

Kurzbeschreibung: Genre: SciFi / Fantasy / Jahr: 1971
In der neuen Welt: Radikalkur für Pioniere
Produkt:
Die Pioniere von Sigma Draconis - John Brunner
Datum: 04.11.09
Bewertung:
Vorteile: spannend, psychologisch motiviert, kritisch-engagiert, kompetent übersetzt
Nachteile: noch unausgegoren, ziemlich kurz (rund 120 S.), radikale Lösung, veraltete Übersetzung
Die Menschen von der Erde haben den gastlichen Wasserplaneten Asgard erreicht, eine erdähnliche Welt ohne einheimische Intelligenzwesen oder gefährliche Tiere. Asgard verspricht eine paradiesische Kolonie zu werden, eine zweite Erde - doch das ist ein fataler Irrtum. (Verlagsinfo)
Der Autor
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John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh "brennend" für Science Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung "The Development of a Science Fiction Writer" schreibt. Schon am College, mit 17, verfaßte er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, "die heute glücklicherweise vergessen ist", wie er sagte.
Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich "über Wasser zu halten", wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, daß sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.
Diese nach dem Verlag "Ace Doubles" genannten Billigromane, in erster Linie "Space Operas" im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.
Brunner veröffentlichte "The Whole Man" 1958/59 im SF-Magazin "Science Fantasy". Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste - der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.
Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama "Morgenwelt" gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.
Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: The Jagged Orbit (deutsch 1982 unter dem Titel "Das Gottschalk-Komplott" bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in Stand On Zanzibar die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von The Jagged Orbit die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhaß und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.
Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch "Schafe blicken auf" wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi - was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.
Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman Muddle Earth (der von Heyne als "Chaos Erde" veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science Fiction Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.
Handlung
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Dennis Malone kann nicht schlafen, denn er hat ein seelisches Problem. Er ist der einzige Entdecker in der gesamten Kolonie, die die Erde auf dem Planeten Sigma Draconis III errichtet hat. Während alle anderen bauen und erschaffen, drängt es ihn hinaus ins Weite, um zu erforschen und zu entdecken. Schuldgefühle bedrängen ihn.
Aber das ist nicht der Grund für die Schlaflosigkeit. Daran ist der Verlust seiner Freundin Sigrid schuld, die bei einer Havarie auf dem Mond dieses Planeten zusammen mit einem weiteren Entdecker ums Leben kam. Die Narbe, die auf dem Mond zurückblieb, erinnert Malone stets von Neuem an seinen Verlust. Nur zwei von drei Siedlerschiffen sind noch übrig. Nähme er eines davon, um zur Erde zurückzukehren, würde er das Überleben der Kolonie gefährden. Es ist eine Zwickmühle.
Deshalb ist Malone ganz froh, als ihn der Führer der Kolonie auf eine wichtige Mission ausschickt. Er soll nicht nur Diamanten für Bohrköpfe suchen, sondern vor allem ein Gegenmittel gegen den um sich greifenden Mangel an Vitamin C. Schon hat der Skorbut 22 von 181 Mitgliedern der Siedlung erfasst. Eine einheimische Bakterie macht sich offenbar über die Ascorbinsäure in den Menschen her, weil sie keinen anderen Ersatz findet. Und die Menschen können das Vitamin C nicht mehr künstlich herstellen, weil ihr Labor bekanntlich auf dem Mond zerschellt ist.
Mit anderen Worten: Das Überleben aller auf der Welt Asgard könnten Dennis Malones Glück abhängen. Er findet tatsächlich eine Diamanteninsel, doch beim Baden im Meer sticht ihn eine Qualle. Deren Gift versetzt ihn in einen halluzinatorischen Zustand. Im Traum verwandelt er sich in einen keltischen Helden seiner irischen Heimat, der zur Neuen Welt im Westen segelt. Doch als er dort von den Früchten der Elfen kostet, wandelt sich sein Sinn und er passt sich dem Land an.
Als Malone wieder zu sich kommt, stellt er zu seinem Entsetzen fest, dass er nicht weniger als zehn Tage wie ein Tier gelebt hat. Er hat unsauberes Wasser getrunken, Rinde gegessen und alles mögliche andere. Schleunigst kehrt er zur Basis zurück, besorgt, weil er keinen Funkkontakt herstellen kann. Als er den Hafen erreicht, empfängt ihn Saul Carpender mit einem Gewehr im Anschlag! Und überall sind Spuren der Zerstörung zu sehen. Erst als Carpender ihn wiedererkennt, erzählt er Malone, wie es zu diesem Desaster kommen konnte. Die Kolonie scheint vor dem Aus zu stehen...
Mein Eindruck
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Der Schluss der Geschichte hat mich dann aber doch geschockt. Nachdem mich der Autor mit zahlreichen Fakten über den Planeten Asgard vertraut gemacht und eine Rettung der Kolonie in Aussicht gestellt hat, macht sein Held eine radikale Kehrtwende. Es ist nämlich so, dass die Kolonie wegen des Vitamin-C-Mangels dahinsiecht und sich die Leute kaum noch auf den Beinen halten können. Mit Malones Vitamin-C-Tabletten halten sie ein paar Wochen länger durch, doch irgendwann ist dieser Vorrat zu Ende: Das endgültige Aus droht.
