Aufruhr in Oxford. (Sayers, Dorothy L.)
Harmonie und Kontrapunkt - Aufruhr in Oxford. (Sayers, Dorothy L.) Belletristik

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Kurzbeschreibung: *Erscheinungsdatum: 2001 *ISBN: 3499230828

 
 

Harmonie und Kontrapunkt

Produkt:

Aufruhr in Oxford. (Sayers, Dorothy L.)

Datum: 25.12.01, geändert am 25.12.01 (80 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Ein tiefsinniger und vielschichtiger, aber trügerisch leicht zu lesender Kriminalroman, , zugleich ein Exempel über Sensibilität in der Liebe

Nachteile: keine

.

Dieser Roman hat in mir die Liebe zu Oxford geweckt. Ich hatte nie die Gelegenheit, selbst dort zu studieren, aber sobald ich das erste Mal in England war, verfügte ich mich bei erster Gelegenheit dorthin (seitdem immer wieder, zu jeder Jahreszeit, und sei es auch nur für wenige Stunden, und ich gestehe zugleich freimütig ein, daß ich Oxford weitaus schöne finde als das eigentlich seriösere Cambridge, das viel feiner und kleiner und bescheidener erscheint), und wenn Zeit genug ist, folgt eine lange Fahrt durch die Cotswolds bis fast hinüber nach Wales, in einem großen Bogen über Bristol zurück nach Rottingdean oder Sandwich, jenachdem.
Wenn Sie niemals nach Oxford kommen werden, dann lesen Sie dennoch wenigstens diesen Krimi, und vielleicht nehmen Sie sich auch noch Zeit für den wunderbaren Film „Shadowlands“, der in Oxford spielt und mit dem wunderbaren Mai–Singen beginnt – das finden Sie im Roman im elften Kapitel wieder –, aber, vielleicht auch weil er eine wahre Geschichte erzählt, um so viel trauriger ist als Dorothy Leigh Sayers Roman –: dann haben Sie einen präzisen Eindruck vom quasi historischen Oxford, von dem Oxford, das mit Anmut und Würde ein ungeheures Geschichtsbewußtsein aufbaut und sich in dieser Kulisse so unbefangen nicht nur bewegt, sondern auch präsentiert, wie das vielleicht nur Engländer überhaupt tun können, ein Volk, das sogar seine Revolutionen (Oliver Cromwell) als Teil einer kontinuierlichen Entwicklung begreift. Und, beiseite gesagt, der Roman und der Film zusammengenommen, „Aufruhr in Oxford“ und „Shadowlands“, geben auch einen ganz besonderen und unerwartet umfassenden Begriff von Liebe und Tod und Einsamkeit.
Wenn Sie noch mehr Vergnügen an diesem kurzen Bericht hier haben wollen, lesen Sie bitte, zum einen, die Oxford–Elegy (1) von jinky und, zum anderen, die überaus vorzügliche Buchbesprechung von green frog, beide auf dieser Plattform, Der erste B
ericht (von jinky) schlägt die Bühne auf, viel besser, als ich das je tun könnte, der zweite Bericht (von green frog) vermittelt Ihnen eine sehr eindrückliche Vorstellung des Romans. Ich bin faul, ich weiß. Aber wenn ich die Lektüre beider Berichte bei Ihnen voraussetzen kann, muß ich nicht mehr so viel wiederholen.

Das historische Oxford IST die Universität. Dieser Bereich mit seiner Zuckerbäckergotik liegt im Kern der Stadt, die im übrigen nicht unmoderner ist als die meisten englischen Städte und sogar ein Automobilwerk (ehemals Morris, glaube ich) beherbergt.
Das Universitätsgelände mit seinen verschiedenen Colleges ist eigentlich eine Stadt in der Stadt (es gab auch seit Gründung der Universität immer wieder Spannungen und Reibereien zwischen beiden), mit eigener Versorgung und eigener Infrastruktur, sogar einer eigenen Polizei und Rechtsprechung (de facto mehr als de jure). Wer das weiß, muß sich um das Oxford der gewöhnlichen Welt nicht mehr bekümmern, er kann seine Wahrnehmung auf die Zuckerbäckerstadt mit ihren ehrwürdigen Traditionen, Ritualen und Absonderlichkeiten konzentrieren, die so richtig geeignet ist als eine Bühne für eine Kriminalgroteske.

2.

