Der Zirkel (Schwanitz, Dietrich)
Der Campus 2 - Der Zirkel (Schwanitz, Dietrich) Belletristik

Kurzbeschreibung: Goldmann Wilhelm Verlag -- ISBN 3-442-44348-2.

 
 

Der Campus 2

Produkt:

Der Zirkel (Schwanitz, Dietrich)

Datum: 05.12.00, geändert am 26.12.00 (36 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: siehe Text

Nachteile: siehe Text

Seit einigen Wochen befindet sich Dietrich Schwanitz mit seinem neusten Werk „Bildung“ in der Spiegel-Bestsellerliste ganz weit oben und hat damit den ewigersten Marcel Reich-Ranicki abgelöst. Bekannt geworden ist Schwanitz durch den Roman „Der Campus“, den Sönke Wortmann auf die große Leinwand transferierte. Abgesehen von Schwanitz’ Publikationen in der anglistischen Fachliteratur dürfte „Der Zirkel“ das wohl unbekannteste Schriftstück des 60jährigen Professors sein - vielleicht auch zurecht.

„Der Zirkel“ spielt wie „Der Campus“ zum größten Teil an der Uni Hamburg. Und wie in „Der Campus“ wird ein scheinbar undurchdringlicher Sumpf der Korruption und Verschwörung gezeichnet. Neu ist hingegen die Betonung einer Liebesgeschichte zwischen dem Referenten des Wissenschaftssentors Daniel Dentzer und der Journalistin Vanessa. Bei einem Go-in von Skinheads in einer Vorlesung des politisch angeblich zwielichtigen Soziologiedozenten Schneider wird die AstA-Vorsitzende tödlich verletzt und Daniel nimmt zusammen mit Vanessa die Aufklärung in die Hand. Dabei verschlägt es sie auch an die Uni Potsdam, das „Herz der Finsternis“, weil hier bis zur Wende die Stasi ihren Hauptsitz hatte.

Der Roman ist wie „Der Campus“ immer dann richtig gut, wenn Schwanitz zynisch über die Bildungspolitik herzieht, einleuchtende Verschwörungstheorien offenbart und fast undurchschaubare Intrigen spinnt. So lernt man den vermeintlichen Grund für die Rechtschreibreform als auch die wahren Mörder Rudi Dutschkes und deren Motiv kennen. Richtig schlecht ist das Prosawerk immer dann, wenn über mehrere Seiten die Liebesbeziehung zwischen Daniel und Vanessa geschildert wird. Das gipfelt in einem ausgewalzt-trivialen Romanende. Die Geschichte hätte man fünfzig Seiten kürzer mindestens genauso gut, wenn nicht besser, erzählen können.

Für mich als Anglistikstudenten an der Uni Pots
dam birgt „Der Zirkel“ einen zusätzlichen Reiz: Die Schilderung der Örtlichkeiten in und um die Uni sind nicht nur mikroskopisch genau, sondern teilweise auch humorvoll übertrieben und haben bei mir mehrere herzhafte Lacher auszulösen vermocht. Man merkt, Schwanitz hat dort vor den großen Renovierungen, also kurz nach der Wende, vorübergehend gelehrt. Somit ist „Der Zirkel“ sicherlich auch eine Art Abrechnung mit seiner Zeit in Potsdam. Und wenn er den dort arbeitenden Wessi-Prof. Pfeiffer einen Monolog darüber halten läßt, warum sich die Westdeutschen nicht so einfach an das (Arbeits)leben im Osten gewöhnen können, dann schwingt garantiert eine gehörige Portion von Schwanitz’ eigener Meinung mit.

Insgesamt ist „Der Zirkel“ durchaus empfehlenswert für alle, die ein Faible für Verschwörungstheorien haben, mit der derzeitigen Bildungspolitik unzufrieden sind und gerne über die Funktionsweise politischer Intrigen informiert werden wollen. Der Leser bekommt einen guten Einblick in die intrigante Welt der Hochschulpolitik, die hier literarisch überspitzt dargestellt wird aber vermutlich auch eine Menge Wahrheiten beinhaltet. Ein wirklich neuer Roman ist Schwanitz mit „Der Zirkel“ nicht gelungen, dafür sind zu viele Elemente schon im Vorgänger enthalten. Allerdings war das auch nicht Schwanitz’ Ansatz, denn einige Figuren aus „Der Campus“ wie beispielsweise die wissenschaftliche Niete, den Uni-Präsidenten Schacht, übernimmt er einfach. Auf eine etwaige, wenn auch eher unwahrscheinliche, Verfilmung könnte man sich freuen, denn dann müßten Kürzungen am Buch vorgenommen werden. Hier wäre es ratsam, die konventionelle Liebesgeschichte zu beschneiden, zu überarbeiten oder sie völlig zu entfernen.

Fazit:

Name des Mitglieds: Jochen