Treffen wir uns in einem Buch...
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Die Villa am Rande der Zeit - Goran Petrovic
Datum: 08.02.12, geändert am 08.02.12 (83 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Phantasievoll, plastisch, wortgewandt, berührend, ein Buch zum Innehalten
Nachteile: Ist es ein Kontra, wenn sich ein Roman nicht leicht konsumieren lässt?
wieder einmal wird es Zeit für eine Rezension, diesmal die eines Buches, das ich mir aus dem Bücherpool von Rezi-Online ausgesucht und schicken habe lassen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mir '''"Die Villa am Rande der Zeit"''' nicht in der Buchhandlung gekauft hätte, denn so interessant der Klappentext durchaus klingt, hätte ich vermutlich nicht den Mut gehabt, mich auf einen serbischen Autor und einen Stil einzulassen, von dem ich mir nicht sicher war, ob ich das Buch nicht schnell wieder beiseite legen würde. Doch da hier nicht das Risiko eines Fehlkaufs bestand, schaute ich über den Tellerrand und wagte das Experiment - für mich ein gelungenes. Ob ihr es ebenfalls wagen sollt? Entscheidet selber, nachdem ihr den Bericht gelesen habt.
===DER AUTOR...===
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war mir natürlich bis dahin unbekannt, obwohl er wohl nicht wenig erfolgreich ist, erscheint er kaum in irgendwelchen Bestsellerlisten.
Goran Petrovic wurde 1961 in Kraljevo (Serbien) geboren, studierte jugoslawische und serbische Literatur und lebt und arbeitet als Verlagslektor und Redakteur in Belgrad. Er gehört zu den bemerkenswertesten und meistgelesenen zeitgenössischen Autoren in Serbien und erhielt bereits zahlreiche nationale, aber auch internationale Auszeichnungen.
Der Roman "Die Villa am Rande der Zeit" (den Originaltitel erspare ich euch, kann ihn doch hier vermutlich kaum einer verstehen/übersetzen) ist ein literarischer Bestseller in Serbien, erschien dort bereits im Jahr 2000 und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Übersetzung von Susanne Böhm-Milosavljevic erschien im dtv-Verlag im Dezember 2012 mit der ISBN 978-3-423-24824-2 und umfasst 400 Seiten.
===EIN BUCH ÜBER BÜCHER UND LESER UND...===
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Adam Lozanic ist Slawistik-Student im letzten Semester in Belgrad und finanziert sein Leben durch ein kleines Erbe und mit freiberuflicher Arbeit als Lektor für eine Zeitschrift über Tourismus und Natur mit dem wohlklingenden Namen "Die Schönheiten unseres Landes". Der Auftrag eines geheimnisvollen Besuchers verwirrt ihn: er soll ein Buch korrigieren, das allerdings nicht als Manuskript vorliegt, sondern bereits gedruckt ist. Er darf außerhalb dieses Buches mit dem Titel "Mein Vermächtnis - Verfasst und auf eigene Kosten herausgegeben von Herrn Anastas S. Branica" keinerlei Aufzeichnungen darüber machen. Und er soll nicht korrigieren, sondern nach Anweisungen des Auftragsgebers kleine Änderungen des Textes vornehmen. Obwohl er das Ganze sehr seltsam findet, nimmt er den Auftrag an, denn die Bezahlung ist für den armen Studenten mehr als gut. Doch er fragt sich, ob der Besucher vielleicht aus einem Grund gerade zu ihm gekommen ist: kennt er Adams kleines Geheimnis? Denn seit ungefähr einem Jahr kommt es Adam so vor, als träfe er beim Lesen von Büchern andere Leser, als wäre er nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich in anderen Welten.
Die junge Jelena arbeitet als Gesellschafterin für eine alte Dame, Natalija Dimitrijevic. Nach dem Studium will sie ins Ausland auswandern, weg von ihrer traurigen Jugend, doch dafür braucht sie erst einmal Geld und möchte einen Englischkurs absolvieren. Frau Dimitrijevic ist eine seltsame Dame mit eigenwilligem Verhalten, doch sie verlangt nicht viel von Jelena: nur ein paar Stunden am Tag soll die junge Frau mit ihrer Auftraggeberin zusammen in Büchern lesen. Dass Natalija meint, wirklich in den Landschaften aus den Büchern zu wandeln, hält Jelena für verschrobene Spinnereien, doch im Laufe der Zeit stellt sie fest, dass auch sie sich quasi in das Gelesene hinüber versetzt. Die Frauen begegnen dort sogar einmal einer alten Bekannten, die schon lange in Brasilien lebt und unterhalten sich mit ihr. Als Natalija aber an Gedächtnisschwund zu leiden beginnt, werden diese Ausflüge immer schwieriger und weniger.
