Andrea Camilleri
Jagdsaison - Andrea Camilleri Belletristik

 
 

Jagdsaison

Produkt:

Andrea Camilleri

Datum: 06.01.02, geändert am 06.01.02 (70 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: skurriler Humor, ein echter Camilleri

Nachteile: niente

Pralle Sinnlichkeit verspricht vollmundig der Piper-Verlag - und das für nur 11 Euro!

Nichts wie zugegriffen.......hatte ich doch ursprünglich vor, mich bei einem weiteren Camilleri mit Commissario Montalbano zu vergnügen, doch ein "Hund aus Terrakotta" schien meine (Lese)Bedürfnisse zum gegebenen Zeitpunkt weniger an zu sprechen, daher nahm ich dieses schlanke (153 Seiten) Bändchen zur Hand, vom Autor bezeichnender Weise mit einer Widmung an seine Frau versehen, worin er bedauert, ihr mit der Aussage des Romans eine erneute Prüfung für ihre Geduld, es mit ihm schon mehr als drei Dezennien ausgehalten zu haben, in Aussicht stellen zu müssen.

Doch nun zur Geschichte: am Neujahrstag 1880 kommt ein Fremder mit dem Postdampfer "Re d´Italia" im Hafen der südsizilianischen Kleinstadt Vigàta an. Die Sache wird natürlich im Zirkel der lokalen Größen entsprechend kommentiert, schließlich lässt die Menge des Gepäcks, die er mit sich führt, den Schluss zu, dass er für einige Zeit zu bleiben gedenkt. In der Tat kehrt Alfonso La Matina nach zwanzig Jahren zurück in seine Heimatstadt, um sich als Apotheker nieder zu lassen. In Wahrheit kehrt La Matina aber zurück, um sich den sehnlichsten Wunsch seiner Kindheit zu erfüllen.

Dieser hat unmittelbar mit der adeligen Familie Peluso zu tun, deren schrulliger Uralt-Marchese - sonst nur bewegunglos in einem Stuhl auf der Piazza sitzend ständig von den Tauben bekackt - sich nächtens in einem Anfall von Wahnsinn (?) ins Meer stürzt und dort durch Herzversagen zu Tode kommt........die Familie findet Trost darin, dass ihn das Meer wenigstens von den verkrusteten Exkrementen rein gewaschen hat.

Als nächster kommt der angebliche Pilzkenner Junior zu Tode - und zwar an einer Pilzvergiftung, was die Donna in unglaubliche Verzweiflung stürzt, allein schon wegen der Tatsache, was sie damals an Prozeduren* erdulden musste, bis endlich der männliche Erbe empfangen war. In ihrem Gram wird si
e seltsam und stirbt bald darauf an Austrocknung. Die Trauer des Marchese hält sich in Grenzen, zumal er auf seinem Landgut schon mit einer drallen Bauersdirn am nächsten männlichen Erben arbeitet.**

Groß ist die Freude, als der ersehnte "Erbe", der per Adoption zu einem Peluso werden sollte, geboren wird, kurz war die Freude, als der Marchese, schon länger an Magenproblemen laborierend, nach einem üppigen Mahl aus seinem Verdauungschlaf nicht mehr erwacht.

Inzwischen war auch der einsame Apotheker nicht untätig gewesen, er ließ bei der mannstollen Donna Clelia, deren Avancen in sündiger Unterwäsche er noch vor kurzem schroff abgewiesen hatte, "den Zapfen explodieren....bediente die Signora für 2 Stunden mit großer Hingabe....als sie die Apotheke verließ, maunzte sie wie eine vollgefressene Katze die Straße auf und ab..." - prall und sinnlich, fürwahr!

Auch die Einsamkeit der Marchesina Antonia als letzter Überlebender des Pelusoclans - wenn man vom illegitimen Bankert des Marchese mit der Bäuerin absieht - ist groß, so groß, dass sie nach einer kurzen, wenig vergnüglichen Episode mit einem Nichtsnutz und Betrüger, der seine gerechte Strafe in einem diabetischen Koma findet, bei der Beichte dem Pater von ihrer unerfüllten Sehnsucht nach dem Apotheker erzählt, die sie nicht mehr länger in nächtlichem Selbstbefriedigen ausleben will. Der mitleidige Pater kuppelt, dem Apotheker erfüllt sich sein Jugendtraum und die Marchesina blüht in den zwei Wochen Hochzeitsreise so richtig auf.

Der Apotheker selbst ist, obwohl er sich endlich am Ziel seiner Wünsche sieht und die unerreichbare Jugendliebe erobert hat, nach der Rückkehr enttäuscht, sein Resumée der Hochzeitsnacht und generell die Erkenntnis, dass es keine Frau wert sei, sich für sie ein Leben lang zu verzehren, lässt ihn Camilleri seinem entsetzten Jagdgefährten schildern, einem piemontesischen Oberleutnant***, der jüngst nach Vigàta versetzt worden war. Einen Sa
tz des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus vorweg nehmend meint er: "Ein Weib unter sich zu haben, das ist nur ein schwacher Ersatz für eine gelungene Masturbation".

Ich sehe an dieser Stelle die weibliche Leserschaft vor Entrüstung aufheulen, distanziere mich hiermit ausdrücklich von diesem Zitat, ja, behaupte schlicht das Gegenteil, wahrscheinlich waren Kraus´sche Energien so sehr in seiner "Fackel" gebündelt, dass er liebestechnisch ordentlich ins Hintertreffen geraten musste. Wir entdecken jetzt, dass der Autor sich nicht ohne Grund bei seiner Frau für die Aussage seines Romans entschuldigen wollte.....der Haussegen bei den Camilleris dürfte aber nicht sehr schief hängen, denn seit Erscheinen der "Jagdsaison" hat sie es immerhin ein weiteres Dezennium mit ihm ausgehalten.

Es bleibt nur mehr die unbedeutende Frage nach der Ursache der vielen Toten im Haus Peluso, die beantworteten die Seiten 148ff.



* diese Prozeduren beschreibt Camilleri äußerst eindrucksvoll: da ist von verschiedensten Positionen beim Verkehr die Rede, u.a. wird der deutsche "Tanzbär" (?) und die arabische "Serpentinenart" erwähnt, auch die auszehrende Methode "Sciabarrà", die aber alle nicht zum Ziel führten, letztendlich halfen nach Jahren erfolglosen Rammelns ein paar Zauberkräutlein aus dem Garten des Apothekervaters

** dabei fällt ihm eine alte Lebensweisheit ein:
"Im Stehen stoßen und auf Kiessand gehn, sind des Manns Verderben und Ruin"

*** diesem war bei der Kette der Todesfälle im Hause Peluso eine "geometrische Reihe" aufgefallen, der nur der Anfang fehlte: der 1.1.1880......die letzte Zahl dieser Reihe wird übrigens beim unausweichlichen Finale vor einem Erschießungskommando etwas link mit einer Quersumme hin gebogen



"La stagione della caccia"
1992 Sellerio Editore, Palermo
deutsch von Monika Lustig <
br>ISBN 3-492-27013-1
Piper Original TB 7013, 2001 Piper, München


Fazit:

Name des Mitglieds: herbb