
Kurzbeschreibung: Gebundene Ausgabe - 343 Seiten (August 1989) S. Fischer, Ffm.; ISBN: 3100800095
Die Magie einer ganz normalen Ehe
Produkt:
Atemübungen ( Tyler, Anne)
Datum: 08.04.01, geändert am 08.04.01 (461 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: s.o.
Nachteile: s.o.
Anne Tyler – Atemübungen (Breathing Lessons) – 1989 (1988) – S.Fischer (ATM) 344 Seiten - ISBN 3-10-080009-5 (geb)
Maggie und Ira Moran sind ein ganz normales Ehepaar, beide an die fünfzig Jahre alt und nahezu dreissig davon aneinander gebunden. Mit allen Implikationen von Zuneigung und Wärme, Verdrossenheit und Ritualen, Bürgerlichkeit und Mief. Maggie ist Hausfrau, Ira arbeitet in einem kleinen Laden, den er von seinem Vater übernommen hat und rahmt Bilder. Beide sind ein wenig glücklich, auch ein wenig unzufrieden und nicht zuletzt ein wenig narkotisiert von eingespielter Alltäglichkeit. Sie leben in einem kleinen Haus in einer kleinen Stadt und leben ein Leben, wie andere auch. Ohne Auffälligkeiten. Und sie hängen aneinander. Normalität eben.
Maggie ist ein "Schusselchen"- zumindest wirkt sie neben ihrem Gatten so. Denn Ira scheint alles im Griff zu haben. Dafür redet er wenig. Und pfeift stattdessen Lieder, die erahnen lassen, wie seine Stellungnahme zu einer Situation aussieht. Und wenn die Situationen ausborden, vor allem insofern es um solche menschlicher Probleme geht, erweist sich sein technisch simpler Zugriff eher als unzureichend. Maggie hat dann weniger Schwierigkeiten. Zu wenig. Sie verhilft gern anderen zu ihrem Glück.
Sie versteht mehr dessen, was zwischen den Menschen schwierig werden kann und ist bereit, ihr Bestes zu geben. Auf dem Weg, sich hilfreich in anderer Leute Leben einzumischen, schafft sie dann aber wieder Situationen, die ebenso problematisch sind. Sie ist eben ein "Schusselchen" – und Ira empfielt ihr dann gern und stetig, sich aus dem Leben anderer Menschen herauszuhalten. Doch Ira täte gar nichts. Also tut Maggie es. Ira pfeift "Crazy" von Patsy Cline dazu und schweigt.
So oder ähnlich liesse sich die Geschichte zusammenfassen, die Anne Tyler in ihrem Roman "Atemübungen" präsentiert. Doch liesse sie sic
h nur dann so wiedergeben, wollte man das Buch seines Reizes völlig entkleiden. Die Autorin selbst tut dies nicht. Ihr Blick auf ihre beiden Hauptfiguren ist nahe und verständnissvoll. An keiner Stelle findet sich eine Bewertung, eine Entscheidung zugunsten von Maggie oder Ira, eine Alternative. Denn darum geht es: Dies Leben hat seinen Zauber. Es ist ein einfaches, von Freude wie neurotischen Strukturen gleichermassen geprägtes, in allem aber gelebtes Leben. Und Anne Tyler versteht es wunderbar, dies zu beschreiben.
Dabei bedient sie sich eines einfachen Tricks. Denn der ganze Roman beschreibt einen einzigen Tag. Von der morgentlichen Abreise, als die Morans zu Maggies bester Freundin Serena fahren, die im neunzig Meilen von Baltimore entfernten Städtchen Deer Lick lebt, bis zur abendlichen Rückkehr nach hause. Und während dieser Zeitspanne wird das gesammte Leben der Morans ausgebreitet. Es finden sich die Unterbrechungen, die "in vivo" die Beziehung Maggies und Iras enthüllen und es finden sich, wie Intarsien eingeschachtelt, Rückblicke auf entscheidende Situationen, die erhellen, wie alles so geworden ist, wie es nun ist.
So wird von enem älterern Herrn erzählt, der die beiden auf der Landstrasse ausbremst und dem Ira und Maggie dann nahezu kindisch einen Streich spielen, in dem sie ihm beim Überholen andeuten, ein Rad seines Wagens sei locker. Danach aber kehren sie aber um, da Maggie von Schuldgefühlen geplagt sich Schreckensszenarien ausmalt – und haben den Alten am Hals. Und "Ira fragte sich, warum Maggie immer wieder andere Leute in ihrer beider Leben einladen musste. Bloss mit einem Ehemann hatte sie nicht genug, so vermutete er. Die Zwei war für sie keine zufriedenstellende Zahl ..." (S.159).
Dann wird zurückgeblickt auf die Zeit, als die Kinder klein waren und auf jene Zeit, zu der es noch keine Kinder gab – und sich beide ineinander verliebten. Dann wieder sind die Kinder schon erwachsen &
#8211; und die Morans gelangen (gegen Iras Einspruch) zu der geschiedenen Frau ihres Sohnes, ihre Enkelin nicht nur zu sehen – sondern direkt samt Mutter einzuladen und mitzunehmen.
