Bentley Arnage
1 x Bentley oder 2 x S-Klasse? - Bentley Arnage Auto

Produkttyp: Bentley Autos

Neuester Testbericht: ... – der Motor ist ein anderer. Während im Green Label (welcher das bislang einzige Arnage-Modell war) ein Fremdmotor Dienst tut –... mehr

1 x Bentley oder 2 x S-Klasse?
Bentley Arnage

murawski

Name des Mitglieds: murawski

Produkt:

Bentley Arnage

Datum: 27.04.01, geändert am 27.04.01 (296 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Luxus pur

Nachteile: Preis

Was, um alles in der Welt, kann an einem Auto 447000 Mark wert sein? Eingeweihte wissen es: Es sind die Lüftungsschalter. Diese runden, verchromten Knöpfe, die man herauszieht und wieder hineinschiebt wie auf einer goldenen Schiene, Ikonen ihrer selbst.

Das Schieben und Ziehen, diese mechanisch-körperliche Bewegung, das Überwinden des seidig-gleichmäßigen Widerstandes, ein Ergebnis uhrmacherischer Präzision, es wird zu einem sinnlichen Akt. Man ertappt sich dabei, die Lüftungsdüsen neu zu regulieren, obwohl es der Regulation gar nicht bedürfte.

Ein gewisser Erklärungsbedarf ist schon vorhanden bei einem Auto, das soviel kostet wie zwei Mercedes S600 plus eine gut ausgestattete A-Klasse. Nun gut, widmen wir uns weiter der Ergründung der Sinnhaftigkeit dieses Automobils und stellen die tödlichste aller Fragen: Ist dieses Auto auch so gut wie zwei S600?

Die Antwort ist: Nein. Zunächst sollte man erklären, was es mit dem „Label“ auf sich hat: Als Label (wörtlich Aufkleber, Zeichen, Abzeichen etc.) bezeichnet man bei Bentley das Markenzeichen auf dem Kühlergrill, ein beflügeltes „B“, das auf farbigem Grunde steht. Um diesen Grund geht es: Beim Green Label ist er grün, beim Red Label rot, beim Black Label schwarz.

Das schwarze Symbol gibt es nur bei den Bentley Continental Coupés, so dass wir uns dankenswerterweise auf die beiden übrigen Farben konzentrieren können. Arnage Green Label und Red Label unterscheiden sich nur in einem Punkt, in diesem aber ganz wesentlich – der Motor ist ein anderer. Während im Green Label (welcher das bislang einzige Arnage-Modell war) ein Fremdmotor Dienst tut – nämlich der 4,4 Liter große Achtzylinder aus dem 7er BMW, mit Turbohilfe ein wenig aufgepäppelt – schlägt im Red Label wieder das große echte Bentley-Herz seinen tiefen, kräftigen Takt. 6,75 Liter Hubraum, unfassbare 830 Newtonmeter Drehmoment, eher nebensächliche 405 PS. Das sind die Werte, die man bei
Bentley „appropriate“ (angemessen) nennt. Der große Achtzylinder, der seit den frühen 60er Jahren alle Bentley und Rolls Royce beflügelt, war von BMW schon aufs Altenteil geschickt worden. Statt ihm sollten die viel moderneren BMW-Triebwerke mit acht und zwölf Zylindern die Kunden begeistern.

Doch die mochten sich nicht so recht erwärmen für die Motörchen aus München. Schließlich war man weitaus Stärkeres gewöhnt. Es ist halt alles eine Frage des Maßstabs. So entschied VW als neuer Besitzer der Firma: Der Alte muss wieder her. Das ehrwürdige Kraftwerk wurde also wiederbelebt, mit neuer Elektronik fit für die Abgasgesetze gemacht und mit der übrigen Fahrzeugelektronik verbunden (was der schwierigste Teil war, weil die ganze Elektrik ja für BMW gemacht war). Dass auch im Motorraum ein wenig mehr Platz geschaffen werden musste, war das kleinste Problem. Green Label und Red Label werden nun parallel angeboten.

Wer das Rennen machen wird, dürfte klar sein.
Schon das Anfahren hat etwas Ergreifendes, man scheint von den 2,5 Tonnen Leergewicht jedes einzelne Kilo zu spüren. Ein etwas kräftigerer Druck auf das Pedal erweckt schließlich den Turbolader zum Leben.

Und der haucht dem Motor jenen Odem ein, der das Inferno unter der Haube entfacht: Mit der Urgewalt eines Boeing-Triebwerks reißt der Turbo-gestärkte Achtzylinder den Arnage derart heftig nach vorne, dass auch abgebrühte Formel-Eins-Fahrer schwach werden. Gegen dieses Monster von Motor wirkt ein Mercedes-Zwölfzylinder wie ein Rasenmäher-Triebwerk. Sogar eine eingebaute „Öko“-Funktion gibt es, allerdings beim Fahrer: Wer an den Eimer Superbenzin denkt, der soeben in die Brennräume geschüttet wurde, geht schon wegen des schlechten Gewissens sofort wieder vom Gas. Die Fahrleistungen sind für ein Fahrzeug dieses Gewichts sensationell: Von 0 auf 100 marschiert der Red Label in unglaublichen 6,3 Sekunden, von 80 auf 120 in 4,3 Sekunden.

Die Höchstgeschwindi
gkeit wird elektronisch abgeregelt, aber nicht bei 250, sondern bei 249 km/h. Das ist wahres Understatement. Über den Verbrauch zu sprechen, geziemt sich dagegen nicht. Jedenfalls liegt der Durchschnittsverbrauch im EU-Test noch unter 20 Litern.

Es dürfte aber kein Problem sein, bei entsprechender Fahrweise auch eine 3 als erste Ziffer zu errechnen. Die Drehzahlmessernadel bewegt sich bei alldem nicht sehr viel, ihr Arbeitsbereich ist klein: In der Regel findet sie sich irgendwo zwischen 1000 und 2000 Umdrehungen wieder.

Bei 4000 Umdrehungen pro Minute, dort wo andere Motoren erst in Fahrt kommen, verlangt das gewaltige Triebwerk schon nach dem nächsten der vier Gänge des Automatikgetriebes. Das kommt übrigens aus den USA von General Motors. In Europa gibt es kein Getriebe, das so viel Drehmoment aushält. Um das höhere Gewicht des Motors auszugleichen, hat man beim Arnage Red Label die Federung vorne verstärkt und zudem die Dämpfungscharakteristik etwas „sportlicher“ gemacht, was dem Fahrverhalten mehr Prognostizierbarkeit verleiht.

Mit dem Begriff der Sportlichkeit ist das allerdings so eine Sache bei Bentley. Die Marke gilt zwar als sportlich-dynamische Variante eines Rolls Royce (ein Image, das durch fünf Le Mans-Siege in den Jahren 1924 bis 1930 geprägt wurde und sich bis heute erhalten hat!), aber es handelt sich dabei um jene Variante von Sportlichkeit, bei der „der Fahrer stets ein gut gefülltes Glas Portwein in der Hand halten kann“, wie Edouard De Nazelle, Chef des Champagnerhauses Veuve Clicquot und selbst Bentley-Fahrer, es so trefflich ausdrückte.

Fazit: