Die Stunde der Erben (Link, Charlotte)
Generationen im Wandel der Zeiten (3) - Die Stunde der Erben (Link, Charlotte) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Goldmann Wilhelm Verlag

 
 

Generationen im Wandel der Zeiten (3)

Produkt:

Die Stunde der Erben (Link, Charlotte)

Datum: 16.02.09

Bewertung:

Vorteile: ....

Nachteile: ....

>>Felicia Lavergne stand in der Terassentür und beobachtete ihre Gäste. Sie waren fast alle gekommen, ohne wichtigen Grund erteilte man der alten Patriarchin keine Absage. Außerdem waren ihre Gesellschaften beliebt, ihr malerisch schönes Anwesen am oberbayerischen Ammersee lud ein zu grandiosen Sommerparties und sie war immer eine grosszügige Gastgeberin gewesen.

Felicia hatte das geräumige Bauernhaus am Ostufer des Sees gleich nach Kriegsende gekauft, in der Absicht, einen Ort zu schaffen, an dem alle zusammenkommen konnten, die zu ihr gehörten. ...<< (1)

Und damit Willkommen beim letzten Teil der Sturmzeit-Trilogie.


Mein erster Gedanke zum Buch:

Die ersten beiden Bände von Sturmzeit habe ich verschlungen, aber die waren geschichtlich auch äusserst interessant.
Was uns der dritte Band sagen will - dafür mußte ich dann doch tiefer reinlesen. Ich gestehe, ich habe einige Passagen nicht verinnerlichen können.

Das hängt vielleicht damit zusammen, daß ich als durchaus politischer Mensch die Geschichte gelegentlich ein wenig anders sehe, als die "offizielle" Meinung sich darstellt.
Das war im 1. oder 2. Weltkrieg irgendwie einfacher - da waren die Positionen klarer, jetzt ist das eher nicht mehr so, wenn ich allein die einseitige Schilderung des Lebens in der DDR lese, damit habe ich als "gelernte DDR-Bürgerin" dann gelegentlich doch meine Probleme.

Übrigens ist mir in diesem Zusammenhang auch der erste richtig auffällige Fehler der Trilogie untergekommen:
>>Zwei Ausreiseanträge waren abgelehnt worden. Und dann wurde Julia - sie war Lehrerin in einem Ostberliner Gymnasium - eines Tages zum Direktor zitiert...<< (2)
Das dürfte sachlich kaum halten, denn in den Jahren 1977-1978, auf die sich dieses Detail bezieht, gab es längst nur noch Polytechnische Oberschulen und Erweiterte Oberschulen, erstere für Schüler der Klassen 1-10, letztere der Klassen 11/12 - das weiß ich aus eigener Erfahrung, denn ich bin 1978 in die Erweiterte Oberschule zwecks Abitur gewechselt.


Das Buch zum Zweiten

Felicia - Die Frau begleitet uns auch durch den 3. Band der Trilogie "Sturmzeit". Und mag es dieses Mal auch "Die Stunde der Erben" sein, die uns beschäftigt, die große alte Dame der Familie Degnelly, so Felicias Mädchenname, begleitet uns auch durch dieses Buch.

Das Gut Lulinn in Ostpreussen gibt es nicht mehr, aber Felicia gibt nicht auf und schafft sich ihr zweites Lulinn - hofft sie.
Doch die Zeiten ändern sich, die Stunde der Erben finden ihren Prolog in den 50er Jahren und ihre eigentliche Handlung in den 70er, 80 bis hinein in die 90er Jahre.
Nicht mehr so stürmisch, könnte man meinen, aber die große Familie ist dafür prädistiniert, daß das Leben nicht reibungslos geht.

Felicia hat es noch einmal geschafft - 2 Unternehmen hat sie verloren, eines beim Börsenkrach 1929, eines durch eine Bombe kurz vor Beendigung des 2. Weltkrieges - und sie hat sich das 3. Unternehmen aufgebaut.

