Die falsche Fährte (Mankell, Henning)
...welches Beilchen hätten sie denn gerne? ...gehackt und skalpiert? - Die falsche Fährte (Mankell, Henning) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Zsolnay Verlag; ISBN: 3423204206

 
 

...welches Beilchen hätten sie denn gerne? ...gehackt und skalpiert?

Produkt:

Die falsche Fährte (Mankell, Henning)

Datum: 10.01.02, geändert am 16.09.04 (656 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: s.Text

Nachteile: keine (wenn man sich erst einmal an die Namen gewöhnt hat *g*

Ich habe mich beeilt, bis Weihnachten meinen vierten Kurt Wallander-Fall „Die falsche Fährte“ fertig zu lesen, da zwischen den Jahren eine mehrteilige Verfilmung des Romans im ZDF laufen sollte. Und diese Verfilmung interessierte mich sehr. Sollte sie mir doch die Figuren näher bringen, mit denen ich mich im Lauf der letzten Monate beschäftigt und die ich bei ihrem beschwerlichen Polizeialltag begleitet habe.

Das fiel mir anfangs übrigens gar nicht so leicht. Ungewöhnliche Namen und Handlungsorte (... mein erster schwedischer Krimi), andere Umgangsformen, neben Wallander nur schwach charakterisierte Figuren, die erst einmal im Kopf entstehen mussten, ein ungewöhnlicher Hauptdarsteller, brummelig, beladen mit persönlichen Problemen, schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen und voller Sorge über die gesellschaftliche Entwicklung Schwedens.

Schon beim ersten Roman „Mörder ohne Gesicht“ stellte sich die Erkenntnis ein, einen „anderen“ Kriminalroman zu lesen. Einen etwas düsteren und kalten zwar, aber dennoch einen, der durch die Stimmungsbilder über Land und Leute und wegen der humorlosen und intensiv herausgearbeiteten Figur des Kurt Wallander mit all seinen Sorgen und Nöten auch irgendwie faszinierte. Einen eher untypischen Krimi, nicht die Verbrecher spielten eine Rolle, sondern die Figuren, die vom Verbrechen berührt wurden, die polizeiliche Ermittlungsarbeit mit alltäglichen Höhen und Tiefen, kleinere Erfolge, ständig bohrende Fragen, menschliche Probleme und Bedürfnisse und die Routine. Dabei wurden die kriminellen Ereignisse um die Kleinstadt Ystad und Umgebung so glaubhaft realistisch beschrieben, als wären die Ereignisse authentisch und der Leser live dabei. Bis zu diesem Verbrechen war die Welt hier in der südschwedischen Provinz scheinbar noch in Ordnung, damit war es aber von nun an vorbei!

Veränderung ist sowieso der rote Faden, der sich durch die Wallander-Romane zieht. Festgemacht an der
Kriminalität, selbst hier auf dem Lande, die eine ganz neue Qualität erlangt, eine ungeahnte Brutalisierung erfährt und in ganz neuen Dimensionen verläuft, klagt Mankell in seinem eigentlichen Gusto die Veränderungen in der Gesellschaft und im schwedischen Sozialsystem an.

In der Wallander-Reihe sind insgesamt 9 Fälle erschienen, die die Probleme und das Leben des Kleinstadtpolizisten in weiteren und, nach meinem Geschmack, gegenüber seinem ersten Fall, weit besseren Romanen erzählen. Vor weltpolitischen Ereignissen und Veränderungen spielen die nächsten beiden dramatischen und ungemein fesselnden Fälle „Hunde von Riga“ und ganz besonders(!) „Die weiße Löwin“. Seinen Fall Nr.4, der mein Interesse an Mankell durch seine monatelange Präsenz in den Bestsellerlisten überhaupt erst weckte und der in Deutschland auch erst sehr verspätet veröffentlicht wurde, habe ich – versehentlich – übersprungen („Der Mann der lächelte“), und habe als letztes nun seinen fünften Fall „Die falsche Fährte“ gelesen. Das war so schlimm aber nicht, da keine wesentlichen Veränderungen im Leben und Schaffen des Kurt Wallander durch den Vorgängerroman erkennbar wurden.




