Alles Schlampen außer Mutti.
Produkt:
Die Tochter - Martina Cole
Datum: 06.03.10
Bewertung:
Vorteile: kein Thrillereinheitsbrei
Nachteile: ein paar Klischees
Vor ewigen Zeiten stieß ich durch Zufall auf den damals aktuellen Roman einer Autorin, die mir bis dahin gänzlich unbekannt war. Der Plot klang zwar nicht unbedingt innovativ, erweckte aber dennoch mein Interesse. Inzwischen habe ich das Buch gelesen - meine Eindrücke gibt es nachfolgend.
>> Die Tochter - Martina Cole <<
(( Bezugsquelle & Preis ))
Gekauft habe ich das Taschenbuch seinerzeit bei ebay. An den Preis erinnere ich mich nicht mehr; hoch kann er aber nicht gewesen sein. Neu kostet der Roman 9,95 Euro.
(( Eckdaten ))
Titel: Die Tochter
Originaltitel: The Ladykiller
Autorin: Martina Cole
Übersetzung: Jens Plassmann
Verlag: Heyne
Genre: Thriller
Erscheinungsjahr: 2008
Seitenanzahl: 736 Seiten
(( Die Autorin ))
Die englische Autorin Martina Cole wurde 1958 in Essex geboren. Alle ihre Romane erreichten sofort nach Erscheinen die Nummer-Eins-Position auf den Bestsellerlisten. Coles Bücher spielen in den Brennpunkten der Großstädte, sie sind kompromisslos und authentisch und haben immer starke Frauen im Mittelpunkt. Martina Cole hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Essex.
Quelle: www.krimi-couch.de
(( Die Tochter ))
Als in Grantley die verstümmelte und geschändete Leiche einer jungen Frau gefunden wird, hält die gesamte Gemeinde den Atem an. Nicht nur wegen der immensen Brutalität, mit der der Täter vorgegangen ist, sondern auch seiner Vermessenheit wegen, am gesamten Tatort scheinbar sorglos DNA zurückgelassen zu haben. Detective Inspector Kate Burrows wird auf den Fall angesetzt, stößt aber schnell an ihre Grenzen. Zusammen mit ihren Kollegen kommt sie dem Grantley Ripper, wie der Mörder bald genannt wird, kein Stück näher. Währenddessen mordet der Mann nach Lust und Laune weiter.
Mit dem Mord an der Tochter des stadtbekannten Ganoven Patrick Kelly bekommt Kate allerdings starke Unterstützung an die Seite. Kate und Patrick freunden sich wider alle Vorurteile an und verlieben sich sogar ineinander. Gemeinsam wollen sie den Ripper dingfest machen. Allerdings hat Kelly andere Vorstellungen davon, wie der Mörder seiner Tochter zur Strecke gebracht werden soll als Kate. Für Kate wird es außerdem zunehmend schwerer, ihre Energie auf den Fall zu konzentrieren, als sie vom Lebenswandel ihrer eigenen Tochter erfährt, die sie bis dahin stets für ein Musterbeispiel an Gehorsam gehalten hat. Das plötzliche Auftauchen Kates Exmannes macht die Sache nicht unbedingt leichter...
(( Eindrücke ))
Liest man lediglich den Klappentext des Romans, drängt sich einem schnell der Verdacht auf, man habe es hier nur mit einem typischen Serienkillerthriller zutun, bei dem der Fokus zudem auch noch offenbar auf der etwas verqueren Beziehung zwischen einer Polizistin und einem Gangster liegt. Bald nach Beginn des Lesens stellt man allerdings fest, dass dem zum Glück nicht so ist. "Die Tochter" ist weit vielschichtiger als man zunächst glauben mag, da Martina Cole hier viele menschliche Aspekte mit einarbeitet, die dem Roman eine immense Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe verleihen.
