Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß - Umberto Eco
Umberto Eco: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß - Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß - Umberto Eco Romane & Erzählungen

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Umberto Eco: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß
Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß - Umberto Eco

steffenp

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Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß - Umberto Eco

Datum: 28.12.00, geändert am 04.04.01 (217 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Geistreiches in kleinen Dosen

Nachteile: irreführender Titel

Etikettenschwindel

Umberto Eco: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß. Streichholzbriefe 1990-2000. Ausgewählt und übersetzt von Burkhart Kroeber. Carl Hanser Verlag, 2000. 186 S.
http://www.hanser.de/buch/2000/3-446-19906-3.h tm

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Der Titel dieser zweiten deutschen Auswahl von Ecos "Streichholzbriefen" ist ein offensichtlich marketing-diktierter Etikettenschwindel; von den 186 Seiten sind ganze dreieinhalb mit der einen Kolumne angefüllt, welche sich tatsächlich mit dem Medienphänomen "Derrick" auseinandersetzt, und gerade diese findet sich auch als Leseprobe auf der Website des Verlages. Sollte also jemand auf die Idee verfallen, dieses Buch des Titels wegen zu kaufen oder gar zu verschenken, so sei er hiermit davor gewarnt.

Wer das Buch "Wie man mit einem Lachs verreist" kennt oder 1986 bis 1988 regelmäßiger Leser der "Zeit" war, weiß, was die "Streichholzbriefe" sind, deren Name Eco auf die Innenseiten von Streichholzheften zurückführt, auf denen man sich kurze Notizen macht. Im römischen Nachrichtenmagazin "L'Espresso" schreibt Eco seit 1985 eine regelmäßige Kolumne, in denen er sich meist mit aktuellen Themen auseinandersetzt. Da viele dieser Themen dem außeritalienischen Publikum nichts sagen können, fällt die deutsche Auswahl naturgemäß recht klein aus und umfaßt nur noch 41 solcher Brieflein.

Daß man dabei keine breiten Abhandlungen erwarten kann, versteht sich von selbst, aber in der Kürze liegt hier auch die Stammwürze. Schon die Lektüre von nur e
in oder zwei Texten würde genügen um festzustellen, wie es Eco gelingt, seine Ansichten mit Esprit und Intelligenz auf den Punkt zu bringen und seinen Themen oft auch neue Seiten abzugewinnen: Golfkrieg und Völkerwanderung, Kosovokrieg und Kollaps des Sowjetimperiums, political correctness und Todesstrafe, Korruption und Fernsehen, seine eigenen Kinderaufsätze über Mussolini und die ethnisch-völkischen Schwachsinnigkeiten moderner Sezessionisten, Zigarrerauchen als Mode und Fußball als sexuelle Perversion, die Zukunft des Buches im Zeitalter der CDROM und die Sinnlosigkeit von Hypertext-Literatur, der religiöse Unterschied zwischen DOS-PCs und Macintoshs, die Vergeblichkeit der Suche nach Pornographie im Internet und das Problem der Unterscheidung zwischen relevanter und nutzloser Information auf dem Datenhighway, das infantile Bedürfnis der Zeitungen nach belanglosen Interviews und die Überschwemmung durch Umfragen, die kulturelle Bedeutung von Büchern und die Freude an den Klassikern, wann Intellektuelle schweigen sollten und wie man sich heiter auf den Tod vorbereiten kann - und dazu ein Exklusivinterview mit dem Kormoran, den wir auf allen Filmberichten von Ölkatastrophen sehen.

Die für mich interessanteste Erkenntnis stammt aus der Glosse zu einer Fernsehsendung namens "La Corrida", in der offenbar jedem Bürger unabhängig von seiner dilettantistischen Reife die Möglichkeit geboten wird, sich vor einem Millionenpublikum durch künstlerische Darbietungen zu blamieren. Ein Medienphänomen, dessen Erfolg Eco so erklärt: Da es heute nicht mehr politisch korrekt wäre, sich über den Dorftrottel lustig zu machen, erteilt man - absolut demokratisch - dem Dorftrottel das Wort und bietet seinem natürlichen Exhibitionismus die Live-Bühne zur Selbstdarbietung. Statt sich über das Gezänk eines zerstrittenen Pärchens auszulassen und eine Klage wegen Verletzung der Privatsphäre zu riskieren, holt man das Pärchen in's Studio und läßt überträgt die gegensei
tige Zerfleischung live - ein Paradigmenwechsel, der einiges erklärt, was wir heutzutage im Fernsehen erleben können. (Dabei ist diese Analyse, wie mir gerade auffällt, längst überholt, denn inzwischen gibt es ja schon Shows, in denen beides passiert: Erst macht man sich über die Leute lustig, dann holt man sie in die Show und verdient gleich zwei- oder dreimal dran - Maschendrahtzaun.)

Die zweite wichtige Erkenntnis war: Es ist viel weniger Schwachsinn spezifisch deutsch, als man meinen möchte. Ich weiß aber nicht, ob mich das beruhigt.

Mir haben die Streichholzbriefe großen Spaß und manchmal auch Nachdenklichkeit bereitet, auch wenn ich das Buch auf einer Bahnfahrt von Bremen nach Paderborn bereits auf der Höhe von Rheda-Wiedenbrück ausgelesen hatte. Aber man kann sich die Lektüre ja auch einteilen. Eco ist einer der leider seltenen Intellektuellen, die keine Scheu davor haben, sich gelegentlich aus dem Elfenbeinturm weit genug herabzubeugen, um ihre Nase auch mal in den Straßenstaub zu stecken und festzustellen, was dessen Geruch über den Zustand einer (Un)Kultur verrät.

Fazit:

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