Die Blendung (Canetti, Elias)
Von Menschen und Monstern - Die Blendung (Canetti, Elias) Belletristik

Kurzbeschreibung: Fischer Verlag

 
 

Von Menschen und Monstern

Produkt:

Die Blendung (Canetti, Elias)

Datum: 02.08.02, geändert am 02.08.02 (188 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Scharf beobachtet, gut aufgebaut.

Nachteile: Manchmal etwas anstrengend.

Zu meinen ausgedehnteren Bildungslücken gehört die klassische deutsche Literatur (auch oft als Schulliteratur bezeichnet). Von dem, was ich dann tatsächlich mal vor die Nase bekommen habe, hat mir vieles nicht sonderlich gefallen – nur selten riss mich Schullektüre in Deutsch hinreichend vom Hocker, als dass ich mich ernsthaft an irgendwelchen Diskussionen darum beteiligt hätte, und vieles las ich (in der Gewissheit, dass ich dies vor dem Lehrer ganz gut verbergen konnte) nur halb. Wohlgemerkt, gelesen habe ich immer gern und viel, aber gerade bei den vermeintlich “wichtigen” Werken entging mir einiges. Und jetzt sitze ich manchmal da und frage mich, ob mir da was entgangen ist, was nachzuholen sich lohnen könnte.

Und dann passieren seltsame Dinge: Ich gehe an einem Antiquariat in einer größeren Stadt in Taiwan vorbei, das hauptsächlich Comics zu führen scheint (etwa die Hälfte aller hierzulande veröffentlichten Bücher sind Comics). Ohne große Hoffnung gehe ich hinein und frage den Chef, ob er auch ein oder zwei Bücher auf Englisch hat – Lesestoff kann ich immer ganz gut brauchen. Klar, sagt er, schau mal im Keller. Und dann gehe ich die Treppe hinab und mir stockt der Atem. Zwischen einer imposanten Auswahl an mäßig interessanten Englisch-Lehrbüchern steht ein Waschkorb voll deutscher Bücher, im Schnitt zu ein bis zwei Euro. Auf Nachfrage kriege ich mitgeteilt, dass ein anderer Ausländer diese vor einer Woche dagelassen habe.
Ich will nicht mit leeren Händen gehen (genaugenommen lade ich mich ziemlich voll – kein Wunder bei dieser einmaligen Gelegenheit) und gerate so an einige Bücher, die ich in einem schnieken Buchladen und zum Neupreis wohl kaum eines Blickes gewürdigt hätte. Die Rede ist unter anderem von einem Buch namens “Die Blendung” von Elias Canetti.

Der in Bulgarien geborene, aber als Kind nach Wien übersiedelte Canetti spielt ja sozusagen in der zweiten Liga der deutschsprachigen Literatur.
Etwas merkwürdig finde ich in dieser Angelegenheit die Andeutungen in der Taschenbuchausgabe des Fischer-Verlages, die ich nun in die Finger bekommen habe: Die Tatsache, dass “Die Blendung” 1935 in Wien erstveröffentlicht worden sei, habe (“von ungünstigen Zeitumständen behindert”) dazu beigetragen, dass Canetti nicht den ihm gebührenden Ruhm erhalten habe. Ahem. Es gibt doch wahrlich genug namhafte deutschsprachige SchriftstellerInnen, die im Exil nicht in Vergessenheit geraten sind. So ganz leuchtet mir das nicht ein. Aber Canetti selbst dürfte es im Nachhinein Wurscht gewesen sein: Der Literaturnobelpreis hat sicherlich dafür gesorgt, dass der Name wieder etwas bekannter wurde.

Jetzt komme ich mal zu einer kurzen Inhaltsangabe des gut fünfhundertseitigen Schinkens (so riesig viel passiert gar nicht, daher kann ich mich da kurz fassen):

Peter Kien ist Sinologe (China-Forscher). Aber nicht irgendeiner, sondern der bekannteste und unbekannteste von allen. Das soll heißen, dass jeder ihn und seine Werke für die Größten hält, aber niemand ihn je zu Gesicht bekommt. Wissenschaftliche Tagungen sind ihm zuwider, denn dort könnte Zeit mit Kaffeetrinken oder sonstigem Müßiggang vergeudet werden. Und Zeit hat Kien nicht zu verschenken: Den ganzen Tag hockt er an seinem Schreibtisch in seiner imposanten Privatbibliothek und arbeitet an seinen Forschungen. Unterbrechen lässt er sich nur von seiner Haushälterin Therese für die Mahlzeiten.
Als er diese eines Tages beim Saubermachen dabei beobachtet, wie vorsichtig und ehrfürchtig sie mit seinen kostbaren Büchern umgeht, ist es um ihn geschehen und er heiratet sie. Dabei geht es ihm wahrlich nicht um Liebe oder so einen Schnickschnack – die bloße Vorstellung an körperliche Berührungen ist ihm ein Graus - , sondern eher schon darum, eine sehr gute Haushälterin langfristig und kostensparend an sich zu binden. Schockierenderweise hat diese Frau aber tatsächlich sowas wie eigen
e Wünsche und Vorstellungen, und was noch viel schlimmer ist: Sie will plötzlich mit ihm reden! Dabei kostet ihn das seine kostbare Zeit! Bald einigen sie sich auf einen Vertrag, der ihm absolute Ruhe zubilligt.

