
Erhältlich in: 4 Shops
Produkttyp: Volkswagen Autos
Neuester Testbericht: ... daher störte uns die eher bescheidene Innenraumbreite eher wenig. Wer hinten saß, sollte allerdings tunlichst entweder nicht größer als ... mehr
Sag doch einfach, wir fahren... (Golf I 1.1 GLS)
VW Golf I

Name des Mitglieds: CarFanatikR
Produkt:
VW Golf I
Datum: 04.08.09
Bewertung:
Vorteile: einer DER Klassiker, mechanisch eher anspruchslos, Fahrdynamik immer noch zeitgemäß
Nachteile: Rost, Verfügbarkeit, Ersatzteilsituation, Originalität
...eine DC 3 (ein Flugzeug der Douglas Aircraft Company; Anm. des Autors).
Warum dieser Golf diesen Spitznamen von mir verpaßt bekam, erzählt dieser Erfahrungsbericht.
Okay - der Golf I 1.1 GLS, Baujahr 1977 in alpinweiß im VW-Werk Wolfsburg vom Band gerollt, gehörte nicht mir, sondern meiner damaligen Freundin. Aber wie das so ist, wenn man mit einer Frau zusammen ist, deren Auto stets eine mehr oder minder liebevolle Behandlung benötigte (sie natürlich auch, was das liebevolle betrifft ;-) ), blieb das Sammeln entsprechender Erfahrungen meinerseits nicht aus.
Ende der 1980er erbte sie den Wagen von ihrer großen Schwester, die fürderhin einen nagelneuen Golf II Manhattan bewegte. Ihr erstes Auto - eine meiner ersten größeren Dauerbaustellen.
Denn vor allem der Rost hatte bereits einige unschöne Spuren in der weißen Lackierung des Wagens hinterlassen, an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Den Unterboden konnte man ja noch einigermaßen unauffällig schweißen und war verglichen mit der Karosserie das kleinere Problem - "obenrum" arteten die ursprünglich geplanten kosmetischen Maßnahmen schlußendlich in einer (kostengünstigeren) Spachtelorgie nebst einer Do it yourself-Farbdusche in marineblau aus. Und keine zwei Wochen später verpasste sie ihrem geliebten Golf auch noch eine Beule im Heckbereich, die mit Spenglermaßnahmen nicht mehr befriedigend zu richten war...
Ihr Golf war eines der letzten Modelle mit Blechstoßfängern und den Rundinstrumenten vor der Modellpflege 1977, die dem Golf Plastikstoßfänger und einen neuen Armaturenträger bescheren sollte. Der Spitzname für die beiden in runden Höhlen liegenden Instrumente klingt leicht anstößig, weshalb er an dieser Stelle auch verschwiegen wird; die Uhren selbst ließen sich aber gut ablesen. Immerhin kam so ein GLS nicht ganz so ärmlich daher und hatte u.a. eine Zeituhr, in der die Anzeigen für den Füllstand des Kraftstoffbehälters und die Kühlmitteltemperatur integriert waren. Ansonsten blieb der Armaturenträger elektronikfrei, analog und leicht überschaubar - ein paar Kontrolleuchten, links der Lichtschalter, rechts Radio und Lüftung/Heizung. So einfach war Golf.
Das Lenkrad faßte sich unglaublich dünn an, kein Vergleich zu den "Fleischwürsten" von heute. Wie auch der Schalthebel, der spaghettigleich aus dem Fahrzeugboden ragte. An der Ergonomie gab es aber nichts auszusetzen, wobei auch die immer noch bequemen Sitze ihren Teil beitrugen. Daß zwei Personen eigentlich fast immer auf Tuchfühlung waren, insbesondere wenn der eine recht breite Schultern hatte...nun, wir waren jung und verliebt, daher störte uns die eher bescheidene Innenraumbreite eher wenig. Wer hinten saß, sollte allerdings tunlichst entweder nicht größer als 1,70 m sein oder seine Gliedmaßen möglichst klaglos irgendwohin falten können.
Für zwei Personen war der Gepäckraum mehr als ausreichend; mehr Zuladung ermöglichte die umlegbare Rückbank.
Als GLS verfügte der Golf über ein deutliches Mehr an Ausstattung (die man sich allerdings auch entsprechend bezahlen ließ): bronze getönte Scheiben, verchromte Radkappen, höherwertige Bezugs- und Teppichstoffe und ein paar weitere Extras mehr. Nettigkeiten wie das (nicht mehr funktionsfähige) Stahlschiebedach waren allerdings immer noch Option.
