roman erzählt ausführlich über die Zeit, als für die ältesten 4 Kinder eine passende Verbindung gesucht wird. Enttäuschungen und unglückliche, nicht standesgemäße Liebschaften kommen dabei ebenso vor, wie politisches Kalkül. Nach einigen Misserfolgen heiratet Olly im Jahre 1846 den Prinzen Karl von Württemberg und zieht mit ihm nach Stuttgart.
Persönliche Meinung:
Ich habe die Lektüre dieses Buches wirklich sehr genossen. Obwohl es in einem mir relativ unbekannten Umfeld und vor langer Zeit spielt, liest sich die Sprache angenehm flüssig und passt sich dennoch sehr gut in die damalige Zeit ein, ohne auf unpassende Weise modern zu klingen. Wenn von den Mädchen in ihren langen Kleidern geschrieben wird, musste ich immer wieder an "Sissi" denken. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass dieser Stoff auch eine gute Grundlage für einen Historienfilm.
Die Schilderungen der Württemberger brachten mich immer wieder zum Schmunzeln. Die eher hölzern wirkenden Umgangsformen der Schwaben, die Sparsamkeit, die schwankt zwischen "Zeigen, dass man jemand ist" und einem liebenswürdigen Geiz, beobachtet man im Alltag immer wieder, nicht zuletzt bei offiziellen Empfängen. Der Reichtum eines jeden Buffets wird sozusagen an den Brezeln gemessen.
Bisher war mir auch gar nicht bewusst, dass verschiedene soziale Institutionen von den russischen Königinnen ins Leben gerufen wurden. Wenn man in der Umgebung von Stuttgart wohnt und Kinder hat, kommt kaum um das "Olgäle" herum, dem Kinderkrankenhaus in Stuttgart. Das heutige städtische Gymnasium "Königin Olga Stift" wurde von Olga als Mädchenschule gegründet und Olgas Tante, Katharina Pawlowna, hat sich mit dem "Katzenstift" (Königin Katharina Stift) und dem Katharinenhospital in den Herzen der Stuttgarter verewigt.
Etwas vermisst habe ich im Buch genauere Informationen zu den Unruhen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in Russland geherrscht haben. So habe ich immer darauf gewartet, dass die Streitigkeiten mit den Aufständischen, die im Prolog angetönt sind, im Laufe des Romans noch ausgeführt werden. Das war leider nicht der Fall, genauso wenig hat man genauere Kenntnisse über die Kriege im Kaukasus gewonnen.
Das Leben der einfachen Leute wurde nur an sehr wenigen Stellen und da auch nur am Rande thematisiert. Es entsprach aber wohl der Realität, dass Angehörige aus Königshäusern wenig Einblick in das Leben des einfachen Bürgers hatten. Ich mag in Büchern immer sehr gerne, wenn eine kurze zeitliche Einordnung mit einer Liste der wichtigsten historisch verbürgten Personen drin ist; das fehlt hier leider.
Fazit:
Wenn jemand gerne historische Romane hat, die man zügig lesen kann und die nicht allzu lang und verwirrend sind, dann kann ich "Die Zarentochter" nur empfehlen. Man lernt einiges über das Leben am Hofe der Zaren und kann dabei herrlich entspannen. Dass man das Ende auf Grund der Historie bereits kennt, tut dem Buch keinen Abbruch. Die dadurch etwas fehlende Spannung wird durch viel Gefühl und wunderbare Beschreibungen von Landschaft und Palästen mehr als wett gemacht.
Ich vergebe dem Roman 4 von 5 Sternen.
Fazit: gefühlvoller History-Schmöker
Name des Mitglieds: allegra1805