Dass "Die Tochter" anders ist, als viele andere Romane des Genres, stellt man bereits während des Lesens des ersten Kapitels fest. Denn Martina Cole spielt keine Spielchen mit dem Leser - sie offenbar von Beginn an die Identität des Mörders. Dies bewirkt hier aber allerdings kein bisschen, dass man enttäuscht ist oder dass dieser Fakt eventuell die Spannung rauben würde. Vielmehr öffnet Cole hier eine ganz neue Sichtweise auf eine vollkommen kranke Existenz. Die Autorin arbeitet recht ausschweifend das Profil ihres Mörders aus, indem sie dem Leser zeigt, wie es überhaupt dazu kommt, dass der Mann seinen ersten Mord verübt. Der Grantley Ripper stolpert also keineswegs aus dem Nichts in das Londoner Kleinstadtviertel. Vielmehr beobachtet man die Entwicklung eines psychisch geschundenen Mannes hin zum Höhepunkt seiner kranken Existenz. Dabei scheut sich Martina Cole keineswegs davor, auch die Hintergründe für das Handeln des Mörders zu beleuchten. Dies tut sie mittels immer wiederkehrender Rückblicke in die Kindheit des Mannes. Allerdings verfällt Martina Cole nicht in das typische entschuldigende Muster. Sie zeigt schonungslos und vor allem wertungsfrei, was bzw. wer George Markham zu dem Monster gemacht hat, das er aktuell ist: seine Mutter. Die Schilderungen sind dabei sehr explizit, obwohl Cole nie der Versuchung erliegt, den Leser zum Voyeur zu machen, indem sie alles haarklein schildert. Gut ausgearbeitet ist dabei auch das psychische Profil, das Cole nach und nach zeichnet. Denn Markham steigert sich im Verlauf des Romans in seinen kranken Ansichten und Vorstellungen. Sicherlich hat die Autorin hier auf viele Klischees zurück gegriffen. Dennoch wirkt das Ganze hier sehr realistisch und nicht aufgesetzt. Man nimmt ihr den kaputten Frauenhasser vollkommen ab, der seine Mörderkarriere mit dem Schauen von Snuff - Movies beginnt. Die Darstellung ihres Killers ist Martina Cole also vollends gelungen. Denn er ist nicht einfach nur ein gesichtsloses Damoklesschwert, das über Grantley schwebt - er ist stets präsent, vor allem für den Leser.
Anders an "Die Tochter" ist auch die Tatsache, dass die Autorin sich hier vielmehr Zeit nimmt, ihre Figuren und deren Hintergründe ausgiebig zu beleuchten. So lässt sie ihre Protagonistin, die Ermittlerin Kate Burrows, nicht von einem Tatort zum nächsten hetzen, wenig Schlaf bekommen und sich mit Kaffee zuschütten. Nein, sie beleuchtet das Leben der Polizistin mit genau der gleichen Sorgfalt wie das des Mörders. Dabei schneidet Cole ganz alltägliche Themen an und zeigt die sicher sehr realistischen Sorgen auf, die eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter haben kann, wenn sie mehr auf Verbrecherjagd ist als zu Hause. Hinzu kommt bald noch das Verhältnis, dass Burrows mit dem stadtbekannten Ganoven Patrick Kelly beginnt. Auch dies führt zu Irrungen, Wirrungen und Missverständnissen, die nur allzu menschlich sind. In "Die Tochter" wird also nicht nur Spannung erzeugt, indem alle paar Seiten eine neue Leiche auftaucht, sondern durch ganz profane Dinge wie das Leben aller Beteiligten. Allein dadurch gewinnt der Roman an Intensität und vor allem, was noch wichtiger ist, an Glaubwürdigkeit. Es werden nicht nur die üblichen Klischees hinsichtlich der typischen Thrillerhauptfiguren, besonders der polizeilichen Ermittler, angeschnitten. Vielmehr werden sie hier reichlich ausgearbeitet, sodass ein wirklich konsistentes Bild entsteht - fernab aller Zufälle und Klischees. Zufälle gibt es in "Die Tochter" vor allem hinsichtlich des letztlichen Fassens des Mörders keine. Denn Tatsache ist, dass die Polizei den gesamten Roman über kein Stück weiter kommt. Der Mörder Markham macht nicht plötzlich einen Fehler und die Polizei ist zur Stelle, um ihn einzusacken. Vielmehr ist es eher so, wie es in der Realität wohl deutlich häufiger der Fall sein dürfte: der Täter ist einfach gestrickt, aber genial in dem, was er tut. So erscheint es am Ende kein bisschen überzogen, wie er geschnappt wird.