Nach zehn Jahren hatte natürlich das Interieur schon ein wenig gelitten. Ein Teil hätte allerdings beinahe zu einem kapitalen Unfall geführt - eines nachts fiel mir auf der Landstraße die aus versteiftem Filz bestehende untere Abdeckung des Armaturenträgers auf die Beine. Vor Schreck trat ich bei Tempo 100 auf der glücklicherweise leeren Landstraße voll in den Anker, was der Golf seinerseits mit einer dezenten Drehung auf selbiger quittierte. Am nächsten Tag bei Licht besehen fiel mir dann auch die Ursache des Teileabwurfs auf: die Löcher im Filz hatten sich dermaßen geweitet, so daß die Befestigungsstopfen nichts mehr zum Befestigen vorfanden und somit die Schwerkraft ungehindert ihr Werk tun konnte. Mit größeren Karosseriescheiben beugte ich einem neuerlichen Abwurf vor.
Abgesehen davon war die mechanische Verarbeitung des Golf nicht herausragend, aber auch nicht sonderlich schlecht. Natürlich war alles schon ein wenig ausgenudelt, aber hey, wir reden hier von einem 10 Jahre alten Wagen, der in den 70ern gebaut wurde...
In den 80ern kam ein Aufkleber auf, der sich an vielen älteren Wagen fand: "Leistungsarm und schadstoffstark". Dies traf auch auf den Antrieb dieses Golfs zu.
Magere 1043 cm³ Hubraum erzeugten schüttere 50 PS (37 kW). Und diese, ahem, Leistung stand auch erst bei heftigen 6000 U/min an; das Drehmoment von 80 Nm bei 3000 U/min war auch nicht gerade dazu geeignet, sich als Baumausreißer zu qualifizieren. Dafür erzeugte die Maschine allerdings einen wahrlich rekordverdächtigen Lärm speziell auf der Autobahn, was mich wiederum dazu veranlaßte, dem Wagen den Spitznamen "DC 3" zu verpassen (und jedesmal bei der Erwähnung von der mir damals liebsten aller Frauen einen Knuff zu kassieren...ja, Liebe kann auch weh tun). Aus diesen Gründen fiel es mir auch nicht sonderlich schwer, auf das Erreichen der Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h zu verzichten (dauerte eh eine halbe Ewigkeit...aua!).
Verbrauchstechnisch war der Golf guter Durchschnitt - 7-7,5 l Normal auf 100 km waren damals gut und heute nicht schlecht.
An Fahrwerk und Bremsen gab es hingegen nichts zu kritteln. Weitestgehend neutral zog der Golf seine Bahnen, und man mußte es schon wirklich ziemlich weit treiben, bis der Wagen fronttrieblertypisch über die Vorderräder schob. Daß der Golf dabei schon mal das kurveninnere Rad hob, war mehr Schönheitsfehler denn für die Fahrsicherheit relevant; fieser waren allerdings die Lastwechselreaktionen bei Zuladung, die aus dem Schieber auch eine Heckschleuder machen konnten. Wohlgemerkt - dies bei fahrdynamischen Zuständen, die im Bereich der StVO als grenzwertig gelten dürfen. Die meisten Golfer durften schon vorher die Bremsen betätigt haben, die ihre Arbeit absolut zufriedenstellend verrichtet haben.
Irgendwann einmal fand jedoch auch die größte Liebe ihr Ende...in diesem Fall allerdings eher durch die technischen Unzulänglichkeiten begründet, deren Behebung den Zeitwert des Wagens bei weitem überstiegen hätten.
(Ja, wir sind auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr zusammen, allerdings aus anderen Gründen.)
Historie Golf I:
Sehr umfangreich, daher hier nur ein Abriß: Einführung des Golf I im Mai 1974 als zukünftige Ablösung der luftgekühlten Modelle Käfer und auch 1500/1600 sowie 411/412. Große Modellpflege 1977 (MJ 1978). In verschiedenen Leistungs- und Ausstattungsvarianten wurde die Limousine bis 1983, das Cabriolet bis 1993 produziert, Stückzahl (ohne Cabrio/Caddy Pick-Up) ca. 6,2 Millionen. Bis 2009 Produktion des Golf I in Südafrika als Citi Golf.
