America (Boyle, Tom Coraghessan)
Welten treffen aufeinander - America (Boyle, Tom Coraghessan) Belletristik

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Kurzbeschreibung: DTV Verlag

 
 

Welten treffen aufeinander

Produkt:

America (Boyle, Tom Coraghessan)

Datum: 15.02.12

Bewertung:

Vorteile: Pageturner

Nachteile: keine

Heute berichte ich über den Roman

América
* * * *

von T. C. Boyle


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich als Leseratte bis vor einigen Wochen noch rein gar nichts von diesem Autor gelesen hatte, obwohl er wahrlich kein Neuling ist. T. Coraghessan Boyle wurde 1948 geboren und hat diverse Romane und Kurzgeschichten geschrieben. Durch eine Buchbesprechung wurde ich auf sein wohl bekanntestes Buch, World`s End, aufmerksam, für dieses Werk hat er 1987 den PEN/Faulkner-Preis erhalten.

World's End habe ich geradezu verschlungen. Noch bevor ich mit dem Buch fertig war, kaufte ich mir noch mehr Bücher von T. C. Boyle, darunter auch "América". "América erschien erstmals 1996
deutschsprachig.



Mein Buch erschien beim
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Deutschen Taschenbuch Verlag, München.



Kostenpunkt:
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8,95 Euro.


Seitenanzahl:
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388. Und zwar in relativ kleiner Schrift mit wenig Zeilenabstand bedruckt (so was liebe ich, wenn man nicht alle 2 Minuten umblättern muss), man könnte locker 600 Seiten draus machen, wenn Schriftgröße und Zeilenabstand entsprechend anpassen würde.



Story:
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Delaney Mossbacher geht es gut. Er lebt zusammen mit seiner taffen Frau Kyra (Immobilienmaklerin) und Jordan, dem sechsjährigen Sohn seiner Frau. Sowohl für Kyra als auch für Delaney ist es die zweite Ehe. Sie haben sich in eine Wohnanlage namens Arroyo Blanco Estates im Raum Los Angeles eingekauft und nennen ein hübsches klimatisiertes Häuschen ihr eigen. Um das Idyll perfekt zu machen, gehören zwei kleine Hunde und eine Katze zur Familie. Delaney schreibt von zu Hause aus eine Kolumne mit dem Titel "Beobachtungen eines Tierfreundes" und muss sein trautes Heim nicht verlassen, um zur Arbeit zu fahren. Er durchstreift lediglich regelmäßig die wilde Natur der Umgebung, um die dort heimischen possierlichen Tierchen zu beobachten, über die er schreibt. Nennen wir seinen Zustand mal relativ sorgenfrei. Nur relativ, denn ihn plagen Sorgen über das Schicksal des Nevada-Zahnkarpfen, der Florida-Seekuh, des Fichtenmarders und des Pandabärs. Das Überfischen der Meere beschäftigt ihn genauso wie das Vordringen der Wüste und der Treibhauseffekt. Also ein politisch korrekter Mann mit Gewissen, der gerne seinem Stiefsohn das gesunde Frühstück zubereitet.


Die anderen Hauptpersonen, sozusagen der Gegenpart, sind América und Cándido Rincon, illegale Einwanderer aus Mexiko. Sie haben kein überdachtes Heim, hausen in der Wildnis um Los Angeles, nennen es ein Camp. Ich wüsste auch nicht, wie ich es anders umschreiben könnte. Jedenfalls lagern sie in der Nähe eines Baches oder kleinen Flusses. Ein Dach brauchen sie (noch) nicht, denn es ist Trockenzeit und es ist warm. Bis zur Regenzeit wollen sie verständlicherweise ein Heim mit Dach haben. Dieser Wunsch ist um so nachvollziehbarer, wenn man weiss, dass América schwanger ist. Klar, dass sie nicht in freier Wildbahn ihr Kind gebären und aufziehen möchte.

Zunächst bin ich davon ausgegangen, dass die beiden ein Ehepaar sind. In einem Rückblick erfährt der Leser, daß Cándido ursprünglich in seiner Heimat die ältere Schwester von América geehelicht hatte, zu dem Zeitpunkt war América noch ein Kind.

