
Kurzbeschreibung: Genre: Religion / Esoterik / Jahr: 2004 / Die Algerierin Djura kämpft zeit ihres Lebens für die Rechte der muslimischen Frauen. Doch es gelingt ihr nicht, sich aus den unterdrückenden patriarchalischen Strukturen ihrer Familie zu lösen. Als sie ein Kind vo ... mehr
Bin ich froh, dass ich bin, wie und wo ich bin!
Produkt:
Der Schleier des Schweigens - Djura
Datum: 22.03.06, geändert am 22.03.06 (380 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: einfacher Schreibstil | Fesselnder Inhalt
Nachteile: einfacher Schreibstil
MARTYRIUM, das; -s, ...ien
(schweres Leiden [um des Glaubens
od. der Überzeugung willen])
| Fakten
Titel: Der Schleiher des Schweigens
Autorin: Djura (Übersetzt v. Rudolf Kimmig)
Verlag: Heyne
ISBN: 3453873165
Seitenzahl: 175
Preis: 7,95 EUR
| Kaufgrund
Einmal jährlich fülle ich meinen Bücherberg auf. Davor durchforste ich Buchhandlungen und diverse Verlagskataloge vor allem nach Neuerscheinungen und/oder nach interessanten Themenbereiche. Meist kann ich meine Kaufentscheidung nur aufgrund kurzer Inhaltsangaben fällen. Auch bei diesem Buch ging es mir so. Ich las die wenigen Sätze der Inhaltsangabe, die mich neugierig machten, und bestellte das Buch.
| Inhalt
Der Inhalt ist schnell erzählt. „Der Schleiher des Schweigens - Von der eigenen Familie zum Tode verurteilt“ handelt von einer Algerierin namens Djura, die unter den strengen Sitten des islamischen Glaubens und den Traditionen ihres Volkes zu leiden hat. Schon von klein an musste sie erkennen, dass ein weiblicher Nachkomme nichts und ein männlicher Nachkomme alles bedeutet. Weil ihr älterer Bruder - trotz seiner fünf Jahre - noch gesäugt wurde, als sie zur Welt kam, wurde sie von ihrer Mutter verstoßen und an die Brust einer älteren Verwandten gegeben. Diese zog das kleine Mädchen bis zu dem Tag auf, an dem der Vater des Kindes beschloss, mit der ganzen Familie ins wohlhabende Frankreich auszuwandern.
Dort erlebt Djura ihre Jugend, Pubertät und Studienzeit - geprägt von Prügel, Erniedrigungen und Einschränkungen. Oft denkt sie daran, sich umzubringen und ihrem Elend ein Ende zu machen. Hoffnung keimt erst in ihr auf, als Olivier - ein französischer Architekt - sich für sie interessiert. Doch wieder einmal muss sie viel zu spät erkennen, dass sie schrecklich naiv und unbedacht an eine bessere Welt, an ehrliche Menschen und Gerechtigkeit geglaubt hat...
| Meine Meinung zum Schreibstil
Nachdem ich mich in den letzten Wochen mit anspruchsvollerer, klassischer Literatur beschäftigt hatte, empfand ich es als einerseits als Wohltat, mal wieder „leichtere Kost“ in den Händen zu halten, andererseits war er mir fast zu anspruchslos. Trotzdem war der einfache Schreibstil mit ein Grund, warum ich das Buch innerhalb kürzester Zeit gelesen hatte. Ausdruck und Grammatik sind einfach und verständlich, die Absätze übersichtlich gegliedert und auch nach längerer Pause findet man problemlos wieder in den Lesefluss zurück.
Ein Ausschnitt:
„»Ich bin schwanger!« schreie ich.
»Na und?« höhnt das junge Mädchen und schlägt unbekümmert weiter zu.
Die Überrumpelung, vor allem aber die entsetzliche Angst, mein Kind zu verlieren, verschlagen mir die Sprache. Trotz meines schwerfälligen Körpers versuche ich, die Treppe zu erreichen und mich ins Freie zu retten. Doch die wütende Furie hindert mich daran.
Plötzlich höre ich einen Schuß. Der Mann hat Hervé verfolgt, der ins Freie geflohen ist. Voller Angst versuche ich ein zweites Mal, das Boot zu verlassen und um Hilfe zu rufen. Das Mädchen drängt mich mit Gewalt zurück und stößt mich die Treppe hinunter.
Ich habe nicht die Kraft aufzustehen. Plötzlich kommt der junge Mann wieder in die Küche und ruft seine Komplizin: »Schnell, Sabine, beeil dich.«...
... Denn ich kenne die beiden, die uns überfallen haben: mein Bruder Djamel und meine Nichte Sabine. Ich weiß auch, daß sie es im Auftrag meiner Familie getan haben.“
[Quelle: Der Schleier des Schweigens / Djura - Heyne-Verlag, S. 10, S. 11]
| Meine Meinung zur Story
Die Geschichte beruht angeblich auf wahre Erlebnisse der Autorin Djura. Wenn es nicht so wäre, würde mich die Story trotzdem gleich stark berühren. Anfangs konnte ich nur den Kopf schütteln und dachte mir, dass so etwas in unserer zivilisierten Welt einfach nicht sein kann. Ein Baby wird von der eigenen Mutter verstoßen, nur weil es kein Junge ist. Ein Mädchen wird von Vater und Bruder geschlagen, gedemütigt und schikaniert, nur weil es kein Junge ist. Eine Frau wird von den Eltern gezwungen, zu arbeiten, um die ganze Familie zu ernähren, weil sie kein Mann ist und somit auch keine Entscheidungsgewalt hat. Sie soll einen Mann heiraten, den sie nicht liebt, und der sie wahrscheinlich genauso behandeln wird, wie alle anderen Männer der Familie.
