Die fünfte Frau (Mankell, Henning)
Von Eis- und Raubtierfallen - Die fünfte Frau (Mankell, Henning) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Zsolnay Verlag

 
 

Von Eis- und Raubtierfallen

Produkt:

Die fünfte Frau (Mankell, Henning)

Datum: 04.02.02, geändert am 16.09.04 (206 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: spannende Story, einfach zu lesen, detailierte Schilderung polizeilicher Ermittlungsarbeit

Nachteile: detailierte Schilderung polizeilicher Ermittlungsarbeit, bisweilen zäh zu lesen, wirkt tlw. konstruiert, für labile Leser besteht Depressionsgefahr ;-)

Trotz stark eingeschränkter Freizeit ist es mir doch noch gelungen, ein Buch zu lesen und diese kurze Einschätzung zu schreiben. Es war mein insgesamt fünfter Wallander-Fall, der mir die Besonderheiten der schwedischen Sprache wieder ein Stückchen näher gebracht hat: ‚å’... ;-)


...


Nachdem im letzten Sommer ein jugendlicher Psychopath die Polizeitruppe um Kommissar Wallander beschäftigt hatte, schlägt wieder ein unheimlicher Serienkiller im südschwedischen Schonen zu. Die Opfer sind alleinstehende unauffällige Bürger, ein Heimatdichter, der es mit Vögeln hatte, ein Orchideenfreund, Besitzer eines kleinen Blumenladens und ein Forscher, der sich an der Universität mit Milchallergien beschäftigte.

Den Beginn nimmt die Geschichte in Algerien, wo fundamentalistische Meuchelmörder in einer Nacht neben vier hilflosen Nonnen auch noch eine zufällige Besucherin, eine „fünfte Frau“ in ihrem Bett ermorden. Deren Tod, der von offizieller algerischer Seite unter den Teppich gekehrt wurde, wird dennoch der Tochter des Opfers bekannt und löst eine Reaktion bei ihr aus, die zwar lange geplant, jedoch bisher bewusst kontrolliert und unterdrückt worden ist.

Und es sind wieder abscheuliche Morde, die Opfer werden aufgespießt, erwürgt und ersäuft. Gibt es einen Zusammenhang? Wieder die gleichen mühseligen Ermittlungsarbeiten wie im letzten Jahr, wer waren die Opfer, gab es Beziehungen zwischen ihnen, existieren Parallelen, wo wird ein Motiv erkennbar oder wird der Täter gar weiter morden?

Bei ihren Ermittlungsarbeiten geht Wallander mit seinen Beamten zuerst von verkehrten Voraussetzungen aus. Dann stoßen sie auf Vorkommnisse, die viele Jahre zurückliegen und die plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen. Oder spekulieren sie nur wieder und verfolgen erneut eine ganz falsche Fährte?

...

In gewohnter Manier kämpft Kurt Wallander an der Lösung dieses Falles. Er gibt wieder alles, ist n
ahezu ständig unterwegs, sitzt in stunden- und nächtelangen Besprechungen, er isst unregelmäßig und schläft kaum, die frisch getankte Kraft aus einem kurzen Urlaub in Rom ist schnell verbraucht. Nur ständiger Kaffeegenuss hält ihn auf den Beinen. Es ist Herbst in Schonen, die Temperatur nahe Null, die Polizisten bewegen sich ständig im Nebel, im Sturm oder im Schlamm.

Und genauso trüb wie das Wetter ist die Stimmung des Kurt Wallander. Die Arbeit, die ihm wieder keinen Raum für ein Privatleben lässt, beschäftigt ihn rund um die Uhr und laugt ihn völlig aus. Er ermittelt in viele Richtungen, doch die Unsicherheit seiner Annahmen beunruhigt ihn sehr. Er schlägt sich ständig mit Zweifeln herum, Zweifel an der Ermittlungsarbeit und Zweifel an seinem Dasein...