Wie viele Männer aus den Dörfern zieht auch Cándido mangels Perspektiven jedes Jahr für 9 Monate gen USA, um dort zumeist illegal und zu Hungerlöhnen zu schuften. Selbst unter diesen Bedingungen verdienen sie ein Vielfaches von dem, was in Mexiko zu verdienen ist und sind bei ihrer Rückkehr für ihre Verhältnisse wohlhabend. Verständlicherweise haben die Ehefrauen es zuweilen satt, ihre Männer nur wenige Monate im Jahr zu sehen, die in den Dörfern zurückbleibenden Männer haben bei den vernachlässigten Damen oft leichtes Spiel.

So auch in diesem Fall. Cándido ist zutiefst enttäuscht von seiner untreuen Gemahlin. Er macht einen kläglichen Eindruck im Vergleich zu seinen Nebenbuhler. Er kann seine Ehefrau nicht zurückgewinnen.

Nach einer Durststrecke verliebt er sich in die erheblich jüngere Schwester seiner Frau: América. Diese ist noch sehr jung, leicht beeinflussbar und glaubt ihrem Verehrer, dass in den USA quasi Milch und Honig fließt und dass das Leben dort viel besser wäre, denn selbst die Armen hätten eine Wohnung mit TV und ein Auto vor der Tür. Hat sie nicht jahrelang selber gesehen, wie Cándido mit Geschenken aus Ami-Land zurückkam? Die Verliebtheit und die Aussicht auf ein besseres Leben bewegt sie dazu, ihr Elternhaus zu verlassen und mit Cándido durchzubrennen.

Zwischen den Familien Mossbacher und Cándido gibt es keine Parallelen. Doch in diesem Roman prallen die beiden Welten aufeinaner..

Delaney Mossbacher nietet mit seinem Oberklasse-Auto den illegalen Einwanderer Cándido um. Natürlich nicht mit Absicht. Er war nicht unachtsam, kann wirklich gar nichts dafür. Cándido flüchtete gerade in diesem Moment vor einer unangenehmen Situation (das kann Delaney nicht ahnen) und rannte auf die Straße, so schnell kann niemand bremsen. Delaney verhält sich zunächst absolut korrekt. Er steigt aus und geht auf die Suche nach seinem Opfer. Naja, stimmt nicht ganz, zunächst sieht er nach, wie sehr sein Auto beschädigt ist.

Delaney steht unter Schock und spielt mit dem Gedanken, die Feuerwehr oder Polizei anzurufen, die müssten doch wissen, was hier zu tun ist? Er kann ja nichts dafür, das war ein Verrückter. Andererseits denkt er auch an Fahrerflucht. hier in der Gegend, nahe der mexikanischen Grenze, kamen seiner Erinnerung nach fingierte Unfälle vor. Auf der Straße herrscht viel Verkehr, aber keiner hat sich um den Unfall gekümmert.

Erst nach langwieriger Suche findet er Cándido. Delaney schlägt einen Arztbesuch des Verletzten vor. Der lehnt dies vehement ab, da er ja illegal in den USA ist. Trotz Verständigungsschwierigkeiten stellt sich heraus, dass das Opfer lieber Cash sehen möchte. Klar, einen Arztbesuch kann sich Cándido nicht leisten, er ist illegal in den USA und hat weder Geld noch Krankenversicherung. Delaney drückt dem Unfallopfer schließlich 20 Dollar in die Hand. Hätte er nur 50-Dollar-Noten dabei, hätte er wahrscheinlich 50 Dollar gegeben, aber so sind es 20 Dollar. Feilschen geht nicht, da keiner der beiden Protagonisten die Sprache des anderen beherrscht. Und wir wollen nicht vergessen, dass beide Personen unter Schock stehen, da reagiert man nicht immer rational.

Delaney ruft seine Frau an und verkündet ihr, dass er jemanden angefahren hat. Sie reagiert hysterisch, macht sich Sorgen um die Schmerzensgeldforderungen. Delaney kann sie aber mit der Information beruhigen, dass der Angefahrene nur ein paar Schrammen davongetragen hatte und zudem ein Mexikaner war.

Trotzdem: obwohl Delaney davon überzeugt ist, seine Pflicht getan zu haben, belastet diese Begebenheit unseren sonst politisch korrekten Delaney. Er ist nicht nur tierlieb, er mag auch Menschen, selbst wenn es illegale Mexikaner sind. Er vertraut sich einem Freund der Familie an, der zudem Anwalt ist. Der beruhigt ihn: Delaney hätte Hilfe angeboten, diese wurde abgelehnt, ihm ist also nichts anzukreiden.

Er bekommt die Information, dass sich in der wunderschönen Natur mexikanische Camper aufhalten, die das Wasser der Bäche mit ihren Fäkalien verunreinigen. Dazu könnte auch der Angefahrene gehören. Aus latentem Mitleid wird eine leichte Wut über Menschen, die die Natur verunreinigen und somit einen negativen Einfluss auf Flora und Fauna nehmen.


Wie geht es Cándido? Mies. Sein Gesicht ist verunstaltet, der Unfall sorgte für ein starkes Hinken. Arme und Beine schmerzen. Keine optimalen Voraussetzungen bei der Job-Börse. Er schafft es nicht mal alleine zu seinem Lagerort am Bach. America findet ihn. Ärztliche Versorgung? Illegal im Land und ohne Geld ist daran nicht zu denken.

América tut ihr Bestes, pflegt ihren Gefährten (Ehemann ist er ja nicht) und bemüht sich gezwungenermassen um einen Job. Cándido ist ein Macho-Mexikaner. Das geht gar nicht - die schwangere Frau verdient Geld, während der Mann untätig herumsitzt? Aber was will man machen? Man muss zwar keine Miete zahlen, das Essen ist aber auch nicht umsonst. Cándido fügt sich gezwungenermaßen nach mehr als einer Auseinandersetzung (und die Auseinandersetzungen waren nicht nur verbal). Der Traum - nein, nicht der Traum; die Notwendigkeit einer Behausung ist präsent, egal wie, vor Beginn der Regenzeit und der Geburt des Kindes muss einfach ein festes Dach über dem Kopf her, und sei es nur eine verwahrloste Unterkunft in einer Art Slum.

América bekommt zuweilen tageweise einen Job. Cándido hat es da schwerer; es geht im nach und nach besser, er hinkt jedoch immer noch. Die Konkurrenz ist groß, wer möchte schon einen hinkenden Arbeiter, wenn genug unversehrte zur Auswahl stehen? Nur gelegentlich bekommt er einen Job. Der geringe Lohn wird fleissig gespart. Ein bescheidenes Heim ist nicht mehr reine Utopie.

Leider widerfährt den beiden Pechvögeln noch manches Unbill, das fängt schon bei der durch Schlepper organisierten Einreise an. Man kann fast denken, die beiden üben eine magnetische Anziehungskraft auf Unglück aus.




Während América und Cándido ums nackte Überleben kämpfen, ist das traumatischste Erlebnis bei Familie Mossbacher, dass zunächst ein Hündchen von Coyoten erlegt wird. Diese Episode mit dem Haustier möchte ich keineswegs herunterspielen, Familie Mossbacher leidet. Aber wie heisst es so schön: lieber unglücklich in einem Rolls Royce als in einem alten Käfer (oder so ähnlich).

Die Einwohner der Wohnanlage sind dafür, die Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen. Eine Mauer um die Wohnanlage und ein bewachtes Tor, damit unliebsame Raubtiere als auch Mitmenschen (illegale Mexikaner?) aussen vor bleiben. Denn es trugen sich Verbrechen zu in diesem Idyll. Delaney Mossbacher ist einer der wenigen Bewohner der Anlage, die gegen diese Massnahme sind, er ist nicht nur Tier-, sondern auch Menschenfreund.

Bei den Mossbachers: keine Scheidung, keine Arbeitslosigkeit. Im Gegensatz zu dem mexikanischen Einwandererpaar plätschert das Leben bis auf einige Ärgernisse vor sich hin, niemals ist die Existenz bedroht.


Und? Wie geht es weiter? Schaffen Cándido und América es, sich ein Dach über dem Kopf zu sichern, bevor der große Regen und der Tag der Entbindung kommt? Bekommt Cándido einen dauerhaften Job als Gärtnergehilfe, Tellerwäscher oder was auch immer? Und América? Kann sie als Haushaltshilfe arbeiten? Ohne vorweg zu viel zu verraten: im Fall von América kann man diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Schließlich schreitet die Schwangerschaft munter voran und Mutterschutz gilt hier nicht. Also liegt die Zukunft in Cándidos Händen.



Resümee:
* * * * * *
Ich persönlich finde alle Romane von T. C. Boyle lesenswert. Da sie zumeist älter sind, erscheinen sie nicht auf den Bestsellerlisten. Selbst in einer großen Thalia-Filiale fand ich nur zwei Buchtitel von ihm.


Die Schere zwischen Reichtum und bitterer Armut klafft in diesem gesellschaftskritischen Roman extrem weit auseinander. Während Delaney finanziell gut dasteht, erleiden Candido und América am laufenden Band Rückschläge. Bevor sie sich auch nur halbwegs von einem Rückschlag erholt haben, kommt der nächste. Am Anfang des Buches, als sie obdachlos in den USA waren, hofft man mit ihnen, dass beide oder zumindest einer von beiden einen wenn auch niedrig bezahlten Job bekommt, der es ihnen ermöglicht, wenn nicht eine Wohnung, zumindest ein Zimmer mit Dach über dem Kopf zu mieten, sei es auch mit Gemeinschaftsklo auf dem Flur. Obwohl die beiden schon damit gegen das Gesetz verstoßen, da sie sich illegal in den USA aufhalten, haben sie meine Sympathie. América mehr als Cándido, der ist für mich Nordeuropäerin ein zu machohafter Charakter, um liebenswert zu erscheinen. Nur hat alles Pech, was ihm widerfährt, direkte Auswirkungen auf das Leben seiner schwangeren Geliebten América.

In den ersten Passagen ist América noch froh darüber, mit Cándido in die USA zu ziehen. Sie ist jung und naiv, ohne nennenswerte Bildung, vertraut dem älteren Cándido, glaubt ihm, wenn er ihr das Blaue vom Himmel verspricht. Sie sagt zu sich selber, dass ihre gegenwärtige Situation, wenn auch obdachlos, immerhin besser ist als wenn sie in Mexiko geblieben wäre und ihren paschahaften Vater von vorne bis hinten wie eine Sklavin bedienen müsste. Sie ist der Überzeugung, dass sie sich mit ehrlicher Arbeit in den USA ein klein wenig Komfort leisten kann, auch wenn sie als Hausmädchen oder Putzfrau arbeitet. In ihrem Heitmatdorf gibt es gar keine Arbeit.

Später ändert sie ihre Meinung, ihr erscheint diese Option dann doch besser als das Leben, dass sie in den USA führt, und wünscht sich zu ihrer Famlie zurück. Der erhoffte soziale Aufstieg lässt auf sich warten. Kurz vor der Geburt des Kindes hat sie in den USA nicht nur keine Krankenversicherung - in Mexiko vermutlich auch nicht - aber in ihrem Heimatdorf hätte sie zumindest ein wenn auch mickriges Dach über dem Kopf und auch Frauen, die ihr während der Schwangerschaft Rat geben und bei der Entbindung behilflich wären. Dort wäre sie unter Gleichen, hier in den USA ist sie nur Fussabtreter für die Reichen.

Abwechselnd wird das Leben der beiden illegalen mexikanischen Einwanderer und das der wohlhabenden Familie Mossbacher geschildert. Mir fiel es aufgrund des Schreibstils leicht, mich in die verschiedenen Charaktere hineinzuversetzen. Durch das hin und wieder eingeschobene Hintergrundmaterial konnte ich leicht nachvollziehen, warum jemand in einer bestimmten Situation so handelt, wie er/sie es in diesem Buch tut. Das Hineinversetzen in die Denkweise der wohlhabenden USA-Einwohner funktioniert genau so leicht, wie die Gedanken und Gefühle der mexikanischen Einwanderer zu verstehen, inclusive ihrer überzogenen Erwartungen an das gelobte Land, die sie aber nicht als überzogen sehen.

Von T. C. Boyle bin ich überzogene Charaktere gewohnt. Das ist hier auch der Fall. Sein satirischer überzogener Schreibstil verleitete mich oft zum Schmunzeln. Aber bei diesem Buch fand ich wenig Grund zum Schmunzeln, ich finde, dieses Buch ist bitterböse, hat rassistische Anklänge, die in den 80er und 90er Jahren wohl an der Tagesordnung waren. Und vielleicht latent auch noch sind.

Letztendlich ist es ja so, dass die Grenze zu Mexiko heutzutage noch besser als beim Erscheinungsdatum abgeschottet ist, um die Zahl der illegalen Einwanderer zu minimieren. Das kann man den USA nicht verdenken. Würde Deutschland es nicht auch so machen? Jedenfalls macht das Buch nachdenklich.


Ich deklariere diese Buch als sehr lesenswert, ich vergebe eine Kaufempfehlung für diesen sozialkritischen Roman und selbstverständlich alle 5 Sterne.

Fazit: Lesen. Und siehe Bericht

Name des Mitglieds: tästpersohn