Und morgen bist du tot - Peter James (CD)
Horrormäßiges Rührstück über Menschen- und Organhandel - Und morgen bist du tot - Peter James (CD) Audiobook / Hörbuch

Horrormäßiges Rührstück über Menschen- und Organhandel
Und morgen bist du tot - Peter James (CD)

mmatzer

Name des Mitglieds: mmatzer

Produkt:

Und morgen bist du tot - Peter James (CD)

Datum: 22.03.11

Bewertung:

Vorteile: spannend, informativ, sehr emotional, ausgezeichnet vorgetragen

Nachteile: klischeehaft, sachlich überholt, rührselig, hoher Preis

Während eine neue Liebe das Privatleben von Kriminalkommissar Roy Grace erleuchtet, zwingt ihn sein neuester Fall zu einem Blick ins Herz der Finsternis. Ein Baggerschif findet eine Leiche, der sämtliche lebenswichtigen Organe entnommen wurden. An der gleichen Stelle des Ärmelkanals findet ein tauchtrupp der Polizei zwei weitere Leichen, alles junge Leute, alle ohne jene Organe.

Roy Grace und sein Team kommen schrittweise einer internationalen Bande von Organ- und Menschenhändlern auf die Spur. Unterdessen sucht die Mutter der 15-jährigen Caitlin verzweifelt nach einer Spenderleber für ihre sterbenskranke Tochter. Doch die Warteliste lang, und andere Empfänger scheinen Vorrang zu haben. Da stößt sie im Internet auf ein verlockendes Angebot...

Der Autor
°°°°°°°°°°°

Peter James ist Schriftsteller und Filmproduzent, liebt schnelle Autos und hat ein Faible für das Übersinnliche. Er lebte lange Jahre in den USA und war dort als Drehbuchautor und Filmproduzent tätig. Mittlerweile leitet er seine eigene Filmproduktionsfirma in England. Er lebt in Sussex und in London. Mehr Info: www.peterjames.com (ohne Gewähr). (Verlagsinfo) Als Hörbücher werden bereits "Stirb schön" und "Nicht tot genug" von Argon angeboten.

Der Sprecher
°°°°°°°°°°°°°°°°

Hans Jürgen Stockerl studierte Schauspiel an der Neuen Münchner Schauspielschule Ali Wunsch-König. Neben seiner Theater- und Fernsehkarriere ist Stockerl als gefragter Hörbuch- und Hörfunksprecher tätig, dessen markante Stimme u.a. im Bayerischen Rundfunk, ZDF, WDR und DeutschlandRadio zu hören ist.

Regie führte Günther Kursemark. Die Hörbuchfassung erstellte Holger Michel.
Handlung
°°°°°°°°°°°°°

Es ist Ende November, als Malcom Becketts Baggerschiff im Ärmelkanal mit seinem Saugschlauch eine unerwartete Beute macht: Statt des erwarteten Kieses und Sands verstopft eine männliche Leiche den Ansaugstutzen. Er ruft die Polizei an. Nein, das Schiff von Kapitän Marshal baggert immer in diesem Abbaugebiet, denn nur dafür habe es eine Lizenz. Und nein, sie hätten die Leiche nicht angerührt.

Kriminalkommissar Roy Grace wohnt mit seinem Freund Roy Branson der Autopsie bei. Branson ließ sich nur durch die Aussicht, die rothaarige Najuschka de Sancha bei ihrer Arbeit beobachten zu dürfen, zu dieser gruseligen Prozedur bewegen. Nun ist er bereits grün im Gesicht, als der Bauch der männlichen Wasserleiche geöffnet wird. Ein langer frontaler Schnitt erleichtert das Öffnen: Darinnen herrscht ziemliche Leere - die lebenswichtigen Organe wurden alle entnommen. Als Grace sein Ermittlungsteam zusammenstellt, äußert der selten politisch korrekte Sergeant Norman Potting die naheliegende Vermutung: Da stecken Organhändler dahinter - "Gangster!"