'Die falsche Fährte'


Wer an dieser Stelle jetzt eine präzise Inhaltsangabe erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich fasse diese Beschreibung sehr allgemein ab, da ich, wie meine Stammleser wissen, keine Inhaltsbeschreibungen vorwegnehme. So wie ich auch keine detaillierten Inhaltsangaben über interessante Bücher lesen möchte, verrate ich auch keine. Man will doch schließlich als Leser die Spannung auskosten!

Bei ‚Die falsche Fährte’ handelt es sich wieder einmal „nur“ um einen rein schwedischen Kriminalfall. Der überaus spannende Roman um die makabren Morde eines Serienkillers ist raffiniert aufgebaut. Obwohl der Leser den Mörder von Anfang an bei all seinem blutigen Treiben begleitet,
bleibt dessen Identität doch bis kurz vor dessen Entlarvung durch Wallander gegen Ende des Romans nahezu völlig im Dunkeln. Sofort klar ist nur, dass es sich bei ihm um einen geisteskranken Täter handeln muss, der von kaum nachvollziehbaren Motiven geleitet wird. Ein eher beiläufig beobachteter Selbstmord eines Mädchens und immer grausamere und gruseligere Tötungsrituale stellen sowohl Kripo als auch Leser vor immer die gleichen Fragen: weshalb nur, wer und warum so grausam... ?

Die Kripo um den leitenden Kommissar Kurt Wallander mit einem u.a. durch einen Polizeipsychologen verstärkten Team ermittelt mühsam, mit voller Kraft und dabei doch erfolglos. Sie haben alle Hände voll zu tun damit, die mit jeder neuen Leiche zunehmenden Ermittlungen, die sowohl die Upperclass als auch die unterste Gesellschaftsschicht berühren, richtig zu organisieren, das Interesse von Presse und Öffentlichkeit zu befriedigen und zu versuchen, Parallelen bei den Morden zu finden und erste Schlüsse zu ziehen. Dabei drückt die Unkenntnis über Täter und Motiv, und wann oder ob überhaupt weitere Morde geschehen werden, allen Beteiligten schwer aufs Gemüt. Es beansprucht viel Arbeit und verlangt größten Einsatz aller Beamten, bis Wallander schließlich erkennt, sie verfolgten bislang eine ‚falsche Fährte’...

Wie schon gewohnt, findet auch in diesem Roman ein Privatleben kaum statt, weil Wallanders Arbeitsauffassung und einziger Lebensinhalt dies kaum zulässt. Er kennt nur seine Arbeit, für die er fast rund um die Uhr ohne Rücksicht auf sich und seine Gesundheit im Einsatz ist. Die ohnehin problematischen Beziehungen zu Verwandten und Freundin werden nur mühsam von ihm am Leben erhalten.

‚Die falsche Fährte’ ist ein überaus spannendes Buch, dass auf 504 zumeist aufregenden Seiten menschliche Abgründe offenbart und die Belastungen verdeutlicht, denen Ermittlungsbeamte ausgesetzt sind. Daneben werden noch minutiöse Einblicke in den Polizeialltag g
ewährt und die verzweifelten Anstrengungen oder die mitunter auch instinktiven Denk- und Vorgehensweisen von Ermittlern aufzeigt. Da, wie in den anderen Wallanderfällen auch, der jeweilige Stand der Ermittlungsarbeit den Fortgang der Geschichte bestimmt, ist der Erzählstil bisweilen ein wenig zähflüssig und von wenig Tempo geprägt.




Mein Fazit


Was ist eigentlich dran an Kurt Wallander, was reizt die Leser(mich) eigentlich so an dieser Figur? Warum sind die Geschichten um diesen übergewichtigen und alleinlebenden Kommissar so erfolgreich? Bei all seiner Tristesse, trotz all seiner Probleme? (Und bei all den ungewöhnlichen Namen*g*?)