Doch wer soll ihre Arbeit fortführen? Die Töchter sind mittlerweile selbst schon fast im Rentenalter, als Felicia sich Ende der 70er endlich entschliesst, mit der Arbeit aufzuhören.
Die Enkel sind alle nicht unbedingt erste Wahl und doch entscheidet sie sich für Alexandra, die junge wunderschöne Enkelin, Tochter ihrer in USA lebenden Tochter Belle.
Alex ist wird sich in die Arbeit knien, wird Rückschläge hinnehmen müssen, eigentlich durch einen Brand in Fernost mit dem Unternehmen Lavergne ein drittes Mal scheitern - und doch wie Phönix aus der Asche wieder aufstehen...mit Hilfe ihrer Grossmutter und mit Hilfe eines Freundes, dessen Vater schon mit ihrer Grossmutter Geschäfte gemacht hat.


Mein zweiter Gedanke zum Buch:

Die Personen der Bände 1 und 2 sind allgegenwärtig, entweder Mithandelnde oder zumindest erwähnt. So kann man die Entwicklung dieser Grossfamilie wirklich und wahrhaftig nachverfolgen und sich "seinen" Liebling rauspicken.

Gut und beeindruckend fand ich, daß eine Enkelin der Felicia, deren Vater uns im zweiten Teil als strammer Nazi vorgestellt wurde, sich nach Israel begibt und dort ein Stück Geschichte nachvollzieht. Sigrid, die von ihrer Mutter gelernt hatte, daß der Vater halt totzuschweigen ist, lernt zum ersten Male auch die Kehrseite - und wird von dieser Erinnerung nie wieder loskommen.

Es sind die Details, von denen dieser dritte Band zehrt, denn, wie ich schon schrieb, die großen geschichtlichen Ereignisse liegen hinter uns und die Maueröffnung wird irgendwie nur am Rande gestreift, denn zu diesem Zeitpunkt sind alle Familienmitglieder schon im "goldenen Westen" und damit ist das für das Buch auch nicht das stilistische Grossereignis.

Das Buch zum Dritten und Letzten:

Alex rettet mit Hilfe ihres Freundes und dessen Geld ihre Firma, Chris, ihr Bruder findet seine große Liebe, Sigrid heiratet in Israel und die Grossfamilie wächst und fällt dabei systematisch doch auseinander.

Der Traum der Felicia Lavergne ist eigentlich ausgeträumt. Lulinn gehört nicht mehr zu Deutschland, die Kinder gehen alle ihre eigenen Wege, Maxim, der Mann ihrer Jugend, ihre einzige wirklich große Liebe, ist in ihren Armen an Magenkrebs verstorben, Alex hat die Fabrik gerettet....nur eines will sie noch:
Mit ihren Töchtern Belle und Susanne noch mal nach Lulinn fahren - gucken, wie es dort nach 50 Jahren ausschaut. Von dem Personal, das sie damals hatten, hat nie wieder jemand etwas gehört. #In Berlin bereitet sich Felicia auf die große Reise vor, sie ist inzwischen 94 Jahre alt - und muß wegen eines Schwächeanfalles davon ablassen.

Sie wird ihr geliebtes Lulinn nicht mehr wiedersehen und doch lebt es weiter - in den Gedanken und Träumen, in den Erzählungen und in der Wirklichkeit:
Alex und ihr Bruder Chris besuchen Lulinn, wollen endlich wissen, was an den Geschichten der Grossmutter und der Mutter dran ist.

>>Aber alles was sie gefunden hatten, waren ein ausgebranntes Haus und ein paar verwitterte Grabsteine, und das war zu weit entfernt von dem Bild, das sich Chris gemacht hatte.
"Kommst Du mit?", fragte er. "Vielleicht kann man ja in Insterburg irgendwo essen. Ich weiß nicht, was wir hier noch tun sollten."
"Geh schon mal zum Wagen", sagte Alex, "ich komme sofort."
Sie sah ihm nach, wie er davonging. Schrilles Vogelzwitschern hob ringsum warnend an. Ein aufgeschrecktes Euchhörnchen huschte den Stamm einer Fichte hinauf. Sie stand ebenfalls auf, trat ihre Zigarette aus, sehr sorgfältig, vergewisserte sich, daß sie nicht mehr schwelte. Chris hatte recht, hier gab es nichts mehr zu tun.

