Retten ein paar gute Seiten ein schlechtes Buch?
Produkt:
Alles Glück kommt nie - Anna Gavalda
Datum: 23.07.10, geändert am 23.11.10 (131 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: s.Bericht
Nachteile: s.Bericht
Sicherlich nicht.
Nachdem mir "Zusammen ist man weniger allein" von Anfang bis Ende gut gefilel erwartete mich bei "Alles Glück kommt nie" hingegen ein extrem zäher Einstieg.
Inhalt und eigene Meinung:
Alles Glück kommt nie hat eigentlich wenig Inhalt. Es geht um den erfolgreichen Architekten
Charles Balanda der alles andere als glücklich ist (inwiefern die offizielle Inhaltsbeschreibung des Verlags mit "glücklich mit seinem Leben" auftrumpft ist mir ein Rätsel).
Seine Beziehung ist eine einzige Katastrophe. Seine Lebensgefährtin betrügt ihn permanent und er hat nicht den Mum die Beziehung zu beenden. Seine Familie nervt ihn, nur mit seiner Schwester Claire versteht er sich blendend. Die hat den gleichen Lebensstil wie er - beruflich erfolgreich und privat unglücklich (sie ist die Geliebte eines verheirateten Mannes der meint er trenne sich von seiner Frau wenn seine Töchter erwachsen sind).
Charles lebt immer wieder in der Erinnerung an seine große Liebe Anouk. Zu einer Beziehung kam es aber nie. Als es zum Sex gekommen wäre klemmte Charles ab, als Anouk ihn gebraucht hätte brach er den Kontakt ab. Anouk nahm sich das Leben was Charles gänzlich verwirrt. Er trifft sich mit einer Arbeitskollegin von Anouk und deren Sohn Alexis, vor allem auch wegen seiner inneren Leere.
Und so geht das Buch dann über ca. 400 Seiten dahin.
Gavalda versucht krampfhaft einen intellektuellen Stil hinzubekommen und scheitert gänzlich. Das Buch ist keine schwere Kost, es ist einfach eine öde Kost. Mit Charles Balandas Jammereien konnte ich nichts anfangen. Schwerwiegender ist das nichts passiert. Es werden Annekdoten aus der Jugend erzählt die absolut nichtssagend sind. Dem Buch fehlt es auf den ersten 400 Seiten an allem - Spannung, Witz, Inhalt - nichts ist vorhanden!
Balanda fliegt nach Russland, hat dort einen unfähigen Dolmetscher, ärgert sich über seine Familie, seine Beziehung und fragt sich wie er die Liebe seiner Patchwork Tochter Mathilde erhalten könnte.
Beendet seine Beziehung mit seiner hübschen aber oberflächlichen, kalten Lebensgefährtin ... und kriecht wieder zu ihr zurück. Hier wird einem die Hauptfigur komplett unsympathisch. Jämmerlich und kriecherisch. Ich konnte keinerlei Mitgefühl mit einem End-Vierziger entwickeln der sein Leben so vergeudet.
Ich komme jetzt aber nicht umhin die offizielle Inhaltsbeschreibung zu zitieren:
Charles Balanda, Ende Vierzig, ist ein erfolgreicher Architekt und glücklich mit seinem Leben. Bis er einen Brief bekommt. Bis er einen Brief bekommt, in dem nur drei Worte stehen: Anouk ist tot. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Denn Anouk ist seine große Liebe gewesen, bis...? Was damals geschah, lässt Charles nicht mehr los. Er begibt sich auf Spurensuche und merkt, dass er sich eigentlich nach einem ganz anderen Leben sehnt. Ein wunderbares Feuerwerk an witzigen Dialogen und unvergesslichen Szenen. Ein Buch über das große Glück, die Schatten der Vergangenheit und über die ganz, ganz große Liebe.
Hä???
Balanda jammert die ersten 400 Seiten wie leer und müde er sei, wird permanent betrogen und jammert seiner Jugendliebe nach. Wo soll er bitte glücklich sein? Vor allem aber ist "Feuerwerk an witzigen Dialogen und unvergesslichen Szenen" die Übertreibung des Jahrhunderts.