Viele Jahre zuvor: der junge Anastas Branic hat nach dem Tod seines Vaters keine schöne Kindheit. Seine Mutter lebt mehr oder weniger in der Erinnerung, sein Stiefvater ist Rechtsanwalt, sehr streng und kann dem "Mitbringsel" seiner Frau nichts abgewinnen. Ihm ist es am liebsten, wenn er den Jungen überhaupt nicht zu sehen bekommt. Nur die alte Haushälterin Zlatana mag den einsamen Bub und sie ist es auch, die ihm glaubt, als er seine Fähigkeit entdeckt, durch Bücher in die dort beschriebenen Welten zu gelangen. Als Anastas die Schule beendet, schickt ihn sein Stiefvater zum Studium der Rechtswissenschaften nach Frankreich, wo Anastas aber schnell nicht mehr studiert, sondern liest, liest, liest...
Als sein Stiefvater und kurz darauf auch seine Mutter sterben, kehrt Anastas nach Serbien zurück, wo er sein großes Erbe in dem Sinne antritt, dass er im Haus seiner Kindheit zum Einsiedler wird und Bücher sowie alte Zeitschriften liest. Nur Zlatana kümmert sich um ihn und mit der Zeit verstummen auch die Gerüchte, die in der Bevölkerung über den seltsamen Kauz kursieren.
Eines Tages trifft Anastas in einem Buch über hellenistische Literatur auf die Französin Nathalie Houville, eine junge Frau, die mit ihrem verwitweten Vater dessen Berufs wegen in Serbien lebt, bald verheiratet werden soll und von einer strengen Gouvernante darauf vorbereitet wird. Um aus ihrer unschönen Realität zu fliehen nutzt Nathalie die gleiche Gabe, die auch Anastas hat: sie besucht durch Bücher andere Welten und malt dort wunderschöne Pastelle. Anastas und Nathalie fühlen sich vom ersten Moment an magisch voneinander angezogen. Doch die Umstände machen Treffen in Büchern schwierig und so beginnt Anastas in einem Briefroman eine Villa für sich und das geliebte Mädchen zu bauen, Kopien der Briefe lässt er ihr auf trickreichem Wege zukommen. Lange Zeit geht diese Liebesgeschichte gut, bis Anastas durch ein bestimmtes Ereignis hart auf dem Boden der Realität aufkommt.
Zurück zu Adam: dieser beginnt, seinen Auftrag zu erledigen und ist dabei immer faszinierter davon, was Anastas seinerzeit in "Mein Vermächtnis" aufgebaut hat. Doch während seiner Arbeit kommen ihm immer mehr Fragen: Wer sind seine Auftraggeber und warum wollen sie diese Änderungen? Ist es richtig, diese vorzunehmen und Dinge unwiderruflich zu zerstören? Wer sind die Menschen, die sich mittlerweile in und um die Villa aufhalten und warum sind sie hier? Und wieso trifft er ausgerechnet in diesem Buch auf Jelena, dem Mädchen, das er in der Realität in einer Bibliothek zuerst gesehen und sich unsterblich in sie verliebt hatte?
===UND ACTION...===
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Nein. Keine Action. Überhaupt nicht. Und jetzt wird es schwer für mich, euch zu beschreiben, wie dieses Buch ist und warum es mich wirklich fasziniert hat. Denn dieses Buch ist anders. Ganz anders. Es hat eigentlich keine großartige Handlung, sondern es lebt von Beschreibungen. Unendlich viele und extrem ausführliche Beschreibungen, die lang sind, aber sich aus welchem Grund auch immer nicht in die Länge ziehen, sondern fesseln, als würde handlungsmäßig die Post abgehen.
Die Personen, die in diesem Buch eine Rolle spielen, sind eigentlich Menschen, die mich langweilen müssten. Adam ist Student, der aufgrund seiner Genügsamkeit und seines Erbes nicht arbeiten muss, neben dem Studium aber als Lektor jobbt. Was ihm keine Freude macht, dennoch tut er es. Sonst tut er eigentlich nichts weiter - studieren und lektorieren. Jelena will aufgrund irgendwelcher schlimmen Erfahrungen, die nie genau benannt werden, raus aus Serbien, lernt dafür Englisch und jobbt als Gesellschafterin - mehr passiert hier aber auch nicht. Anastas ist sowieso in seiner Traumwelt versunken und außerhalb der Realität nur soweit aktiv, als dass er Anregungen für den schriftlichen Bau seiner Villa und des Geländes darum herum sucht. Natalija Dimitrijevic lebt ihr ganzes Leben im und für das Andenken an ihre unerfüllte Liebe.