Doch warum ist dann Malone der einzige Mensch, der völlig gesund und kräftig erscheint? Diesem Widerspruch muss Malone selbst erst einmal auf den Grund gehen. Als er von Carpender hört, dass ausgerechnet diejenigen Führungsmitglieder, die den Saft von einheimisch angebautem Gemüse und Obst getrunken hatten, erst ins Delirium sanken, bevor sie ihr Zerstörungswerk begannen, erinnert ihn dies an sein eigenes Erlebnis auf der Insel. Der entscheidende Faktor ist offenbar, die Mikrolebewesen des Planeten in sich aufzunehmen. Die Abwehrreaktion ist von einem halluzinatorischen Zustand begleitet. Hat er auch die Erkenntnis herbeigeführt, dass die Überlebensvorrichtungen der Kolonie zerstört werden müssen?
Erst als Malone, quasi im vierten Schritt des Asgard-Experiments, die "Verrückten" aufsucht, die einen kleinen Siedlerkreis gegründet haben, weil sie kerngesund sind, beginnt er zu verstehen. Wer nun erwartet, dass diese Elite den kranken Siedlern hilft, ist aber auf dem Holzweg. So schockierend die Lösung ist, so konsequent wird sie umgesetzt: Alle 174 Siedler, die nicht von Asgard leben, müssen getötet werden! Eine dritte Expedition von der Erde findet eine blühende Kolonie vor, die in Einklang mit der fremden Welt lebt, die ihre Heimat geworden ist.
Die Übertragung des Asgard-Experiments auf die Erde ist einfach. Die Lehre lautet simpel: "Es kann nicht gut gehen, dass der Mensch als Bewohner des Planeten diesen Planeten ummodeln will. Vielmehr muss es umgekehrt laufen, und der Mensch muss sich komplett auf den Planeten einlassen, ihn achten und seine Ressourcen schützen. Raubbau führt nur zu eigener Vernichtung." Der Haken bei diesem Argument: Der Mensch hat sich aus diesem Planeten heraus entwickelt, also muss etwas schiefgegangen sein, aber was? Antwort: Der Mensch bzw. seine moderne technische Zuvilisation ist zum Feind seiner Umwelt geworden. Das wird sein Verderben. Die radikale Lösung lautet laut Brunner: Auslöschung, kompletter Ersatz, Neuanfang. Das erscheint wenig wahrscheinlich.
Ein Zugeständnis an die drogengeschwängerte Zeit von 1968 (siehe Copyright) ist die Methode der Erkenntnisgewinnung durch halluzinogene Drogen. Jede Träumende erlebt die in seiner Kultur verankerten Mythen und Sagen von Tod, Verwandlung und Wiedergeburt ganz persönlich. Die Griechin Kitty Minakis etwa träumt von der antiken Unterwelt Hades, der Ägypter vom Wiegen der Seele im alten Ägypten usw. Dies ist der weitaus interessanteste Teil des Buches und könnte fast von Roger Zelazny stammen, der Mythen intensiv in seinen Frühwerken (1965-70) umgesetzt hat.
Die Übersetzung
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Das Buch ist ebenso wie die Übersetzung schon ziemlich betagt. 1971 machte der Übersetzer offenbar noch keinen Unterschied zwischen einem Radio und einem Funkgerät, alles war "radio", genau wie im Englischen. Einmal verwendet er zudem das heute verpönte Wort "Neger", was heute undenkbar wäre (außer bei der NPD). Schließlich gibt es noch die üblichen Druckfehler, wie man sie in Heyne-Taschenbüchern überall fand (Heyne gehört ja jetzt zu Random House).
Unterm Strich
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Dieser Siedlerroman würde sich durch nichts von unzähligen anderen seiner Machart unterscheiden, gäbe es nicht zwei besondere Merkmale: Die Erkenntnismethode für diejenigen, die überleben werden, besteht im Drogenkonsum. Das ist wohl auf die Predigten des LSD-Papstes Timpothy O'Leary zurückzuführen. Aber viele weitere britische Autoren wie etwa Brian Aldiss ("Barfuß im Kopf") griffen diesen gedanken auf. LSD ist aber nur der Geistöffner, um an die eigentliche Wahrheit zu gelangen, die in Mythen der Völker der Erde verschlüsselt zugänglich ist.
Die zweite Besonderheit ist typischer Brunner: Die Lösung für das Problem der technisch-westlichen Zivilisation muss bzw. kann nur noch radikal vorgestellt werden, als entdgültigen Schnitt. Nur danach ist Rettung noch vorstellbar und umzusetzen. Auf Asgard klappt die Lösung wundersamerweise (trotz eines höchst begrenzten Genpools: sechs Leute) wie ein zweites Eden, doch auf der Erde fehlen dafür die Voraussetzungen. Dies zu wissen, sollte dem Leser bereits als Warnung dienen.
Fazit: drei von fünf Sternen
Michael Matzer © 2009ff
Info: Bedlam Planet, 1968; Heyne 1971 und 1984, Nr. 06/3238 und in 06/1001, München; 126 Seiten, DM 3,80, aus dem Englischen übertragen von Walter Brumm; ISBN 3-453-31147-7
Fazit: siehe Bericht
Name des Mitglieds: mmatzer
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


08.11.09
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