American Psycho (Ellis, Bret Easton)
Kein Buch für Feministinnen? - American Psycho (Ellis, Bret Easton) Belletristik
Kein Buch für Feministinnen? - American Psycho (Ellis, Bret Easton) Belletristik

Erhältlich in: 4 Shops

Kurzbeschreibung: Kiepenheuer & Witsch Verlag; ISBN: 3462030671

 
 

Kein Buch für Feministinnen?

Produkt:

American Psycho (Ellis, Bret Easton)

Datum: 29.12.99, geändert am 20.12.00 (131 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: siehe Text

Nachteile: siehe Text

"ABANDON ALL HOPE YE WHO ENTER HERE" - der Beginn des Romans und gleichzeitig Warnung an klicheeorientierte Leser. Ellis läßt vom ersten Satz mit der Anspielung auf Dantes "Divine Comedy" keinen Zweifel an der Schonungslosigkeit seiner Psychopathenstudie.

Patrick Bateman, der 26jährige an der Wall Street arbeitende Protagonist, der dem Buch seinen Titel leiht, ist das Produkt einer das Individuum verwahrlosenden Konsumgesellschaft: Er ist reich, schön, intelligent, erfolgreich, und kümmert sich lieber um seine perfekte Hautfarbe als um den Penner an der Straßenecke, das heißt, um den kümmert er sich auch - er entläßt ihn aus seinem elendiglichen Dasein. In den Gesprächen mit seinen Arbeitskollegen beim Essen in den hippsten Restaurants von New York werden die Superreichen als oberflächliche Egozentriker gezeichnet. Der Leser wird aus der Sicht eines Psychopathen mit einer hedonistischen Welt konfrontiert, die sich selbst vergöttert. Pats Lieblingsfilm ist Brian De Palmas "Body Double", weil dort eine Frau von einem riesigen Bohrer durchlöchert wird. Dabei mutet diese Filmszene im Vergleich zu seinen eigenen "Ausschweifungen" so harmlos an wie Biene Maja zu Freddy Krueger. Und es sind diese Gewaltexzesse, die das Buch einmalig machen, denn vieles (Perspektive eines Psychopathen [Stephen Kings "The Shining"], Kritik an der westlichen Zivilisation [Tom Wolfes "Bonfire of the Vanities"]) ist in dieser oder leicht abgewandelter Form nicht neu. Ellis ist allerdings einen Schritt weitergegangen, hat alles überspitzt, postmodern aufbereitet und dafür harsche Kritik amerikanischer Feministinnen einstecken müssen. Aber ist das nicht eine Auszeichnung?

Das Buch ist manchmal eine beinahe ebenso starke Tortur für den Leser wie es für Frauen eine ist, Pat Batemans Sexualpraktiken näher kennenzulernen. Es verlangt in vielen Passagen auch vom willigen Rezipienten starkes Durchhaltevermögen - so werden be
ispielsweise kapitellange Vorträge über die Musik der 80er Jahre gehalten und mehr Klamotten aufgezählt als im Quellekatalog stehen. Ein Lesestoff nur für Hartgesottene. Und trotzdem hat das Werk den Charme des Verrückten, man fragt sich häufig, ob ein Großteil des Erzählten nicht vor dem geistigen Auge des zugekoksten und J&B-saufenden American Psychos abläuft.

Ausgerechnet eine Frau transferiert diesen Text auf die große Leinwand - könnte man meinen. Doch Mary Harron ("I Shot Andy Warhol") ist mit der Verfilmung dieses kontroversen Stoffes eine Gratwanderung gelungen, wie sie vermutlich niemand erwartet hätte. Eines ihrer Hauptanliegen sei es gewesen, dem vermeintlich schlechten Ruf des Buches entgegenzuwirken. Sie habe den Sarkasmus und die Sozialkritik des Prosawerks beim Lesen sehr zu schätzen gewußt. Das merkt man dem Film an. Harron legt den Schwerpunkt nicht auf Batemans Killerorgien, spart sie aber gleichzeitig nicht aus, sondern schwächt sie auf ein Maß ab, daß es auch Zuschauern mit relativ schwachen Nerven nicht schwer fallen sollte, Pats (zugedichtete) Kettensägenverfolgung zu rezipieren.

Christian Bale (gerade als rassistischer Psychopath in "Shaft" zu sehen) spielt den Yuppie ohne Inneres mit fabulöser Gelassenheit. Nicht auszudenken, was aus dem Film geworden wäre, wenn Titanics Milchbubi den Part übernommen hätte.

Die Verfilmung konzentriert sich auf die komisch anmutende Oberflächlichkeit der Multimillionäre. Fragen wie "Wer hat die beste Visitenkarte?" oder "Wo geht man trainieren?" beschäftigen die Wall Street Gurus. Genial in den Film integriert werden die musikalischen Zwischenkapitel des Buches: Pat referiert über die Vor- und Nachteile der 80er Jahre Alben zu seinen Opfern, meist kurz bevor er sie meuchelt. It's hip to be square!

Fazit:

Name des Mitglieds: Jochen