Für mich nehme ich mal in Anspruch, dass es sein Typ des Antihelden ist, der Wallander so sympathisch macht. Er ist zwar Polizist, könnte aber auch jeden anderen Beruf ausüben. Er löst seine Fälle zwar, zahlt dafür aber auch einen hohen Preis, denn er gibt einfach alles. Und er ist ein Chaot und Jedermann, der voller Ängste, Sorgen und Nöte steckt und sein Leben vor lauter Arbeit nicht organisiert bekommt: ...er versäumt seinen Waschtag oder Werkstatttermine zu vereinbaren, er nimmt sich bei jedem Hamburger vor, seine Essgewohnheiten zu ändern, er erlebt seine Umwelt als Beobachter, ohne irgendwie an ihr teilzuhaben. Und er hat schwierige Verhältnisse mit Kommunikationsproblemen zu seinem Vater und seiner Tochter. Eine Beziehung ist er nach seiner Scheidung nicht mehr eingegangen, wann sollte er auch? Hingezogen fühlt er sich zu Baiba, der Witwe eines lettischen Kollegen, der den ‚Hunden von Riga’ zum Opfer fiel. Da sie aber diese Ereignisse noch nicht gänzlich verarbeitet hat, sehen sich die beiden nur selten. Darüber hinaus machen ihm die Veränderungen in der (schwedischen) Gesellschaft schwer zu schaffen. Von Fall zu Fall scheint er frustrierter, eigenbrötlerischer und angeschlagener zu werden.

Gerade diese sehr menschlich angelegte Figur Kurt Wallander, die den Leser
an seinen Ängsten und Sorgen teilhaben lässt (mitleiden...) und in der sich jeder mehr oder weniger wiederfinden kann, scheinen mir der Grund seines Erfolges. Und dazu der Schreibstil von Mankell, der der Figur in leicht lesbarer Sprache Leben einhaucht (... wenn man sich erst einmal an die Namen gewöhnt hat *g*) .Sein Erzählstil – oder dessen Übersetzung - ist nicht sonderlich spektakulär, aber besonnen melancholisch, mit viel Gefühl für den einzelnen Augenblick und die jeweiligen Stimmungslage.

Und wenn es Mankell dann auch noch gelingt, seinen Protagonisten in spannende Storys zu integrieren, dann empfinde ich bei Mankells Kommissar Wallander pures Lesevergnügen! Deshalb auch für ‚Die falsche Fährte’ mein Prädikat „sehr empfehlenswert“ (Gegenanzeige: Bei Magenüberempfindlichkeit).

Ich erstand den Roman als Taschenbuch bei amazon.de, ISBN3-423-20420-6. Seit 1.01.2002 kostet er jetzt 10 Euro.



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Falls Euch der Autor schon bekannt ist oder weniger interessiert, könnt ihr bedenkenlos das folgende Kapitel überscrollen. Die Hinweise zur Verfilmung am Ende des Beitrages lege ich Euch jedoch nahe, falls dieses ‚Werk’ nochmals wiederholt werden sollte!
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Der Autor,
falls der Eine oder die Andere ihn trotz Mankell-Booms noch nicht kennt (u.a. von amazon.de)


Henning Mankell wurde am 3. Februar 1948 im nordschwedischen Härjedalen geboren. Sein Vater zog ihn alleine auf, weil seine Mutter die Familie im Stich ließ. Zuflucht fand der junge Henning in seiner Phantasie und in seiner Sehnsucht nach Afrika.

Mit 17 Jahren zog er nach Stockholm und wurde dort Regisseur. Erste Veröffentlichungen spiegeln die Mentalität der 68er Bewegung wider. 1972 fährt er zum ersten mal nach Afrika. Dort fand er seine wahre Heimat, lebte 2 Jahre in Sambia u
nd entwickelte eine kritische Distanz zu Europa.

1979 veröffentlichte Henning Mankell seinen ersten Roman "Das Gefangenenlager, das verschwand." In den darauffolgenden Jahren arbeitete er für verschiedene Theater als Regisseur, Autor und Intendant in Schweden. Er pendelte zwischen Europa und Afrika. 1985 wurde er eingeladen in Mosambik beim Aufbau eine professionellen Theaters in Maputo zu helfen.

Dort fand Mankell seinen Lebensrhythmus: morgens schrieb er an seinen Romanen, am Nachmittag arbeitete er mit seinem Theaterensemble. In Maputo entstanden seit 1990 auch große Teile seiner "Kurt-Wallander"-Krimis. Die Sommermonate verbrachte Mankell oft in Schweden, zusammen mit seiner dritten Ehefrau Eva, der Tochter von Ingmar Bergman. Sie ist Theaterregisseurin und leitet eine Bühne in Göteborg.

1996 wird Henning Mankell Leiter des Theaters "Teatro Avenida" in Maputo. Das Theater ist das Abenteuer seines Lebens. Geld erwartet er dort nicht - er finanziert seine Leidenschaft mit seinen Krimi-Bestsellern.

Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. von der Skandinavischen Gesellschaft für Kriminalliteratur, vom deutschen Buchhandel und mit dem Astrid Lindgren Preis.

