Wir schreiben erst das Jahr 1709 !
Produkt:
Das erfundene Mittelalter (Illig, Heribert)
Datum: 29.12.06, geändert am 07.08.09 (141 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: unterhaltsam - lehrreich in den grundlegenden Dingen
Nachteile: anspruchsvolle Sprache - vieles erinnert an Theorien à la Däniken
Das erfundene Mittelalter
(Die größte Zeitfälschung Europas)
von
Heribert Illig
Als mir das Buch beim Durchstöbern des Bücherregals einer Freundin in die Hände fiel, war ich hin und weg. Gewagte Thesen sind ja nun überhaupt mein Ding. Und so wagte ich zu hoffen, dass die Beweisführung vielleicht so klar und deutlich ist, dass ich endlich - nach einer 5 in Geschichte in der Schule - die "dark ages", das "dunkle Zeitalter" der Geschichtsschreibung getrost als Fälschung und Fiktion vergessen dürfte.
Es handelt sich um ein Taschenbuch, hat 453 Seiten und doch einige Seiten mit architektonischen Illustrationen. ISBN: 3548364292, 1. Auflage, 9,95 Euro
Kurzbeschreibung
Das Mittelalter gilt als dunkel, weil so nur sehr wenige Quellen und Funde diese Zeit gibt. Es bleibt also vieles im Dunkeln. Heribert Illig ist der Meinung, dass es durchaus seinen Grund hat, dass so wenige Artefakte aus dieser Zeit zu finden sind. Er vergleicht die schriftlichen Zeugnisse mit den archäologischen und architektonischen Befunden jener Zeit. Zum Vorschein bringt er unzählige Widersprüche, die bislang nicht gelöst, sondern nur "uminterpretiert" werden konnten. Und aufgrund dieser Widersprüche präsentiert Illig eine Lösung, die uns ziemlich unglaublich erscheinen mag: Drei Jahrhunderte Mittelalter hat es nie gegeben; sie wurden erst nachträglich in unsere Geschichte eingefügt!
Wieder einmal wird - wie damals schon bei Kolumbus - bewiesen, dass das Wissen einer ganzen Welt durchaus auf einem Irrtum und Fehlinterpretationen beruhen kann, auf einer bewussten Fälschung oder schlicht und ergreifend auf Nichtwissen - wie bei Kolumbus damals.
Illig versucht die Mittelaltergläubigen, die Karl den Großen auf sein Podest heben, als "Fachidioten" zu entlarven. Jeder sei nur für seine winzige Wissensnische zuständig, keiner vergleiche die großen Zusammenhänge, echte Universalgelehrte gibt es seit Goethe ja eh nicht mehr. Das Wissen der Welt ist so immens groß geworden, man verliert eben leicht den Überblick.
Und so beginnt er mit der Überprüfung der Gregorianischen Kalenderreform und bringt es schließlich zutage. Statt 12 bzw. 13 Tage bei der Kalenderreform zu überspringen, wurden nur 10 übersprungen. Wie das? Warum? Dann würde der Kalender ja immer noch 2 - 3 Tage den Gestirnen hinterher hinken! Kurz und gut, die These Illigs lautet: rund 300 Jahre Geschichte sind frei erfunden, "Phantomzeit", die "ersatzlos zu streichen" ist. Leider steht dieser STreichung nicht nur das dunkle Mittelalter im Weg, das man aufgrund mangelnder Belege einfach so - schnipps - selbstverständlich streichen könnte. Kein Geringerer, als der alles überstrahlende Ahnherr des christlichen Abendlandes, Karl der Große (um 742-814), steht diesem Zeitsprung innerhalb der europäischen Geschichte ebenfalls im Wege. Massiv. Störend.
Und so zitiert Illig Seite um Seite Historiker aller Koleur, beleuchtet deren Schlussfolgerungen und stellt die sich jeweils widersprechenden heraus. Und immer wieder kommt er zu dem Schluss, dass sämtliche Widersprüche sich nur dann problemlos und einleuchtend lösen lassen würden, wenn man die von den Historikern untersuchten Dokumente oder Artefakte entsprechend früher oder später ansiedelt und datiert und die dark ages, die ohnehin dünn mit Beweisen (sei es in Form von Dokumenten oder Ausgrabungsfundstücken) belegt sind, endlich frei räumt von "falsch datierten" Dokumenten und Artefakten und endlich einsieht, dass die fraglichen 300 Jahre nie existiert haben, dass das ausgehende Merowinger-Zeitalter nahtlos in das Hohe Mittelalter übergeht und die "dark ages" nicht den Niedergang jeglicher Kultur im mitteleuropäischen Raum bedeuten, sondern - ohne die 'beleglose Lücke der Karolingischen Zeit' - einen - wenn auch nur langsamen - Aufstieg zum Hochmittelalter.