Seine Depressionen werden vom plötzlichen Tod des Vaters und von der Höhe einer Reparaturkostenrechnung seines Autos weiter verstärkt. Durch seinen permanenten Arbeitsdruck haben die beiden Ereignisse ungefähr den gleichen Stellenwert, er findet kaum die Zeit, um seinen Vater zu betrauern...

Aber er träumt davon, sein Leben zu ändern, ein Häuschen auf dem Land, zusammen mit seiner lettischen Freundin Baiba und von einem Hund.


Leseprobe:

Als Wallander an diesem Mittwoch morgen um kurz nach sechs aufwachte, war er immer noch sehr müde. Sein Schlafdefizit war groß. Die Kraftlosigkeit lag wie ein Bleilot tief in seinem Bewusstsein. Er blieb mit offenen Augen unbeweglich im Bett. Der Mensch ist ein Tier, das lebt, um durchzuhalten. Im Augenblick sieht es so aus, als sei ich dazu nicht mehr in der Lage.
Er setzte sich auf die Bettkante. Der Fußboden unter seinen Füßen war kalt. Er sah auf seine Zehennägel. Sie mussten geschnitten werden. Seine ganze Person brauchte eine Totalrenovierung. Er zwang sich in die Senkrechte. Dann ging er ins Badezimmer. Das kalte Wasser war wie eine Ohrfeige. Er dachte, dass er eines Tages damit aufhören würde. Mit dem kalten Wasser, da
s ihn dazu zwang, wieder zu funktionieren. Er trocknete sich ab, zog den Morgenrock an und ging in die Küche. Immer die gleiche Routine. Das Kaffeewasser, danach das Fenster, das Thermometer. Es regnete. Vier Grad plus. Herbst, die Kälte, die sich schon festgesetzt hatte. Jemand im Polizeipräsidium hatte vorhergesagt, dass ein langer Winter bevorstehe. Er fürchtete ihn.

...

Und im Kern setzt sich der Roman natürlich wieder mit dem Verfall der schwedischen Gesellschaft und der ständig zunehmenden Gewalt auseinander. Thematisiert wird dabei in vielerlei Hinsicht die Selbstjustiz gegenüber der Ohnmacht und Hilflosigkeit von Staat und Polizei.


Ich erstand den Roman bei amazon.de. Mittlerweile im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen, kostet er mit seinen nicht immer temporeichen dafür aber spannungsgeladenen gut 560 Seiten 10 Euro(ISBN 3-423-20366-8).


Fazit:

Ich halte die fünfte Frau für einen gelungenen Roman, der wiederum sehr vielschichtig angelegt ist. Er besticht durch eine hohe Dichte, mit stimmigen Dialogen und nachvollziehbaren und logischen Überlegungen. Die Polizisten sind keine reinen Ermittlungsbeamten, sondern Menschen, die mit ihren Gedanken und Gefühlen dargestellt werden. Sie sind Beteiligte am Geschehen und das oftmals viel näher, als es ihnen lieb ist.

Nur bei der Einschätzung des Romanes muß man ein wenig differenzieren.

Sein Vorläufer „Die falsche Fährte“, den ich kürzlich erst las, war von der Story sehr ähnlich angelegt, deshalb erinnerte mich in der „fünften Frau“ sehr vieles an die damaligen Ermittlungsarbeiten. Man sollte deshalb vielleicht in den gleichen Rhythmen lesen, wie die Romane auch entstanden sind, nämlich jedes Jahr nur einen. Und die Story selbst wirkte im Gegensatz zum Vorgänger manchmal recht konstruiert, wenn plötzlich lange zurückliegende Umstände neue Überlegungen und Resultate erzeugen. Und mitunter quälte ich mich auch durch die
Schilderungen der schier endlosen Sitzungen mit der Fülle der zu vergebenen Ermittlungsaufträge, da ich dies ja nun schon seit Wochen tat ;-)

Für jemand, der „Die falsche Fährte“ nicht mehr so im Kopf hat, oder überhaupt noch nicht gelesen hat, ist der Roman aber zweifellos sehr zu empfehlen!

Ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten habe ich die Story am Rande angerissen. Ich denke dennoch, nichts Wesentliches vorweggenommen und somit ein unvoreingenommenes Lesevergnügen erhalten zu haben.



Edgar


PS: Der Autor:

Diesen Abschnitt habe ich ganz bewusst ans Ende gesetzt, da Henning Mankell mittlerweile einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, und von den meisten Lesern deshalb sowieso überscrollt worden wäre.

(Informationen u.a. von amazon.de, inhaltlich identisch mit den Informationen zu meiner Meinung zu ‚Die falsche Fährte’)

Henning Mankell wurde am 3. Februar 1948 im nordschwedischen Härjedalen geboren. Sein Vater zog ihn alleine auf, weil seine Mutter die Familie im Stich ließ. Zuflucht fand der junge Henning in seiner Phantasie und in seiner Sehnsucht nach Afrika.

Mit 17 Jahren zog er nach Stockholm und wurde dort Regisseur. Erste Veröffentlichungen spiegeln die Mentalität der 68er Bewegung wider. 1972 fährt er zum ersten mal nach Afrika. Dort fand er seine wahre Heimat, lebte 2 Jahre in Sambia und entwickelte eine kritische Distanz zu Europa.

1979 veröffentlichte Henning Mankell seinen ersten Roman "Das Gefangenenlager, das verschwand." In den darauffolgenden Jahren arbeitete er für verschiedene Theater als Regisseur, Autor und Intendant in Schweden. Er pendelte zwischen Europa und Afrika. 1985 wurde er eingeladen in Mosambik beim Aufbau eine professionellen Theaters in Maputo zu helfen.

Dort fand Mankell seinen Lebensrhythmus: morgens schrieb er an seinen Romanen, am Nachmittag arbeitete er mit seinem Theaterensemble. In Ma
puto entstanden seit 1990 auch große Teile seiner "Kurt-Wallander"-Krimis. Die Sommermonate verbrachte Mankell oft in Schweden, zusammen mit seiner dritten Ehefrau Eva, der Tochter von Ingmar Bergman. Sie ist Theaterregisseurin und leitet eine Bühne in Göteborg.

1996 wird Henning Mankell Leiter des Theaters "Teatro Avenida" in Maputo. Das Theater ist das Abenteuer seines Lebens. Geld erwartet er dort nicht - er finanziert seine Leidenschaft mit seinen Krimi-Bestsellern.

Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. von der Skandinavischen Gesellschaft für Kriminalliteratur, vom deutschen Buchhandel und mit dem Astrid Lindgren Preis.

Über die „Wallander“-Krimis habe ich irgendwo gelesen, dass sie in Schweden u.a. auch bei der Polizeiausbildung als Schulungsmaterial Verwendung finden!


In Deutschland erschiene Werke :

>Die Kurt-Wallander-Serie:

Diese mittlerweile abgeschlossene Romanreihe, die den Autor weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt machten, wurde seltsamerweise nicht chronologisch ins Deutsche übersetzt. Sie erschienen im Original:

*Mörder ohne Gesicht (1991)
*Hunde von Riga (1992)
*Die weiße Löwin (1993)
*Der Mann, der lächelte (1994)
*Die falsche Fährte (1995)
*Die fünfte Frau (1996)
*Mittsommermord (1997)
*Die Brandmauer (1998)
(1999 erschienen unter dem Namen ‚Pyramiden’ noch Erzählungen über Wallander, die aber bisher noch nicht übersetzt sind).


>Weitere Bücher von Henning Mankell in deutscher Übersetzung:

Kinder- und Jugendbücher:

*Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (1992)
*Die Schatten wachsen in der Dämmerung (1994)
*Das Geheimnis des Feuers (1997)
*Der Junge der im Schnee schlief (1998)
*Die Reise ans Ende der Welt (1999)
*Ein Kater schwarz wie die Nacht (2000)

Afrikaromane:

*Der Chronist der Winde (2000) <
br><br>*Die rote Antilope (2001)



Fazit:

Name des Mitglieds: edgar43