Und in all dem und weiterem wird immer wieder deutlich, wie zwei Menschen sich nicht nur auszuhalten gelernt haben, sondern eine Nähe zueinander entwickeln konnten, die ein Paradoxon zu sein scheint: Indem sie sich (dies aber nur partiell) in ihren einander unverständlichen Haltungen und Betrachtungen nicht akzeptieren können, scheinen sie jene höhere Form der gegenseitigen Akzeptanz entwickelt zu haben, sich eben daher anzunehmen und zu schätzen.
Sie widersprechen sich, doch diese Verschiedenheit ist kein Grund zur Trennung, sondern Nähe. Sie nehmen die "Spielchen" des jeweils anderen hin als Kontinuität. Sie versacken dennoch in Neurotik. Und sie tauchen wieder auf. Mal ist ihnen ihre Liebe präsenter, mal weniger deutlich. Aber alles in allem verbringen sie ein Leben miteinander. Wenn Serena, die besagte Freundin Maggies, die immer als etwas "verrückt" und "wild", also unkonventionell dargestellt wird, irgendwann den Wunsch äussert "...mit einem ordentlichen, ganz normalen Ehemann auf einem Sofa [zu] sitzen und tausend Jahre lang fern[zu]sehen" und sich vorstellt, dies müsse sein, als "wenn man einen Hüfthalter abnimmt" (S.119) – so ist das Sehnsuch und Zwang gleichermassen und ein einfaches Leben. Das Leben eben, das Ira und Maggie führen.
Anne Tyler, geboren am 25. Oktober 1941 in Minneapolis (Minnesota), aufgewachsen in Noth Carolina, lebt heute vorwiegend in Baltimore. Sie studierte an der Duke University und der Columbia University Slawistik und promovierte über den für seine pessimistische Weltsicht wie passiven Charaktere bekannten Iwan S. Turgeniew. In den USA zählt sie zu den bedeutensten und meist gelesenen Autoren und Autorinnen der Gegenwart. Im nicht englischsprachigen
Europa hingegen ist sie beinahe unbekannt.
Mit ihrem Roman "Atemübungen", für den sie 1989 mit Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist es Anne Tyler gelungen, in einer einfachen, unpretentiösen Sprache die komplexe Situation zweier Menschen, die "ein Leben lang" zusammenleben, nicht nur darzustellen, sondern auch verständlich zu machen. Ohne wertende Eingriffe, ohne distanzierte Betrachtung und ganz ohne "Ausweg" ihre Leserinnen und Leser.
Und für ihre Figuren. Und so liegt eine heitere Gelassenheit über der Geschichte. Und hier und da vermögen Maggie und Ira sogar zu erkennen, dass sie nicht nur die Wirkung sondern auch die Ursache sind. Dass sie die Dramaturgie ihres Zusammenlebens in komischen wie in den tragischen Aspekten auch selbst gestalten. "Schliesslich hat uns das Schiksal nicht in der Hand ... und falls doch, so können wir uns jederzeit daraus befreien, wenn wir wollen." (S.119). Auch wenn sie Laien bleiben. Laien, die der Atemübungen (explizit S.194, vgl S.329), der Übung im leben des Lebens bedürfen. Und dies auch gern in Anspruch nehmen – oft, ohne es wirklich zu wissen.
Manchmal – Vergleiche sind immer erlaubt, sofern man um ihre Grenzen weiss – erinnert Anne Tylers Zugriff auf das einfache menschliche Leben an den John Irving der "Cider House Rules" oder des "Owen Meany". Und beispielsweise, wenn Ira und Maggie im Schlafzimmer des verstorbenen Gatten Serenas sich ihrer Triebe besinnen, aber dann doch entdeckt werden, sogar an dessen Humor. Eher aber an dessen liebevollen Zugriff auf die Tragikkomik der menschlichen Existenz - unter einem (in diesem Fall bereichernden) Abzug der Irvingschen Grotesken.
Anne Tyler entwicklt eine Geschichte, die nicht loslässt – und auch nach dem Umblättern der letzten Seite (mehr als die Zeit, die Ira und Maggie für ihren kleinen Ausflug hatten, dürften nun nicht vergangen sein) bleibt ein wenig
des Bannes übrig. Wie diese Beziehung letztlich "funktioniert" ist unergründlich - aber dass sie lebbar ist, lebendig ist, bleibt dennoch über. Und dies ist das Wichtigere - denn auch die Leserinnen und Leser sind, wie die Morans, wie alle Menschen, nur Amateure des Lebens.
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© 04/2001
Fazit:
Name des Mitglieds: yorg.de
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


01.06.01
Wenngleich Deine Kritik sehr schön ausgeführt ist, konnte ich mich mit dem Buch nie anfreunden und habe es zwei mal nur bis zur Mitte durchgehalten. Verzeih, aber es hat mich schlichtweg gelangweilt.