Doch noch immer wird Kien nicht froh. Das Leben aneinander vorbei wird immer anstrengender, und nach weiterer Eskalation nimmt er schließlich Reißaus. Er trifft auf Fischerle, einen gewitztes Kerlchen mit Buckel, der Schach-Kneipenmeister ist und nun darauf hofft, nach Amerika zu gehen und dort Schachweltmeister zu werden. Für dieses Unternehmen braucht er Geld – und da kommt ihm der naive Kien gerade recht. Dieser hat einfach keine Ahnung von seinen eigenen Finanzen und lässt sich geradezu gern betrügen. Bald ist Fischerle fast reich und Kien fast pleite. Doch so einfach ist die Situation dann auch wieder nicht. Auch Therese und der Hausbesorger Benedikt Pfaff pfuschen weiterhin in Kiens Leben herum…

“Die Blendung” ist ein langsames Buch. Zwar war es mir nie langweilig, aber die Eskalation ging doch sehr langsam vonstatten. Allerdings ist sie auch recht zielgerichtet: Alle Figuren sind nämlich wahnsinnig, und sie leben das voll aus. Fischerle etwa befindet sich in Gedanken schon in Amerika. Alles, was er dort zu erleben plant, ist für ihn bereits Realität. Oder Pfaff, der allen Ernstes glaubt, am Tode seiner Tochter (die er vergewaltigt und totgeschlagen hat) einigermaßen unschuldig zu sein. Am dramatischsten ist der Realitätsverlust allerdings bei Kien, der ja nach langen Jahren des Rückzugs in die Wissenschaft durch seine Ehe erstmals wieder mit der Wirklichkeit konfrontiert wird. Als etwa jemand behauptet, seine Frau sei gestorben, malt er sich in den grässlichsten Farben den Hergang dieses für ihn wunderbaren Ereignisses aus. Diese Vorstellung ist für ihn so real, dass er sich auch von der natürlich wieder auftauchenden Gattin nicht von ihr abbringen lässt – er hält die ihm gegenüberstehende Frau für eine
bloße Illusion und ignoriert sie geflissentlich (vielleicht verschwindet sie ja dadurch). Sein Geständnis, an ihrem Tode nicht ganz unschuldig gewesen zu sein, hört wiederum Therese, die fortan glaubt, er müsse eine frühere Frau ermordet haben (auf sich selbst bezieht sie das Geständnis logischerweise nicht). Und so geht es immer weiter – letztlich handeln nicht Menschen miteinander, sondern Illusionen.

Und da sie alle in ihren eigenen Fantasiewelten leben und diese um jeden Preis bewahren wollen, gehen sie auch entsprechend mit anderen Leuten um. In diesem Buch sind einfach alle völlig herzlos, egoistisch und rücksichtslos. So etwas wie “nett” gibt es einfach nicht – wenn es doch einmal so aussieht, dann wird die Tat zwei Seiten später durch irgendwas Furchtbares wieder überdeckt. Dieses Muster setzt sich bis zum Ende fort, als eine Begegnung Kiens mit einer erst kurz vorher neu eingeführten Person eine Art Heilung verspricht. Doch es gibt ja noch das letzte Kapitel… Ich will nicht zuviel verraten.

Ich habe eine ganze Menge Lob für “Die Blendung” zu vergeben. Aufgrund einer Art mitleidigen Interesses an den Charakteren fand ich das Buch stets recht spannend und habe den Lesefluss nicht verloren, obwohl ich öfter Pausen einlegen musste. Auf der Realitätsebene passiert eigentlich gar nicht so furchtbar viel – aber in den verschiedenen Fantasieebenen heißt es konzentrieren, denn da sind zunächst unscheinbare Entwicklungen für die Gesamthandlung oft entscheidend. Sowas wie ein lockerer Lesespaß ist der Wälzer also sicherlich nicht.
Die Geschichte selbst finde ich ziemlich klasse. Canetti schlägt da in aller Härte zu und zeigt auf, wie grausam die Menschen doch zueinander sind. Und auch die Träumereien vom großen Glück sind sehr realistisch: Zwar steigert er sie in “Die Blendung” ins Groteske, aber ich denke, die meisten Menschen haben halt Träume, die unerreichbar bleiben, denen sie abe
r hartnäckig hinterherlaufen. Da habe ich mich geradezu ertappt gefühlt.
Prima auch, wie er die Gedanken der Leute oft in der ihnen eigenen Redeweise beschreibt. Therese etwa spricht und denkt in kurzen, abgehackten Sätzen und springt dabei teilweise wüst hin und her. Ganz anders Kien: Er versucht, immer logisch zu bleiben (selbst in seinen Wahnvorstellungen) und drückt sich deutlich gewählter aus. So werden die schrulligen Eigenheiten der Hauptpersonen sehr schön deutlich.

Allerdings trübt gerade dieser letzte Punkt den Unterhaltungswert doch ein wenig. Insbesondere Thereses wüste Gedankensprünge sind ziemlich anstrengend, vielleicht gerade aus der Sicht heutiger LeserInnen, die mit den Moralvorstellungen der Dreißiger Jahre nicht mehr ganz so vertraut sind. Ich möchte “Die Blendung” daher nur eingeschränkt empfehlen. Wer eine Bildungslücke füllen will oder sich dafür interessiert, wie ein Buch gekonnt aufgebaut werden kann, ist an der richtigen Adresse. Wer dagegen harmlose Bettlektüre sucht, findet sicherlich irgendwo was weniger Anstrengendes.

Eine aktuelle Ausgabe gibt es von Fischer für 9 Euro unter der ISBN 3596505038.

Fazit:

Name des Mitglieds: HilkMAN