Wenn man dann so liest, wie Architektur, Handel, Kriegskunst, sogar die fehlenden Belege in dem jüdischen Schriftgelehrtentum, wie Agrarwirtschaft, die fehlende Entwicklung der Städte (die in den dark ages Überbleibsel aus römischen Zeiten sind, siehe "Niedergang jeglicher Kultur"), wie sich Wanderkönigtum und Hungersnöte, Abwesenheit von eisernen Ackergerät aber gerüstete Ritter sich so nach und nach nahtlos in Illigs Theorie einpassen, es ist schon faszinierend.
Bleibt zum Ende nur die große Frage: WARUM sollte jemand sich die Mühe gemacht haben und 297 Jahre Geschichte inkl. sämtlicher Kaiser, Kaisersöhne, Enkel, Erben etc. erfunden haben? Was für ein Aufwand, nur um die Menschheit hinter das Licht zu führen. Zumal man sich ja irgendwie als Fälscher gar nicht so recht dran erfreuen kann (schließlich lebt man ja gar nicht so lange!). Auch hierfür hat Illig eine Theorie / Lösung. Päpste und Katholische Kirche legen mehrere Dokumene vor, in denen ihnen ganz Landstriche zum Geschenk gemacht wurden. Von Nachkommen von Karl dem Großen. Scheint wohl ganz einfach zu sein, 100 Jahre alte Dokumente hervorzukramen, sich diese Landstriche aufgrund von (selbst erstellten/gefälschten) Schenkungen anzueignen und dann gezwungen zu sein, irgendwie zu belegen, dass diese Menschen auch tatsächlich gelebt haben. Und weil eine solche Aufgabe nicht voll umfänglich zu lösen ist, ja - genau deshalb ! - gibt es so wenige Zeugnisse aus der Zeit Karl des Großen. Verständlich, oder?
Das Buch ist nicht neu, die Erstausgabe ist vom Anfang der 90er Jahre. Die studierten Historiker waren von den ersten dünnen Beweisen für "Karl den Fiktiven" noch weitgehend unbeeindruckt, nannten Illig, den Autodidakte, den "neuen Däniken" und einen Scharlaton. Inzwischen sind sie wohl den Beweisen auf der Spur und können doch durchaus so manche von Illigs Kritik nachvollziehen mit zunehmender Beweislage in archäologischer, architektonischer und dokumentarischer Hinsicht. Allerdings gibt es da noch keine Zustimmung, aber man kommt wohl ins Diskutieren. Man kann ja mal drüber reden.
Das Buch selber liest sich sehr spannend. Doch angesichts der vielen Zitate, der vielen von Illig nicht unbedingt näher ausgeführten Schlussfolgerungen und vor allem der von ihm bedenkenlos benutzen Fach-Nomenklatur sollte man sich als unerfahrener Leser doch darauf einstellen, dass Illig einiges an Wissen voraussetzt oder meint, man könne das ruhig alles nachlesen. (Angesichts der langen langen langen Literaturliste im Anhang - waren es 6 Seiten? - ist wohl jedem klar, dass man sich auf keinen Fall durch alle diese Bücher durchlesen kann). Kurz und gut: der Stil ist nicht einfach, keineswegs der populär-wissenschaftliche "neue Däniken", der zum Lesevergnügen aller schreibt. Man muss sich schon ein bisschen durchbeißen.
Nichts desto trotz ist so eine These natürlich mal etwas anderes. Wird hier auch mal das Mittelalter, das sonst so im tiefsten Dunkel liegt, von allen Seiten beleuchtet. Und welchen 5er-Kandidaten in Geschichte freut es nicht zu hören, "alles nur erfunden". *zwinker*.
Fazit:
Ich fand das Buch lesenswert und habe mit Sicherheit mehr über Geschichte gelernt, als jemals in der Schule. Vor allem werde ich die Dinge garantiert gezielter hinterfragen können. Schließlich kann man historisch fundierte Tatsachen doch tatsächlich von mehreren Seiten betrachten und "Interpretation ist scheinbar alles".
Die Propheten, die den Weltuntergang zum Jahre 2000 voraussagten, haben doch nicht geirrt. Wir schreiben erst das Jahr 1709 und haben noch 291 Jahre Zeit.
Zum Autor:
Heribert Illig ist 1947 geboren. Er ist Systemanalytiker und Germanist. Seit vielen Jahren schreibt er schon Bücher, die sich mit Kritik an der Chronologie der Geschichte befassen. Er ist Herausgeber der geschichtskritischen Zeitschrift "Zeitsprünge" und hält Vorträge, um seine Thesen zu untermauern.
Er schlägt auch für das alte Ägypten eine Kürzung von 2000 Jahren vor, gemeinsam mit Gunnar Heinsohn, in dem Buch "Wer hat an der Uhr gedreht". Seine Werker veröffentlicht er zum Teil im Eigenverlag Mantis-Verlag in Gräfeling.
Fazit: trotz allem lesenswert und spannend
Name des Mitglieds: Junxmutter
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik



02.12.07
Na dann haben wir ja noch viiieel Zeit bis zum Weltuntergang, und das die Kirche sich gerne selber etwas schenkt denk ich mir schon lange ;-) KRÖNCHEN!