Doch das ist noch nicht alles. Falls sie sich ihrem vorgegebenen Los widersetzt und dadurch Schande über die Familie bringt, droht ihr der Tod. Ihr eigener Vater und ihr eigener Bruder wären bereit, sie zu töten. Ihre eigene Mutter würde sie nicht beschützen. Ich war entsetzt, als ich las, dass ihre eigene Nichte - die als Frau schließlich das gleiche Schicksal erwartet - auf ihren schwangeren Laib einprügelte, um das Kind darin zu töten, durch das Schande über die Familie gebracht wurde. Die Lebensgeschichte dieser Frau ist wirklich unfassbar. Mich widerte das Verhalten dieser Männer an, die sich anmaßten, das Leben eines Menschen zu kontrollieren. Mich widerten diese Männer an, die einer Frau ein Martyrium auferlegten, aus einer Tradition heraus, die heutzutage einfach nicht mehr haltbar ist. Sie tyrannisierten ein vollwertiges Familienmitglied, nur weil es sich dabei um eine Frau handelt und stellten ihr Ansehen noch unter das eines Tieres.
Djura versucht in ihrem Buch immer wieder, sich zu rechtfertigen, bezichtigt sich selbst der Naivität und scheint deshalb auch ein schlechtes Gewissen zu haben. Oft fragt sie sich, warum sie damals so gutgläubig war und den vielen Gefahren blauäugig entgegen lief, obwohl sie wusste, dass sie vorsichtig und argwöhnisch sein sollte. Ich weiß nicht, wie ich in dieser Situation gehandelt hätte, denn ich bin glücklicherweise nicht unter solchen Umständen aufgewachsen. Ich darf also eigentlich nicht urteilen. Aber ich denke, ich hätte in Djuras Situation genauso vertrauensselig gehandelt, weil ich ebenfalls die Hoffnung gehabt hätte, dass Menschen sich bessern können, und dass irgendwann der Zeitpunkt kommen müsse, wo Vater, Bruder und Mutter mich so sehen und akzeptieren, wie ich bin.
Gegen Ende des Buches beschreibt die Autorin den Hass, den ihrer komplette Familie gegen sie hegt, so ausführlich, dass sich in mir doch ein wenig der Zweifel breit machen wollte. Es kam mir etwas seltsam vor, das anscheinend alle gegen Djura rebellierten, obwohl sie doch angeblich „der Ernäherer der Familie“ war. Wer schlägt schon die Hand, die einen nährt? Ein bisschen selbstherrlich kamen mir die ständigen Beteuerungen gegen Ende des Buches vor und ich verlor ein wenig den Glauben an dieser Geschichte.
Grundsätzlich kann ich akzeptieren, dass man Traditionen in Ehren hält und seinen Glauben lebt, solange dadurch keine Menschenseele erniedrigt wird. Ein Kopftuch tragen, weil es die Religion vorschreibt, sich sittlich zu kleiden und Männern nicht direkt in die Augen zu schauen... Das alles mag nachvollziehbar zu sein. Aber die seelischen Qualen, die diese Frau durchmachen musste, entbehren jeder Grundlage und meine Abneigung gegen das Verhalten der Männer hielt bis zum Schluss des Buches an.
Nachdem ich das Buch weggelegt hatte, blieb außerdem leider ein bitterer Beigeschmack zurück. Ich hatte Mitleid mit dieser Frau und allen anderen Frauen, die das gleiche Schicksal zu erleiden hatten und immer noch haben. Aber ich fragte mich auch, was ich dagegen tun könnte. Eine Antwort darauf möchte den Lesern dieses Bericht (und dieses Buches) vorenthalten, denn jeder sollte darauf seine eigene Antwort finden.
| Autorin
Über die Autorin habe ich nicht viel in Erfahrung bringen können. Auf einigen französischen Internetseiten stieß ich auf Informationen, die ich aber - da ich kein Französisch spreche - nicht verstand. Klar ist, dass Djura die Gründerin der Chanson-Gruppe „Djurdjura“ ist und außerdem den Dokumentarfilm „Ali au Pays des Merveilles“ („Ali im Wunderland“) drehte. Ihr Mann und Manager ist Hervé Lacroix.
| Fazit
Obwohl ich gehört habe, dass es wesentlich bessere Literatur geben soll, die das Leben der Frauen im Islam beschreibt, hat mir „Der Schleiher des Schweigens“ sehr gut gefallen. Ich habe das Buch innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Es hat mich noch lange danach beschäftigt und ich habe es Kolleginnen weiterempfohlen, die ich durch meine Erzählung neugierig gemacht habe. Als Leserschaft möchte ich „Jedermann“ angeben, denn sowohl Frauen als auch Männer, jung oder alt, können sich mit diesem Thema kritisch auseinander setzen.
In diesem Sinne... alles bleibt anders... eure Dotti...
Fazit: Trotz anspruchslosen Schreibstils ein anspruchsvolles Thema!
Name des Mitglieds: juliaa2000
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


22.03.06
sehr schöner bericht. hört sich sehr interessant an. hab im moment leider keine zeit zum lesen.LG