„Aufruhr in Oxford“ – der vorletzte Kriminalroman, den Dorothy L. Sayers vollendet hat (der letzte überhaupt ist vor einigen Jahren von einer Kollegin vollendet und in Deutschland bei Rowohlt veröffentlicht worden) – kommt nämlich ohne Mord aus. Das hat den großen Vorteil, daß Autorin und ihre Leser sich auf wesentlichere Dinge konzentrieren können.
Eine Groteske ist dieses Buch insofern, als es mit den Erwartungen der Leser spielt, sie immer wieder zum Schein zu erfüllen trachtet, bis wir plötzlich merken – bezaubert und ein wenig betrogen –, daß sich die ganze Zeit in Wirklichkeit etwas ganz anderes abgespielt hat. In Wirklichkeit lesen wir einen Gesellschaftsroman, aber während wir das noch glauben (auch das wäre, wenn es jemand behaup
ten würde, nämlich nicht gänzlich falsch), merken wir plötzlich, daß wir in eine sehr feinsinnige Liebesgeschichte hineingeraten sind.
Und die hat es in sich.

Diese Liebesgeschichte wird erzählt aus der Perspektive von Harriet Vane. Harriet Vane ist Absolventin des Shrewsbury College, ein von Dorothy L. Sayers erfundenes College (auf dem wirklichen Kricketplatz des wirklichen Balliol College gelegen), das ausschließlich von Frauen geführt wird und ausschließlich Studentinnen ausbildet; wir dürfen uns die Heldin dieses Romans vorstellen als eine sehr tapfere, aber fast zerstörte Frau, die nicht mehr ganz jung ist (ich habe vergessen, ob einer der beiden früheren Romane, in denen sie erscheint, eine Altersangabe enthält, aber ich schätze sie auf Ende Dreißig) und sich auch nicht mehr ganz jung fühlt, und das nicht nur, weil sie beinahe als Giftmörderin verurteilt worden wäre, sondern auch – und vor allem –, weil sie ihre Unbefangenheit verloren hat, wenn es daran kommt, der Aufrichtigkeit anderer Menschen (sagen wir doch gleich: der Männer) zu vertrauen.
Sie ist nicht am Galgen geendet, weil fünf Jahre, bevor „Aufruhr in Oxford“ spielt, der reiche adelige Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey durch engagierte und akribische Arbeit den wahren Mörder entlarvt hat (nachzulesen in „Starkes Gift“). Dabei freilich hat der Gute sich in Harriet verliebt, und damit beginnt ihr Unglück.
Seit jener Zeit macht er ihr mit der ihm eigenen Mischung aus Sensibilität und gutem Humor ernsthafte Heiratsanträge, die aber, weil er die endgültige Zurückweisung fürchtet, etwas sonderbar Schwebendes haben: es ist unsäglich schwer, eine wirklich mit Leben erfüllte und nicht mechanisch wirkende Balance zu halten zwischen dem Begehren nach dem Menschen, den man über alles liebt, und der Überzeugung, daß nur die Handlung zählt, die freiwillig geschieht.

Harriet Vane gewinnt bei einem Treffen der Ehemaligen im Shrewsbury College den E
indruck, daß ihr die etwas weltfremde, aber konzentrierte Ruhe in Oxford, der Elfenbeinstadt der Intellektuellen, gut tun und sie heilen könnte von der inneren Unruhe, die seit Jahren und Jahren eher gewachsen als geschwunden ist. Als etliche Monate später unschöne Vorkommnisse am College die Verantwortlichen verstören und sie bei ihrer ehemaligen Absolventin anfragen, ob sie als Autorin von ausgefuchsten Plots sich nicht ein wenig detektivisch betätigen könnte, sagt sie zu –
– und taucht ein in den Frieden des beschaulichen Oxford zwischen den Kriegen (der Roman spielt im Jahre 1935). Ihre Ankunft und ihre Nachforschungen dort verschärfen aber den Aufruhr nur; die Streiche der Unbekannten (daß die Täterin eine Frau ist, wird sehr schnell klar) nehmen zu an Intensität, an Bösartigkeit und an Brutalität, sie weiten sich immer mehr aus, auch über den kleinen Dunstkreis des College hinaus, so daß bald klar wird, daß sie sich gegen den emanzipatorischen Geist der Anstalt selbst und überhaupt richten, auch wenn Harriet Vane vollkommen falsche Vorstellungen über die Motive der Anschläge entwickelt.
Daher kommt sie mit ihren Bemühungen um Aufklärung auch nicht voran und sieht sich schließlich veranlaßt, nolens volens Peter Wimsey um Hilfe zu bitten. Der eilt herbei – nicht als rettender Ritter (darauf komme ich gleich noch), sondern als ein Gefährte in allen Lagen, sich der eigenen Verletzlichkeit bewußt und doch immer parat, sie mit Mut und Heiterkeit zu überspielen.