Über die „Wallander“-Krimis habe ich irgendwo gelesen, dass sie in Schweden u.a. auch bei der Polizeiausbildung als Schulungsmaterial Verwendung finden!


In Deutschland erschiene Werke :

>Die Kurt-Wallander-Serie:

Diese mittlerweile abgeschlossene Romanreihe, die den Autor weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt machten, wurde seltsamerweise nicht chronologisch ins Deutsche übersetzt. Sie erschienen im Original:

*Mörder ohne Gesicht (1991)
*Hunde von Riga (1992)
*Die weiße Löwin (1993)
*Der Mann, der lächelte (1994)
*Die falsche Fährte (1995)
*Die fünfte Frau (1996)
*Mittsommermord (1997)
*Die Brandmauer (1998)
(1999 erschienen unter
dem Namen ‚Pyramiden’ noch Erzählungen über Wallander, die aber bisher noch nicht übersetzt sind).


>Weitere Bücher von Henning Mankell in deutscher Übersetzung:

Kinder- und Jugendbücher:

*Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (1992)
*Die Schatten wachsen in der Dämmerung (1994)
*Das Geheimnis des Feuers (1997)
*Der Junge der im Schnee schlief (1998)
*Die Reise ans Ende der Welt (1999)
*Ein Kater schwarz wie die Nacht (2000)

Afrikaromane:

*Der Chronist der Winde (2000)
*Die rote Antilope (2001)




Die Romanverfilmung ‚Die falsche Fährte’


Ein paar sehr kritische Anmerkungen zur Verfilmung kann ich mir nicht ersparen. Als angekündigte Romanverfilmung empfand ich den Dreiteiler im ZDF wirklich nur für grottenschlecht! Hätte die Verfilmung unter der Prämisse'...nach Motiven von...’ gestanden, wäre sie selbst diesem Anspruch kaum gerecht geworden.

Bei aller Kritik weiß ich überhaupt nicht, womit ich anfangen soll. Am besten anders herum, was fand ich gelungen? Gefallen hatte ich nur an der Besetzung des Kurt Wallander durch den schwergewichtigen schwedischen Schauspieler Rolf Laasgård. Dessen Darstellung mit dem typischen Äußeren eines Menschen, der auf sein Erscheinungsbild keinen gesteigerten Wert legt, deckte sich gut mit meinen Vorstellungen. Und die Anfangssequenz des Geschehens in Schweden (... das Buch beginnt anderswo) traf die Romanvorlage exakt. Aber dann...

... Man ging bei der unglaublich oberflächlichen Verfilmung frühzeitig von einem Serienkiller aus, obwohl die Mordserie überhaupt nicht stattfindet(!). Der Mörder war von Anfang an bekannt, wodurch eine Spannung, wie sie im Buch im wesentlichen auch durch die Unkenntnis des Lesers erzeugt wird, überhaupt nicht aufkommen konnte. Der Film beschränkte sich somit auf die genreübliche Darstellung der Polizeiarbeit, aber auch das ohne jeglich
en Spannungsaufbau und in einer enttäuschend seichten Art und Weise, so dass die ‚falsche Fährte’ überhaupt nicht herausgearbeitet wurde. Viele szenische Darstellungen der Filmversion existieren in der Romanvorlage überhaupt nicht, dafür hat man anderes stark verändert oder ganz außen vor gelassen. Und der Schluss hatte mit dem Roman überhaupt nichts mehr gemein. Die sehr unauffälligen Schauspieler waren insgesamt genauso farblos wie die ganze Story.

Alles in allem, eine einzige Enttäuschung. Die Figur Kurt Wallander berührte den Zuschauer in keiner Weise.

Worin überhaupt für den Zuschauer der Reiz dieser Verfilmung liegen sollte, erschloss sich mir nicht. Romankenner müssen enttäuscht gewesen sein und Nichtkenner können nicht einmal im Entferntesten die spannungsgeladene Faszination des Buches auch nur erahnen. Manchmal kam es mir so vor, als sollten der Fangemeinde von Wallander ein paar bekannte Szenen präsentiert werden, doch das war wirklich viel zu wenig. Schade für die aufgewendete Zeit!

Die nächste Verfilmung der ‚Fünften Frau’ werde ich mir schenken!




Edgar


Fazit:

Name des Mitglieds: edgar43