Mehr Leichen

Die Special Search Unit unter dem Kommando von Tanya Whitlock erhält den Auftrag, an der Fundstelle erneut zu suchen. Roy Branson hat dass zweifelhafte Vergnügen, sie zu begleiten. Schon bald ist er seekrank. Der Skipper Jim Towers fährt alle mit seinem Boot hinaus. Entsetzt findet Tanya Whitlock zwei weitere Leichen, beschwert mit Betonblöcken. Auch ihnen fehlen die lebenswichtigen Organe.

Die drei Opfer sind nirgendwo als vermisst gemeldet, doch sie stammen offenbar aus Südosteuropa - und sie haben noch nie in ihrem Leben einen Zahnarzt von Nahem gesehen. Eine Tätowierung gibt Rätsel auf: "RARES". Potting hat die Lösung: Das ist ein rumänischer Männervorname. Er erhält die Erlaubnis, einen Exkollegen in Bukarest einzuschalten.

Ein versenkter Skipper

Am nächsten Tag fährt Skipper Jim Towers erneut aufs Meer hinaus. Allerdings in stark verändertem Zustand. Er ist rundum mit Packklebeband umwickelt und geknebelt. Vlod Comanescu, Bordellbesitzer und Unternehmer aus Brighton, steuert sein Boot, allerdings in weitaus tieferes Wasser: 50 m Wassertiefe sollten für sein Vorhaben ausreichen. Es wurmt Vlod, dass ihm sein Chef in Bukarest vorgeworfen hat, den Job vermasselt zu haben - die Leichen wurden von der Polizei gefunden. Nun wird es unangenehme Fragen geben. Und wer ist schuld daran, dass die Opfer überhaupt gefunden werden konnten, weil sie in zu seichtem Wasser abgelegt wurden? Kein anderer als Skipper Jim Towers. Vlod versenkt das Schiff mit dem gefesselten Towers darin und fährt mit einem Schlauchbott zurück an Land. Ein Problem weniger, denkt er.

Caitlins neue Leber

Lynn Beckett, Malcom Becketts Exfrau, erhält vom Arzt ihrer fünfzehnjährigen Tochter Caitlin eine schlechte Nachricht: Die Medikamente können das Versagen von Caitlins Leber nicht mehr aufhalten. Sie muss dringend ins Krankenhaus, um eine neue Leber transplantiert zu bekommen. Natürlich gehorcht Lynn, die Mitarbeiterin einer Inkassofirma, schnellstens: Von ihrer Ehe ist ihr nur Caitlin geblieben. Und die hat eine seltene Blutgruppe. Die Chancen sind minimal.

Doch die Untersuchungen sind langwierig und schwächen ihre Tochter sehr. Als Lynn mitgeteilt bekommt, dass es zwar eine Spenderleber gibt, aber ein krebskranker Senior diese dringender benötigt als Caitlin, reißt ihr der Geduldsfaden: Sie verlässt mit Caitlin das Krankenhaus und sucht nach einer Alternative.

Als Luke, Caitlins Freund, im Internet auf eine Firma namens "Transplantationszentrale GmbH" stößt, die eine neue Leber binnen einer Woche anbietet, schöpft Lynn wieder Hoffnung. Und Marlene Hartmann, die auf ihre Mail antwortet und sogar aus München angereist kommt, um ihr einen Vertrag anzubieten, sieht nicht nur sehr elegant aus, sondern wirkt auch sehr vertrauenerweckend. Nur der Preis könnte ein Problem sein: 300.000 Euro alles inklusive! Lynn schnappt nach Luft. Doch die Alternative ist finsterer als der hohe Preis. Und als Luke einen finanziellen Lichtblick bietet, greift Lynn nach dem letzten Strohhalm.

Doch dieser Strohhalm erweist sich als Weg, der sie geradenwegs in einen Albtraum führt...

Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Ich hatte den Eindruck, dass die Ermittlung von Kommissar Roy Grace dem Autor eigentlich nur als Vorwand dient, um eine hochemotionale Horrorstory zu erzählen. "Horror" ohne Vampire, wohlgemerkt. Während der Autor auf inzwischen ausgetretenen Motivpfaden wandelt - der Film "Schmutzige kleine Tricks" (siehe meinen Bericht) wird sogar erwähnt - versucht er das Thema doch emotional aufzubauschen, um es umso besser ausbeuten zu können. James kann eben seine Wurzeln im Horrorgenre einfach nicht verbergen.