3.

„Es mag wohl für einen einzelnen Mann etwas unangenehm sein, unter einem konzentrierten Trommelfeuer kritischer weiblicher Blicke einen großen Hof zu überqueren; aber es ist doch vergleichsweise ein Kinderspiel gegenüber dem langen Weg vom Pavillon auf dem Lord’s zum fernen Schlagraum, wenn schon fünf Wickets gefallen sind und man neunzig Läufe machen muß, um den nächsten Durchgang zu retten. Tausende, die das damals erlebt hatten, hätten diesen gela
ssenen Schritt und die zuversichtliche Kopfhaltung wiedererkannt.“
So beginnt ein Abschnitt im 17. Kapitel: Lord Peter begibt sich zum Vier–Uhr–Tee in die Höhle des Löwen, um dort von den Dozentinnen examiniert und begutachtet zu werden. Wenn Sie ihn noch nicht kennen, sollte allein dieser Abschnitt Ihnen Appetit auf einen solchen Mann gemacht haben, der längst nicht alles kann (vermutlich weit weniger begabt ist als Sherlock Holmes...), aber alles, was er kann, mit Verstand und Leidenschaft betreibt, sei es nun das Sammeln von Erstausgaben und guten Weinen, das Cricketspiel (von dem in diesem Zitat beiläufig die Regel war und das eine nicht unwichtige Rolle im Roman „Mord braucht Reklame“ spielen wird), die Musik, die Kenntnis der Literatur –
– es ist schon so, wie green frog uns versichert: dieser Roman wimmelt von Zitaten und Anspielungen nicht nur von und auf Shakespeare (für die Engländer der Steinbruch, der für die gebildeteren unter uns Goethe ist); durch diese Einbettung in den ganzen Beziehungsreichtum der klassisch gebildeten Kultur (hierbei das Selbstverständnis der Bildung wunderbar ironisch gebrochen durch die melancholische Erkenntnis, daß sie, um wirksam zu bleiben, des stillschweigenden Einverständnisses der Beteiligten bedarf, daß diese Bildung einen gemeinsamen Kanon von Werten und Zielen nicht nur voraussetzt, sondern sogar definiert [2]) gewinnt er (der Roman) aber auch eine heitere Doppelbödigkeit, die den Genuß bei der Lektüre um ein Vielfaches selbst dann erhöht, wenn man, wie ich, viele Zitate gar nicht als solche erkennt... –

Peter Wimsey liebt Harriet Vane, weil sie viel stärker ist, als sie selbst glaubt.
Sie beginnt es zu glauben, nachdem sie zwei Studenten begegnet ist, die beide von ihr verzaubert sind. Wenn wir Selbstzweifel in uns züchten, dann, weil wir uns selbst nicht mehr trauen. Die Irrtümer, nicht wahr, denen wir zum Opfer gefallen sind, wenn es darum ging, Ver
trauen aufzubauen zu anderen Menschen, sind ja, glauben wir, unsere eigene Schuld. Selbst wenn wir, mit guten Gründen, dem die Schuld zuweisen, der uns verraten hat, tun wir das mit schlechtem Gewissen, denn wir selbst haben uns ja auch verraten lassen. Wir waren schwach und verletzlich, nicht der andere – der war stark und rücksichtslos: er hat uns verletzen können, nicht wir ihn. Wie sollen wir da weiterleben?
Noch schlimmer, das kann ja immer wieder geschehen. Mit dieser Angst will Harriet Vane nicht leben. Lieber stolz und unabhängig als –
– ja, als was?
In der Ruhe von Oxford beginnt sie eines Tages die Oktave eines Sonetts zu schreiben, das ihre Seelenlage genau erfaßt:
Hier nun, daheim, vom Sturm nicht mehr gezaust,
Sitzen wir still, dieweil der Abend fällt;
Rosenduft füllt das laubbedachte Zelt,
Hier, wo des Lebens Strudel nicht mehr braust.
Still steht die Zeit und ruht vom Jagen aus;
Auf ihrer Bahn die Sonne innehält.
Hier in der stille Mitte, wo die Welt
Auf ihrer Achse schläft, sind wir zu Haus...
Peter Wimsey wird, einige Wochen später die Oktave, als sie ihm in die Hände fällt, durch ein Sextett zum vollen Sonett ergänzen:
Laß schwingen, Liebe, die Peitsche, daß wir bang,
auf schwanker Spitze aufrecht stehend, nicht
Auf weichem Kissen schlafen, wie so hehr
Die Spannung schläft in der Schalmei Gesang;
Denn taumelnd fallen wir, wenn Unruh bricht,
Und schlafen, sterbend, süßen Schlaf nicht mehr.