Ich selber bin ein Mensch, der sich immer irgendwie entwickeln will, der kaum irgendwann wirklich zur Ruhe kommt und der ständig Neues erleben und lernen möchte. Normalerweise würden mir in einem Roman Personen, wie sie hier auftauchen, total auf den Keks gehen. Ich würde sie anstupsen wollen, auf Trab bringen wollen - was natürlich nicht geht. Und deswegen irgendwann so ein Buch genervt zur Seite legen.
Während der Lektüre kommen immer wieder Fragen auf: wer sind denn eigentlich Adams Auftraggeber genau? Warum wollen sie diese Veränderungen (es scheint, als ginge es lediglich um einen alleinigen Besitz der Villa, aber warum wollen sie diesen)? Warum genau will Jelena Serbien verlassen? Wer sind die Jeleks, die die Villa unter anderen zu Adams Zeit bewohnen und was hat es mit dem Schatten auf sich, der ihnen anhängt? Es geschieht sogar ein Mord... aber er geschieht einfach und damit hat es sich. Weder wird aufgeklärt, wer der Mörder war, noch warum gemordet wurde, noch kümmert sich irgendjemand überhaupt darum, noch spielt es in der Handlung irgendeine beeinflussende Rolle. Nahezu alle Fragen bleiben aber offen - das lässt man so stehen oder man macht sich selber seinen Reim darauf.
Aber aus irgendeinem Grund, der sich mir bis heute nicht komplett erschlossen hat, war es nie der Fall, dass ich den Faden oder die Geduld verlor, ganz im Gegenteil: ich bin in "Die Villa am Rande der Zeit" eingetaucht, wie Adam und andere in "Mein Vermächtnis" von Anastas. Nur ein einziges Mal war mir eine Sache etwas zu ausschweifend, als nämlich ein Professor, der in der Umgebung der Villa nach Fundstücken, nach Worten, nach Geschichte sucht und diese untersucht, Adam seine Erkenntnisse erklärt. Da hab ich überblättert, allerdings nur 6 Seiten - bei einem 400-Seiten-Roman nicht wirklich viel. Kurz gestört hat mich auch ein vierter Erzählstrang, der den vorhergehenden drei (den Geschichten Adams, Anastas und Jelenas/Natalijas) vor dem " Schlussakt" folgt und der meiner Ansicht nach nicht wirklich sein muss. Aber auch der störte mich nur anfangs, weil man nämlich zuerst gar nicht kapiert, wer das nun ist und was das mit der Villa zu tun haben soll. Nach kurzer Zeit wird aber der Zusammenhang hergestellt und alles fügt sich wieder ein und zusammen.
Eigentlich bin ich nie um Worte verlegen und kann ganz gut klar machen, was ich meine und denke - aber hier befürchte ich, ich scheitere. Denn rational lässt sich das Lesevergnügen bei diesem Roman wohl nicht erklären, vielleicht macht genau dies das Geniale an Petrovic´s Werk aus: dass es ein Buch für das Bauchgefühl und nicht für den Verstand ist. Schluss deswegen mit Erklärungen, die letztendliche Frage ist doch diese:
===WANN, WARUM, FÜR WEN===
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ist "Die Villa am Rande der Zeit" geeignet?
Ich lese viel und gerne, finde aber meistens nur abends im Bett zum Abschluss des Tages die Zeit dafür. Dann kann ich mich aber oft so fest beißen, dass ich viel zu spät das Licht aus mache. Nicht bei diesem Buch: müde und mit halb zufallenden Augen geht hier gar nichts. Denn man muss wirklich in der Lage sein, sich auf den Text einzulassen, in die wunderbaren Beschreibungen einzutauchen, die Bilder auf sich wirken zu lassen. Deswegen habe ich für diesen Roman auch nicht wie sonst üblich zwischen 3 und 5 Tage gebraucht, sondern drei Wochen. Stückchen für Stückchen habe ich die Villa besucht, immer nur kurz, aber mit Genuss.
