Der Vorleser - Bernhard Schlink
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Neuester Testbericht: ... von Bernhard Schlink geht es um Michael und Hanna. Michael hat Gelbsucht. Als ihm auf dem Nachhauseweg schlecht wird kümmert s... mehr

Die (Vor)Leserin
Der Vorleser - Bernhard Schlink

Cicila

Name des Mitglieds: Cicila

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Der Vorleser - Bernhard Schlink

Datum: 31.03.08, geändert am 22.09.11 (781 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: lesen, interessant

Nachteile: luftleerer Raum

Liebe Leser und Leserinnen,
auch ich bin ein Leser. Nicht nur von Berichten, sondern auch von Büchern. Viel Spaß beim Lesen, Bewerten und Kommentieren dieses Berichtes!


--- Einleitung ---
Ich mag Schullektüren eigentlich immer. Es gibt ganz selten Fälle, in denen ich das Buch hasse. Aber auch wenn ich weiß, dass ich ein Buch in der Schule noch lesen werde, habe ich es nie vorher gelesen, geschweige denn mich darüber informiert. Würde ja alles noch kommen, dann, wenn wir es durchnehmen. "Der Vorleser" ist Stoff der Jahrgangsstufe 13 in Deutsch. Und ich bin in der Jahrgangsstufe 12, aber als Schülerin des Leistungskurs habe ich beschlossen einen privaten Exkurs zu Bernhards Schlinks Werk zu machen.

--- Wege zum Buch ---
Falls sich langsam mal jemand fragt, ob ich mir eigentlich noch eigene Bücher anschaffe: ja. Aber dieses ist ehrlich gesagt auch nicht aus dem Buchladen in meinen Besitz gefallen, sondern auch nur eine Leihgabe, die mich zufällig aufgrund des mir bekannten Titels angesprochen hat. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

--- Inhalt ---
Michael hat sich verliebt und darf diese Liebe leben. Zumindest fast. Denn Michael muss seine Liebe zu Hanna geheimhalten, weil diese 35 Jahre alt ist. Alles halb so wild, wäre er nicht 15 Jahre alt und somit zwanzig Jahre jünger. Doch weder ihn, noch Hanna stört dies, so dass die beiden tatsächlich ein Paar sind und fast alles das tun, was wirkliche Paare auch tun. Sie haben sogar ein Ritual: er ist wird vorgelesen, dann gebadet und dann schlafen sie miteinander. Michael kommt ihre Beziehung selbst manchmal komisch vor, aber um sie zu hinterfragen liebt er die Frau, die so wenig von sich erzählt, viel zu sehr. Doch dann ist sie plötzlich weg, von einem Tag auf den anderen und Michael kann das gar nicht so richtig begreifen. Es tut ihm weh und er hat Angst, dass er Schuld daran ist, dass sie gegangen ist ohne ein Wort zu sagen. Doch er kommt nie dazu, der Frage wirklich eine Antwort zu geben und lebt sein Leben dahin, macht Abitur, studiert Jura und steht plötzlich bei einem Prozess der aufgrund des Nationalsozialismus stattfindet, Hanna gegenüber und erschrickt. Ist das die Frau, die er einmal geliebt hat?

--- Fakten ---
Preis: 7,90 Euro
Erschienen: Mai 1997
Seiten: 206 Seiten
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes Verlag
ISBN: 3-25722-953-4

--- Meine Meinung ---
"Der Vorleser" ist ein Buch, das für mich nicht nur formal drei Teile hat, sondern es ist ein Buch mit drei verschiedenen Schwerpunkten, die alle ihren Auftritt haben. Es handelt von der Liebe eines Jungen zu einer Frau, es handelt von dem Nationalsozialismus und hier besonders um die Nachkriegsgeneration und um den Analphabetismus. Drei Themen, die nicht wirklich einfach und nett zu erzählen sind. Vielleicht glaubt man ja auch, dass ein Buch nicht allen drei Themen gerecht werden kann. Aber dieses Buch hier scheint es ja zu können. Oder vielleicht doch nicht?