4.

Der Kreisel ruht nur in sich selbst, wenn er angetrieben wird. Wir können, wenn wir in Frieden leben wollen, der Unruhe nicht entrinnen. „Es kommt der Augenblick“, sagt Peter Wimsey in einem anderen Zusammenhang zu ihr, „da man die fremden Meere der Gedanken nicht länger alleine befahren kann.“ (19. Kapitel)
Aber die Gedanken laufen nebeneinander her.
Während ich diesen Bericht schreibe, höre ich abwechselnd die stille Mus
ik von Stephane Grappelli (Klavier und Violine), immer wieder die freie Variation über „Greensleves“, was sicherlich etwas damit zu tun hat, daß Peter dieses Lied Harriet Vane am Klavier vorsingt (ja, singen kann er auch noch), und „Flos Campi“, für Viola, Chor und Orchester, wieder von Ralph Vaughan Williams (der übrigens auch wunderbare Variationen über „Greensleves“ komponiert hat).
„Flos Campi“ beginnt mit einem Dialog zweier Instrumente in zwei verschiedenen Tonarten (das klingt sehr schräg) und endet in einer ekstatischen Polyphonie für den stimmlosen Chor – es ist ein Stück über die Liebe –, und beides könnte eine perfekte Illustration sein für den entscheidenden Satz in diesem wundervollen Roman:
„‚Peter [fragt Harriet Vane ihn am Ende der Geschichte nach einem Konzert] – was haben Sie neulich gemeint, als Sie sagten, die Harmonie könne haben, wer wolle, wenn er uns nur den Kontrapunkt lasse?‘
‚Nun‘, sagte er kopfschüttelnd, ‚daß ich polyphone Musik über alles liebe. (3) Wenn Sie glauben, daß ich etwas anderes gemeint habe, wissen Sie auch, was.‘“

Vielleicht ist Stephane Grappelli mit seinen freien Variationen doch ein gutes Beispiel, und vielleicht ist das beste Beispiel die Musik, die er zusammen mit Yehudi Menuhin, dem genialen Virtuosen der großen klassischen Musik, gemacht hat: hier haben sich, unter großen Schwierigkeiten, an denen der technisch weitaus besser ausgebildete Menuhin oft fast verzweifelt ist, zwei Künstler aus zwei vollkommen verschiedenen Welten zusammengefunden und bewiesen, wie guter Kontrapunkt klingen kann: jede Stimme behält ihre Eigenständigkeit und bestimmt doch die Aussage, die Klangfarbe, die harmonische Einbettung der anderen Stimme. Und vice versa.
So endet dieser weise Roman – einer der schönsten Kriminalromane klassischer Machart, den ich kenne – in einer sonderbar poetischen
Szene im nächtlichen Oxford, im Hintergrund eine still vor sich hin blinkenden Verkehrsampel: Ja. Nein. Warten.


Eine kleine Ansammlung von Fußnoten

(1) Es gibt ein sonderbares, aber durchaus gelungenes Stück von Ralph Vaughan Williams, für Orchester, Chor und Sprecher, „An Oxford Elegy“.
(2) Es ist übrigens der Verlust dieses Einverständnisses und eines solchen Kanons einer der Gründe dafür, daß es mit der Lebensfähigkeit unserer jungen Leute so schlecht bestellt ist (Stichwort: PISA–Studie), und das nicht erst seit heute, sondern schon seit über dreißig Jahren.
(3) Es gab viel Musik von Johann Sebastian Bach in jenem Konzert.

Fazit:

Name des Mitglieds: dahmane