Wolke sieben

Zugegeben, Roy Grace kriegt nicht nur die Ermittlung richtig gut in den Griff, sondern obendrei auch noch sein Privatleben auf Vordermann: Als ihm seine neue Lebensgefährtin Cleo, die attraktive Forensikerin, eröffnet, dass er bald Vater werde, schwebt er auf Wolke sieben. Das Kontrastprogramm dazu liefert die Ermittlung, und das, was Grace findet, stellt sein Bekenntnis zum Kind infrage. Das Schlussbild mit Cleo macht das Thema deutlich, um das es dem Autor geht: Wie weit würde der Cop gegen, um sein Kind zu retten, wenn nur eine Organverpflanzung es retten könne? Seine Antwort soll hier nicht verraten werden.

Die Löwin

Doch Lynn Beckett ist die Mutter, die anderes als Grace um as Leben ihres Kindes kämpft, und zwar bis zum letzten. Sie bringt tatsächlich die unglaubliche Summe von 300 Mille auf, um die Leber zu kaufen. Tochter Caitlin hat aber auch ein gewichtiges Wort mitzureden, als es darum geht, sich unters Messer zu legen. Dieser Höhepunkt der Handlung entführt den Leser bzw. Hörer auf eine Achterbahn der Gefühle, wie ich sie sonst nur aus dem Horrorgenre kenne: brutale Erkenntnisse, schockierende Anblicke und dergleichen mehr. Dass Lynn auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter mehrfach hilflos durch die Klinik irrt, wirkte auf mich jedoch übertrieben: eine arme Irre.

Die Schurken

Die Schurken im Stück wirken zwischen diesen beiden Polen - Graces Ermittlung und Lynns Abenteuer - reichlich blass. Am genauesten wird noch der Spielertyp Vlod Cosmescu porträtiert. Doch da er sich nicht auf eine Konfrontation mit den Cops einlässt, spielt er letzten Endes keine Rolle. Die Mädchen, die er zusammen mit Marlene Hartmann in Brighton einschleust, spielen nur eine marginale Rolle. Menschenhandel haben wir schon in "Heißer Verdacht" mit Helen Mirren (siehe meinen Bericht) spannender und herzzerreißender inszeniert gesehen. Auch hier hinkt James der Entwicklung hinterher.

Geister in München

Es ist ja ganz nett, dass Grace wieder mal das schöne München besucht, um Marlene Hartmann auf den Zahn zu fühlen. (Wobei er sich allerdings aufgrund fehlender Informationen verrät. Esw geht eben nichts über eine gründliche Recherche.) Und es ist sicher ganz kuschelig, seinen alten Kumpel Kommissar Marcel Kullen wiederzusehen, der ihm brandheiße Information über Madame Hartmann überlässt (auf dem kleinen Dienstweg).

Doch ich habe den Verdacht, dass diese Episode lediglich dazu dient, ein altes Problem aufzuwärmen, dass den Kriminalen seit Jahren plagt: seine spurlos verschwundene Frau Sandy. Akut wird das Problem, als Cleo schwanger wird und mit Grace eine Familie gründen will. Wie kann er sie heiraten, wenn seine eigene Frau noch lebt? Er muss Sandy für tot erklären lassen. Ironischerweise führt der Autor eine Beinahebegegnung zwischen Grace und Sandy auf dem Airport München herbei. Das kann ja noch Eiter werden.

Der Sprecher
°°°°°°°°°°°°°°°°

Hans Jürgen Stockerl hat eine sehr angenehm klingende Stimme, sonor und tief, aber alles andere als rauh. Er kann zwar nicht so gut die Tonlage variieren, um weibliche Stimmen deutlich höher klingen zu lassen, aber dieses kleine Manko macht er leicht wieder wett, indem er die Lautstärke wechselt und / oder das Tempo variiert. Außerdem gelingt es ihm recht gut, männliche Figuren durch unterschiedliche Stimmen zu charakterisieren. Der Polizist Norman Potting, der stets unangenehm durch politisch unkorrekte Bemerkungen auffällt, spricht tief, rauh und etwas polternd laut.