Martina Coles Schreibstil ist als recht simpel zu bezeichnen. Zwar neigt die Autorin dazu, Geschehnisse und Gedankengänge in ausführlicher Form zu schildern, dennoch kommt dabei nie Langeweile auf. Vielmehr führt Coles ausufernder Stil dazu, dass sich von Beginn an eine sehr dichte Atmosphäre aufbaut, die die gesamten mehr als 700 Seiten nicht mehr abebbt. Sie versteht es recht gut, verschiedene Figuren zu beleuchten, ohne ins Schwafeln zu geraten. Besonders hervorzugeben wäre aber allerdings, dass Cole es tatsächlich trotz der auktorialen Sichtweise, aus der der Roman geschrieben ist, schafft, Nähe zwischen Leser und Plot zu schaffen. Innerhalb der zumeist recht langen Kapitel gibt es abwechselnd Passagen, die entweder nur den Mörder begleiten oder nur die Polizistin. Dabei gelingt es der Autorin, überzeugend die innerlich ablaufenden Prozesse herüber zu bringen und auf den Leser zu projizieren. Besonders überzeugend sind dabei vor allem hinsichtlich der unbewusst ablaufenden psychischen Analyse des Mörders George Markham jene Abschnitte, die sich mit seinen verqueren Ansichten bezüglich des weiblichen Geschlechts beschäftigen. Sie wirken zugleich echt und abstoßend. Cole hat hier genau das richtige Maß an Übertreibung und Realismus gefunden.
So sehr Coles Roman im Allgemeinen betrachtet nicht dem Einheitsbrei entspricht, den man im Thrillergenre nur allzu oft vorfindet, so sehr tun es allerdings ihre Figuren. Erstaunlicherweise wirkt dieser Fakt hier aber nicht abstoßend oder abgedroschen. Im Kontext des Romans passt es einfach. So ist Kate Burrows die alleinerziehende Polizistin, die sich nicht nur gegen die geschlechtsspezifischen Anfeindungen im Polizeidezernat gegenüber sieht, sondern auch eine Frau, die in ihrem Leben nur einen Mann hatte - ihren Exmann. Der hat sie je nach Lust und Laune immer mal wieder verlassen, wie es ihm gepasst hat. Aktuell hat sie dann natürlich die Schnauze gestrichen voll und setzt ihren Ex ein für allemal vor die Tür. Man kennt das irgendwie. Darüber hinaus ist sie aber auch noch die absolut gesetzestreue Polizistin, die vollkommen von den Socken ist, als sie ihren Vorgesetzten zusammen mit einigen anderen Kollegen bei einem illegalen Boxkampf sieht. Daher will es auch so gar nicht zu ihrem Naturell passen, dass sie sich recht bald für den bekannten und gefürchteten Gangster Patrick Kelly erwärmen kann, der nicht nur eine interessante und zwielichtige Vita hat, sondern zudem auch noch als Repoman arbeitet und Inhaber diverser Massagesalons ist. Nun, Kelly wird stets so dargestellt, als hätte alle Welt furchtbare Angst vor ihm. Im Verlauf des Romans wird Patrick Kelly aber ziemlich verweichlicht dargestellt. Natürlich hat er seine edlen und hehren Prinzipien, nein, eigentlich hat er nie etwas Böses getan. Den eiskalten Ganoven will man ihm partout nicht abnehmen. Hier hat sich Frau Cole ein wenig zu sehr aus der Klischeekiste bedient. Ein etwas böserer und zwielichtigerer Touch hätte dem guten Mann ganz sicher nicht geschadet. Erwähnenswerte bliebe noch der Frauenkiller George Markham. Recht bald zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Mutti Schuld ist an der vollkommen kranken Psyche des Mannes. Sicher werden auch hier viele Klischees bedient, dennoch wirkt das Ganze aber sehr glaubhaft. Interessant ist auch, wie sehr Markham zwischen dem Hass und der Liebe zu seiner Mutter hin und her gerissen ist. Auch dies trägt zur Realitätsnähe bei.
Alles in allem ist "Die Tochter" von Martina Cole ein wirklich guter Thriller, der zwar recht ausufernd daher kommt, bei dem man als Leser aber niemals Langeweile verspüren wird. Die Figuren werden sehr plastisch dargestellt und die Autorin geht über die typischen Grenzen der Darstellung ihrer Protagonisten hinaus. Dies erzeugt ein wirklich stimmiges Bild und dient der Glaubwürdigkeit ihres Romans. Die üblichen Zufälle gibt es nicht, lediglich ein paar Klischees hinsichtlich der agierenden Figuren. Dies allerdings verzeiht man der Autorin ohne mit der Wimper zu zucken, da der Rest einfach stimmt und man tatsächlich eins wird: gut unterhalten. Und genau dies ist doch auch Sinn und Zweck der Tatsache, dass man derartige Bücher liest. Würde man seinen Horizont irgendwie erweitern wollen, griffe man vermutlich eher zu Goethe und Schiller. Von daher kann ich diesen Roman allen empfehlen, die eine Affinität zum Thrillergenre haben und gerne mal etwas lesen, das aus dem Einheitsbrei des Genres heraus sticht.
Fazit: siehe Rezension
Name des Mitglieds: BulmaZ
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




10.03.10
Von mir eine dicke KRONE