Aber es war richtig gewesen, herzukommen, so wie es richtig war, jetzt wieder zu gehen. Sie hatte einen Blick in eine Zeit geworfen, die weit zurücklag, und es kam ihr vor, als sei sie dort auch einem Teil ihrer selbst begegnet. Felicias Wurzeln waren auch die ihren. Es schienen ihr überaus tragfähige Wurzeln zu sein, tief und fest und nicht zu erschüttern. Die Frage blieb, ob sie sich als stark genug erweisen würden, nachfolgenden Generationen Kraft zu verleihen. Die Antwort darauf würde nur die Zeit geben.
Sie verlies den alten Friedhof und folgte Chris zum Auto zurück; sie schaute sich nicht ein einziges Mal mehr um.<< (3)

- Ende des 3. Bandes -

Mein dritter und letzter Gedanke zum Buch:

Der Kreis schliesst sich. Felicia hat ihr Leben gelebt und hat es uns miterleben lassen. Man sollte die beiden ersten Bücher unbedingt gelesen haben, sonst verfitzt man sich im dritten Band. Aber auch dieser Band lässt sich hervorragend lesen, auch wenn er vielleicht zeitweilig ein wenig abflacht. Das hat weniger mit den handelnden Personen zu tun, als vielmehr mit der Zeitepoche, in der wir uns hier befinden.
Lesenswert ist es allemal und unbedingt zu empfehlen.

Als ich die letzte Seite hinter mich gebracht hatte und das Buch zugeschlagen hatte, war mein nächster Gedanke "Und nun? Wo kriege ich nun was gleichwertig gutes her?"

Ich glaube, ich werde immer wieder gute Bücher finden, aber ich darf behaupten, daß die hier vorliegende Trilogie mit zu den besten gehört, die ich aus neuerer geschichtlicher Zeit in derartig hervorragend recherchierter Form gelesen habe.

Das Buch:
"Die Stunde der Erben" von Charlotte Link liegt mir hier in einer Fassung vom Goldmann-Verlag als Taschenbuch vor. Das Buch mit 541 Seiten ist unter der ISBN 3-442-43395-9 registriert. Auf dem Buch ist ein Preis von 16,90 Euro verzeichnet, ich habe das Buch für 7 Euro bei Ebay ersteigert - dort gibt es auch jede Menge weiterer Charlotte-Link-Romane zu ersteigern.
Band 1 "Sturmzeit" und Band 2 "Wilde Lupinen der Trilogie "Sturmzeit findet Ihr bei mir unter dem Titel "Generationen im Wandel der Zeiten" Teil 1 und 2....

Eine Anmerkung zur Autorin sei mir noch gestattet:
Charlotte Link gehört keinesfalls zu meinen bevorzugten Schriftstellerinnen. Ihre Romane sind oft reisserisch, anstrengend und nicht unbedingt in dem Stil, in dem ich Bücher mag.
Die Sturmzeit-Trilogie nimmt neben dem Buch "Das Haus der Schwestern" dabei einen entgegengesetzten Stellenwert ein und daher werden diese Bücher auch von mir uneingeschränkt empfohlen.

Euch allen viel Freude beim Lesen - was auch immer Ihr grad in den Händen habt.


Anette


Quellenangaben:
(1) Die Stunde der Erben, Seite 7
(2) Die Stunde der Erben, Seite 55
(3) Die Stunde der Erben, Seite 541

Fazit: Das Fazit ist traurig, weil die Geschichte zuende ist

Name des Mitglieds: AnetteW