Gerichtsmedizinerin Cleo Murray ist mittlerweile die Lebensgefährtin des Helden Roy Grace von der Mordkommission. Sie spricht zwar meist langsam und leise, aber dann macht sie stets auf verführerischste Weise einen netten Vorschlag, den Roy nicht ablehnen kann. Der Sprecher findet genau die richtige Tonlage, um sie echt statt klischeehaft klingen zu lassen.

Man muss nur genau hinhören, um solche feinen Untertöne herauszuhören. Denn der Sprecher weiß, dass die Kunst in der Beschränkung liegt, nicht im Übertreiben. Deshalb hat es mich immer wieder gewundert, dass er sich zu lauten Rufen hinreißen lässt. Allerdings ist es schwierig, glaubwürdig um Hilfe zu schreien, wenn man dies nicht mit einer gewissen Lautstärke tut.

Diese kontrollierte Emotionalität kommt im spannenden Höhepunkt der Handlung in voller Stärke zum Tragen. Für einen gefühlskalten oder wenig empathischen Zuhörer ist es schwierig, die dick aufgetragene Emotionalität zu ertragen, die der Sprecher über mehr als eine Viertelstunde auf den Zuhörer loslässt. Andererseits ist dies ein Horrorstück, und Horror funktioniert nur über Gefühle. Hier scheiden sich die Geister. Ich halte daher die Story für ein Rührstück.

Musik und Geräusche gibt es keine. Das ist schade, denn es führt dazu, dass manche Szenenwechsel sehr abrupt erfolgen und im Zuhörer Verwirrung und Verunsicherung erzeugen, weil nicht klar ist, wo die eine Szene endet und die nächste beginnt.

Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Die Ermittlung von Roy Grace folgt mehr oder weniger dem lehrbuch. Tatsächlich konsultiert er sogar eines, um zu prüfen, ob er etwas übersehen hat. Das gibt der Ermittlung eine gewisse Wende, die aber auch keine Überraschung bot, denn der Zuhörer weiß bereits viel mehr als Grace.

Tatsächlich gibt es auch auf der Seite der Lebensrettung für Caitlin in Form einer Organverpflanzung nichts Neues. Hier kommt der Autor eindeutig ein halbes oder ganzes Jahrzehnt zu spät: Menschen- und Organhandel? Alte Hüte! Die entsprechende Folge von Heißer Verdacht" sowie der Film "Schmutzige kleine Tricks" sind schon weiter als Peter James.

Deshalb greift zu den Methoden, die er aus seinem angestammten Horrorgenre kennt und erprobt hat. In der entscheidenden Szene in der Klinik kommt es zu horrormäßigen Begegnungen und Erkenntnissen. Auch sonst bleibt kein Auge trocken. Und das Ende Caitlins weist uns praktisch an, umgehend die Taschentücher rauszuholen. Darauf konnte ich gut verzichten.

Das Hörbuch

Das Hörbuch wird von Hans Jürgen Stockerl kompetent gestaltet, aber auch er muss sich nicht der Sprachakrobatik eines Rufus Beck bedienen, um sein Soll zu erfüllen. Mir ist es viel lieber, wenn sich der Sprecher zurückhält und nur andeutet, wie die Figuren sich ausdrücken. Den Rest besorgt meine Phantasie und Vorstellungskraft.

Deshalb fand ich es ziemlich auffällig, dass der Sprecher mehrmals laut ruft und sich über eine längere Strecke zu emotionaler Aufregung versteigt. Erstaunlich war auch die Tonhöhe, in die er seine Stimme treiben kann. Diesmal stehen weibliche Figuren deutlich im Vordergrund, vor allem Lynn Beckett. Für den Vortrag gibt es einen Bonuspunkt.

Fazit: vier von fünf Sternen.


Michael Matzer © 2011ff

Info: Dead tomorrow, 2009; Argon Verlag 2010, Berlin; 6 CDs, 432 Minuten, EU 19,95, aus dem Englischen übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg; ISBN 978-3-8398-1052-1

Fazit: empfehlenswert für Krimifreunde