Humor fehlt dem Buch komplett. Allerdings gibt es eine große Wende im Buch. Charles lernt über die Vergangenheitssuche nach Anouk eine neue Frau kennen und findet über sie den Mut sein Leben zu verändern. Er trennt sich von seiner Freundin und kommt mit der neuen Frau, Kate, zusammen. Sie ist seiner alten Liebe ähnlich aber robuster wie es im Buch heißt. Kate adoptierte die Kinder ihrer verstorbenen Schwester, nahm dazu noch Pflegekinder auf und zig Tiere. Eine Powerfrau und "die" Wende im Buch. Charles findet nun den Lebenssinn wieder und mit den Kindern gibt es durchaus einige gute Dialoge.
Zudem historische Annekdoten. Wie etwa über den römischen Kaiser Elagabal. Hierzu eine Leseprobe die aber nicht repräsentativ ist - sondern nur interessant ;-) : Zum einen war er schon mit vierzehn an die Macht gekommen und fuhr in einem Streitwagen, der von nackten Frauen gezogen wurde in Rom ein. Es ging also gleich heftig los. Er war verrückt. Total verrückt. Es heißt, das er alle Speisen mit gemahlenen Edelsteinpulver bestreut hat, dass er dem Reis Perlen beigab, dass er die seltsamsten und grausamsten Dinge aß, dass er verrückt war nach einem Ragout aus Nachtigallen- und Papageienzungen und aus Hahnenkämmen, die lebenden Tieren ausgerissen worden waren, dass er seine Zirkusraubtiere mit Gänseleberpastete fütterte, dass er einmal sechshundert Strauße schlachten ließ, um ihre noch warme Hirnmasse zu verspesen, dass er die Vulva von ich weiß nicht mehr welchem Tier mochte. Gut, ich hör auf. Das alles sind nur Appetithäppchen. Elegabal war berühmt für seine orgiastischen Festschmäuse, zu denen er einlud. Sie sollten von Mal zu Mal besser werden. Das heißt schlimmer. Er verlangte ständig nach mehr Blutbädern, mehr Schrecken, mehr Vergewaltigungen, mehr Sexorgien, mehr Essen, mehr Alkohol. Er wollte von allem mehr. Das Problem war, dass er sich sehr schnell langweilte. Eines Tages beauftragte er einen Bildhauer, ihm einen Metallstier anzufertigen, der innen hohl war, an der Seite ein Türchen hatte und auf Höhe des Mauls ein Loch, damit man die Töne hören konnte, die dort herauskamen. Zu Beginn seiner nice parties wurde die Tür geöffnet, und man sperrte einen Sklaven darin ein. Wenn er anfing, sich ein wenig zu langweilen, wurde einem anderen Sklaven befohlen, unter dem Stier ein Feuer anzuzünden und jetzt kamen alle Gäste lächelnd näher. O ja. Es war tierisch lustig, weil der Stier tja, der brüllte jetzt.
Für mich die interessanteste Annekdote im Buch. Ob sie stimmt kann ich nicht beurteilen, sicher wäre ich mir nicht. Die Autorin lässt Elagabal nämlich an einem Schwamm ersticken obwohl er von Truppen seines Cousins ermordet wurde.
Das Ende ist stimmig - aber rettet das über unglaubliche Längen? Hunderte Seiten auf denen man angeödet und gelangweilt Nichtigkeiten über sich ergehen lässt? Zig Seiten voller Selbstmitleid und fantasielosen Annekdoten? Eine unübersichtliche, verkrampfte Schreibweise?
Nein! Ich rate allen davon ab sich dieses Buch anzutun.
Daten:
Broschiert: 608 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 2 (1. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596185009
ISBN-13: 978-3596185009
Preis: 9,95 Euro
Fazit: nicht empfehlenswert
Name des Mitglieds: templerthomas
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




13.08.10
2 Sterne sind kein Tipp Junge ;-) Ich hätte dem Buch einen Stern gegeben templer