Michael Berg, die Hauptperson, erscheint in dem Buch als Ich-Erzähler, lässt uns somit die Umgebung, wie seine Gefühlswelt genauestens beobachten. Somit erlebt der Leser vor allem den Zwiespalt, den Michael hat, im jungen Alter, wie auch als Student und später als Jurist. Sein Zweispalt hat selbstverständlich was mit Hanna zu tun, die er per Zufall kennenlernt, als er als Junge Gelbsucht bekommt. Und doch bleibt sie ihm im Gedächtnis und er schenkt ihr einen Blumenstrauß, weil sie ihm geholfen hat, als er sich erbrochen hat. Während er in ihrer Wohnung ist, geschieht dann das einschneidende Erlebnis: er sieht sie nackt, weil er durch eine Schlitz schielt, während sie sich umzieht, und läuft weg. Er ist voller Scham und noch mehr beschämt ihn, dass er eine Erektion hat und immer wieder eine bekommt, wenn er nur an diese Frau denken muss. Für ihn ist das Gefühl irgendwie unheimlich, schließlich weiß er nicht einmal, wie diese Frau mit Vornamen heißt und so was gefühlt hat er auch noch nie. Letztendlich trifft er sich wieder mit ihr, schläft mit ihr und merkt die Leidenschaft zwischen den zweien. Eine sehr merkwürdige Beziehung beginnt, die Michael auch noch geheim hält, halten muss. Geschickt fädelt er die Dinge ein, so dass die beiden sogar zusammen in den Urlaub fahren können, ohne dass seine Eltern wissen, mit wem und wohin er eigentlich wirklich gefahren ist. Als er in eine neue Klasse kommt und sich dort mit den Mädchen und besonders mit einer, besonders gut versteht, bekommt er ein sehr komisches Gefühl, was seine Beziehung mit Hanna betrifft. Schließlich ist es etwas, was ihn belastet und doch liebt er sie sehr. So richtig scheint er nicht zu wissen, wie er damit umgehen soll. Wie er zu ihr stehen kann und doch alles geheim halten kann. Vor allem mit der Zeit tut ihm es weh, dass er Hanna verleugnen muss, dass es sie offiziell in seinem Leben nicht gibt. Und so passiert es auch, dass er glaubt, dass er Schuld an Hannas Verschwinden ist, weil er sich nicht zu ihr bekannt hat. Diese Gedanken lassen ihn nie los, immer ist er am Grübeln, ob er Schuld dran ist, ein komisches Gefühl. Als er dann als Jurastudent Hanna wiedertrifft, ist es, als ob man ihm einen Dolch in sein Herz rammt, was ja gut nachzuvollziehen ist. Wieder ist Hanna in sein Leben getreten, wieder macht sie ihn verrückt, dieses Mal eher weniger sexuell, sondern es sind die Gedanken an die Vergangenheit, die ihn so quälen. Die Frau, die er liebte, aber die er niemals lieben durfte. Das muss ein ganz schön psychischer Ballast sein, den Michael da mit sich als Junge, wie auch als junger Mann mit sich rumschleppen musste. Er konnte es vor allem nicht vermeiden, alle Frauen mit Hanna zu vergleichen, sie lieben konnte er nie, wie er Hanna geliebt hatte. Deswegen ist letzten Endes auch seine Ehe zerbrochen. Solche Schwierigkeiten in und nach der Beziehung sind wirklich nicht leicht zu meistern und Michael hat das sein ganzes Leben mit sich rumgetragen.

Als Jurastudent musste er sich auch noch damit konfrontieren, dass Hanna als Aufseherin in einem KZ-Lager gearbeitet hat. Was für ihn grausam ist, wird auch für den Leser relativ schnell sehr grausam, denn Michael belässt es nicht dabei, dies zu erwähnen, er beschäftigt sich mit Konzentrationslagern, er will alles von damals wissen. Und da der Leser ihn begleitet durch Gedanken und Gefühlen wird er auch konfrontiert. Die Generation nach dem Nationalsozialismus wollte anders sein, hat sich ganz stark mit den Fehlern der Eltern und Großeltern beschäftigt und ihnen noch alles vorgeworfen. So lernt der Leser die Probleme der Nachgeneration und die Zeit des Nationalsozialismus sehr genau und gut kennen. Für mich ein interessantes Thema und ich würde auch nie behaupten, dass ich mich noch nie damit befasst habe, trotzdem war es in dem Buch anders, wie Michael damit umgegangen ist. An manchen Stellen klang das alles so grausam, dass man sich wirklich fragte, wie so etwas passieren konnte in Deutschland. Ich glaube, dass es gerade deswegen so wichtig ist, dass wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen und nicht einfach alles als alte Kamellen ruhen lassen. Man kann viel von der Vergangenheit lernen und Michael lernt auch viel von dieser Vergangenheit, insbesondere über Hanna. Insofern ist meiner Meinung nach der Nationalsozialismus eigentlich der Mittelpunkt des Buches, nicht nur, aber auch. Wie geht die Nachgeneration mit der Last um? Wie soll man, wie kann man damit auch heute noch umgehen? Und das in Gedächtnis rufen, was damals war, schadet auch keinem Menschen.