Heute und Zukunft:
Alle wollen einen GTI oder das Cabrio. Was wohl auch die eher verfügbaren, wenngleich trotzdem nicht einfach zu erwerbenden Modelle sind, da von Millionen produzierter Gölfe mittlerweile weniger als 1% noch auf Deutschlands Straßen unterwegs sind (2008 waren gerade einmal etwas mehr als 13.000 Golf I Limousinen beim KBA registriert!). Und wer einmal in die einschlägigen Fachmagazine schaut, muß schnell feststellen, daß es bei den GTI und Cabrios mit der Originalität oft nicht weit her ist - und die original belassenen GTI mittlerweile sehr hoch gehandelt werden. Aber auch das "Volumenmodell" mit dem 1.5l-Motor und 70 PS, von dem laut Zulassungsstatistik 2008 noch mehr als 3.000 Fahrzeuge gemeldet waren, ist selten noch in dem Zustand, in welchem es an den Erstbesitzer ausgeliefert wurde. Bedeutet also: meist müssen Zugeständnisse gemacht werden, zeitgenössische Umbauten können akzeptiert werden.
Immerhin werden allmählich wieder mehr Gölfe verfügbar, die sich in einem akzeptablen oder gar gut restaurierten Zustand befinden. Und das ist gar nicht mal so einfach, da mittlerweile das Angebot an Ersatzteilen doch recht dünn und somit auch teuer geworden ist - die verchromten Stoßfänger mit Vernietung (bis 76) sind eigentlich weder für Geld noch für gute Worte zu bekommen, um nur ein Beispiel zu nennen.
Gepflegte "Rentner-Gölfe" aus erster oder wenigstens zweiter Hand sind ebenfalls beinahe ausgestorben, und was für kleines Geld angeboten wird, ist meist hart an der Grenze zum bloßen Teileträger. Das Hauptproblem ist eben der Rost, der speziell unter den Modellen bis MJ 1978 am heftigsten gewütet und diese Generation Golf nahezu vollständig ausgerottet hatte. Um an dieser Stelle mit einem Mythos aufzuräumen: an diesem Rostproblem war keinesfalls "DDR-Blech" schuld, sondern die mangelnde Tiefziehqualität der vermutlich aus Belgien gelieferten Bleche in Verbindung mit einer ziemlich luschigen Korrosionsvorsorge seitens des Werks. Mit der Großen Modellpflege wurde es zwar etwas besser, aber dennoch blieben auch diese Gölfe nicht von Korrosion speziell an Schweißnähten und Kanten verschont, sofern nicht ein fürsorglicher Vorbesitzer dem mit Hohlraumkonservierung und weiteren Maßnahmen entgegenwirkte.
Auch die Elektrik wird mit den Jahren senil, was sich u.a. in korrodierten Leiterbahnen der Rückleuchten und vergammelten Steckern im Motorraum äußert.
Mechanisch steht der erste Golf deutlich besser da. Die Motoren gelten als weitestgehend standfest, von den ersten Dieseln und verblasenen GTI einmal abgesehen. Auch Fahrwerk und Kraftübertragung machen keine spezifischen Probleme, sofern einer der Vorbesitzer Abstand von Kavalierstarts an Ampeln, Extrem-Tieferlegungen und überbreiten Reifen genommen hatte. Daß die Struktur der Karosserie nach 30 Jahren etwas weicher geworden sein kann - nun, davon bleibt noch nicht einmal eine S-Klasse verschont.
Der Golf I für die Kiste Bier ist Geschichte. Ein verbrauchtes Exemplar der Baujahre 77-78 ist nicht unter 500 Euro zu haben, spätere Fahrzeuge bis 83 taxieren mittlerweile auch nicht mehr wesentlich günstiger. Im Zustand 2, also einem durchschnittlichen Exemplar mit Altersspuren, haben die Preise jüngst auch angezogen; unter 2500-3000 Euro wird es wohl keinen mehr geben. Sondermodelle wie der LX oder GTI "Pirelli" oder mit exotischen Ausstattungsoptionen wie einer Klimaanlage (ab 79) erzielen deutlich höhere Preise.
"Sag doch einfach, wir fahren Golf". Dem ist nichts hinzuzufügen - sofern man noch einen bekommt. Ein nicht unbeträchtlicher Aufwand bei der Restauration, verbunden mit höheren Kosten muß allerdings einkalkuliert werden.
Fazit: Rettet die letzten Gölfe!
| Verarbeitung: | ||
| Zuverlässigkeit: | ||
| Fahreigenschaften: | ||
| Ausstattung: | ||
| Platzangebot: |