Es ist ein Roman über Leser und Bücher, über die Liebe, über die Zeit. Ein ruhiges Buch mit wenig Handlung und viel Gefühl. Kritiker haben das Werk in die Tradition von "Tintenherz" und "Die unendliche Geschichte" gestellt - vom Motiv her sicher richtig: es geht um Parallelwelten, die durch Schriftsteller entstehen und in Büchern stecken und um Menschen, die in der Lage sind, zwischen diesen Welten hin und her zu wechseln. Dennoch kann ich diesem Vergleich nicht ganz zustimmen. Mal ganz abgesehen davon, dass beide verglichene Bücher für Kinder und Jugendliche bestimmt sind (auch wenn sie Erwachsenen genauso gut gefallen), ist die "Villa" auf gar keinen Fall für diese Altersgruppen geeignet. Des Weiteren geht es in den genannten Jugendromanen um Action und Abenteuer, was man in der "Villa" nicht findet und der Mittelpunkt ist jeweils ein bestimmtes Buch und nicht die allgemeine Fähigkeit von bestimmten Menschen, in Literatur eintauchen, sich wegträumen zu können. Der Vergleich hinkt meiner Meinung nach und führt auch in die Irre. (Genauso wie der Klappentext, der explizit den Mord erwähnt, der letztendlich gar nichts zur Sache tut - es ist auf gar keinen Fall ein Krimi und jeder Krimileser wird weinen, wenn er sich deswegen das Buch kauft).
Auf den Punkt gebracht ("endlich" hör ich euch seufzen *g*): kein Buch für Jugendliche, kein Roman für Leute, die oberflächlich und rasant unterhalten werden wollen, kein Buch für Zeiten, in denen man nicht nachdenken will und kein Buch, das ruckzuck ausgelesen ist. Aber ein Buch für Menschen, die träumen können und wollen, die sich auf Phantasie ohne Erklärungen und Action einlassen wollen, die gerne mal innehalten und/oder nachdenken wollen, Menschen mit Vorstellungskraft und Bibliophile. Was ich für mich aus diesem Roman gezogen habe, was für mich am Ende das Ergebnis, die "Lehre", der Sinn war - das möchte ich euch vorenthalten, denn ich denke, da hat jeder seine eigenen Gedanken und denjenigen unter euch, die sich auf das Werk einlassen möchten, will ich da keine Vorgaben ins Hirn setzen.
Eine Leseprobe ist hier extrem schwer zu wählen, deswegen hänge ich nach meinem Schlusswort nur noch eine der ausgesprochen charmanten und bezaubernden Abschnittsüberschriften, genannt Lektüre (erste Lektüre, zweite Lektüre...eigentlich mehr schon Texte als Überschriften... oder gar Gedichte?)
Was die Sternenvergabe betrifft: von mir ganz subjektiv und aus meiner positiven Überraschung heraus 5 Sterne, wobei es sich hier um ein Werk handelt, das vermutlich bei verschiedenen Lesern zwischen 1 und 5 sämtliche Bewertungen des Dooyoo-Universums erhalten würde.
Liebe Grüße, Eure Kerry
Das versprochene PS...
'''ERSTE LEKTÜRE'''
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Davon, wo der Mond stünde,
und wo der Nordstern,
wenn der Himmel nicht wolkenverhangen wäre;
ob es Ähnlichkeiten gibt
zwischen einer Bibliothek und dem botanischen Garten;
wie Erinnerungen ihren Glanz zurück erhalten;
was man in den Augen
eines aufmerksamen Lesers sehen kann;
davon, wie man ohne das geringste Bedauern
das einfache Futur
des Verbs sein bildet;
wo es immer noch
gutes Sesamöl zu kaufen gibt
und echten Barbanac;
wo sich das größte Kaufhaus des Balkan befindet;
was mit dem Ordonnanzoffizier
König Petars des Zweiten geschehen ist;
Was sich alles
Im Kissen eines jungen Mädchens finden lässt;
Und von Gepäck, das einer Schiffspassage nach Übersee
Alle Ehre gemacht hätte.
(und all das findet sich wirklich dann auch wieder im Text)...
Fazit: Lesenswert, wenn man sich drauf einlassen will und kann.
Name des Mitglieds: kerry3




31.03.12
Man kann nicht alles mit dem Verstand erfassen und in Worten beschreiben. Ich glaube, hier hast du dich in die Welt der Gefühle verführen lassen und Gefühle sind die Sprache unserer Seele. Eine wunderbare Beschreibung, die zum Nachdenken über unsere hektische und nach Action schreiende Welt einläd.