Hannas so schwere und strenge Bestrafung hängt dann mit einem Fakt zusammen, der das dritte Puzzlestück für die Hauptthemen des Buches sind. Der Analphabetismus. Hanna kann weder lesen noch schreiben. Das erklärt somit ja einiges. Die Rituale, die sie mit Michael hatte, dass er ihr vorlesen sollte und auch die Rituale, die sie mit einigen Frauen im Konzentrationslager hatte. Man hat irgendwo Mitleid mit Hanna, denn der Alltag für jemanden, der weder lesen noch schreiben kann, ist hart und eigentlich ein Versteckspiel für den Betroffenen. Hanna schämt sich unheimlich, dass sie weder lesen noch schreiben kann und will das auch unter keinem Umstand zugeben. Da nimmt sie lieber in Kauf, dass sie lebenslänglich verurteilt wird, dass sie ein Leben voller Verstecke spielen muss und doch kann man sie verstehen: auch heutzutage und gerade heutzutage kommt man nirgendswo weit, wenn man nicht lesen kann. Man kann eigentlich nicht einkaufen, man kann nicht Briefe schreiben und man kann ja auch keine Zeitung und Bücher lesen, Fernsehen kann man zwar, aber ist euch mal aufgefallen, wie viele Buchstaben in unserem alltäglichen Leben eine Rolle spielen? Da wird auch das kein Vergnügen. Von so her muss Hanna sehr gelitten haben und das all die Jahre. Das Schlimmste daran ist auch noch, dass das Erlernen von Schreiben und Lesen mit den Jahren immer qualvoller und schwieriger wird. Insofern ist es wirklich ein Glück, dass man schreiben und lesen kann. Wenn man es denn kann.

Bernhard Schlink kann es definitiv, anders hätte sein Buch ja nicht entstehen können. Er nutzt einen sehr anspruchsvollen Schreibstil und Sprachstil. Das bedeutet nicht, dass man als Leser kaum etwas versteht, aber, dass das Verstehen nicht so einfach von der Hand geht, dass man manche Sätze wirklich bewusst lesen muss. Mit Überfliegen wird das hier nichts. Für mich war dieser Stil des Schreibens und der Sprache eine Herausforderung, die ich gerne angenommen habe. Es hat mich nicht zurückgeschreckt, so dass ich das Buch nicht bis zum Ende gelesen hätte oder immer wieder neuanfangen hätte müssen. Es ist also zu bewältigen.

Was mich dann doch eher gestört hat, war, dass man, obwohl Michael aus einer Ich-Perspektive erzählt, man das Gefühl hatte und behielt, dass man nie richtig an ihn rankam. Als ob man im luftleeren Raum schwebt, man konnte seine Gefühle lesen, aber nie so richtig erfassen. Die ganze Zeit war eine gewisse Distanz da, die sich auch nicht mit der Zeit abbaute oder sich langsam und schleichend davon machte. Sie begleitet das ganze Buch und macht es dem Leser schon etwas schwer, alle Gefühle wirklich nachzuvollziehen, kognitiv geht das, aber emotional war ich nicht so wirklich von Michaels Gefühlen überzeugt, was ich relativ schade fand. Auch das Ende hat mich nicht sonderlich berührt. Vielleich ist es, weil Michael als Jurist mehr abgeklärt erzählt, ich weiß es nicht so wirklich. Trotzdem fand ich das Buch gut, weil es lehrreich war und auch immer noch ist. Kein Wunder, dass es als Schullektüre genutzt wird.

--- Fazit ---
Wenn der Leser nicht immer in diesem luftleeren Raum schweben würde, wäre er mittendrin - mittendrin in der Nachgeneration des Krieges, in einer Beziehung, die belastet und bei dem Problem Analphabetismus.


Liebe Grüße,
Cicila

Fazit: Wenn der Leser nicht immer in diesem luftleeren Raum schweben würde, wäre er mittendrin - mittendrin

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