Jahrhundertsommer - Kerstin Duken (CD)
"Schmerz ist das, was du überlebst, aber nicht aushältst." - Jahrhundertsommer - Kerstin Duken (CD) Audiobook / Hörbuch

Neuester Testbericht: ... nachempfindbar dargelegt wurde. ==Die Umsetzung== fesselt von der ersten Seite an. Man merkt an jeder Stelle, dass Kerstin Duk... mehr

"Schmerz ist das, was du überlebst, aber nicht aushältst."
Jahrhundertsommer - Kerstin Duken (CD)

Cosmay78

Name des Mitglieds: Cosmay78

Produkt:

Jahrhundertsommer - Kerstin Duken (CD)

Datum: 03.10.16

Bewertung:

Vorteile: Tiefgang, Feingefühl, Spannung, "Aufklärungsarbeit", Gedankenanstöße

Nachteile: nada, nix, niente and nothing .

"...er trank irgendwas Scharfes, und Kiffer saufen nicht, dachte ich, ich dachte das eben einfach so, wie man eben so denkt, wenn man übermüdet und nichts wissend ist, er ging jedenfalls mit mir, er war bestimmt nicht der schlechteste Gesprächspartner des Abends gewesen, der beste aber auch nicht, und meinetwegen konnte er mich noch zum Taxi bringen, solange er die Konversation bestritt, David hieß er, glaube ich, und er redete, erst wie an der Schnur gezogen, dann aber plötzlich nicht mehr. Ich kannte die Szene aus zig Filmen; wenn jemanden von hinten der rechte Arm um den Hals gelegt wird. Ich kannte das alles, kannte den Arm und das Messer und das Geräusch, wenn man jemanden schlägt, und das, wie Schuhe auf Asphalt klingen und wie das Zerreißen von Kleidern, ich kannte das alles, aber es war viel leiser, und vor allem war es kein Vorteil."
(Zitat, S. 26)


Bei der Autorin Kerstin Duken handelt es sich mal wieder um eine Person, auf deren Werke ich rein zufällig aufmerksam wurde ~ die Auszeichnung des "Brigitte Romanpreises" für die 284 Seiten umfassende Veröffentlichung

==Jahrhundertsommer==
hatte damit herzlich wenig zu tun.

Die story klang schlicht begreifbar und dahingehend mindestens genauso vielversprechend: von Bremen nach Berlin gezogen scheint für Iris ein neues Leben parat zu stehen: schöne Wohnung, neuer Job, abwechslungsreiche Partygegend, gelungener Discoabend... bis Iris auf dem Nachhauseweg von dem Typen, ihr recht angenehm erschien, überfallen wird und alles zum Einsturz bringt.

Völlig desolat ist es Iris lange Zeit nur noch möglich, völlig nach innen zu flüchten.

Sie geht weder zur Polizei, noch ist sie in der Lage, ihren Job anzutreten; bleibt zuhause, versorgt ihre Wunden selbst und verlässt ihre Wohnung nur noch in Ausnahmefällen ~ ständig begleitet von einer rigorosen, alles entwertenden Angst. Die Frage, ob sie vielleicht selbst Schuld ~ oder zumindest eine Mitschuld trägt ~ belastet Iris mehr, als sie selbst wahrzunehmen bereit ist. Im Grunde kann man sagen: "Jahrhundertsommer" spiegelt den schleichenden Prozess eines totalen Zusammenbruchs wieder; ein Zustand, wie er mir persönlich allzu vertraut ist und wie er in bislang selten in derartiger Intensität auch für "Nichtbetroffene" nachempfindbar dargelegt wurde.

==Die Umsetzung==
fesselt von der ersten Seite an. Man merkt an jeder Stelle, dass Kerstin Duken weiß, wovon sich spricht ~ wieviel von ihrer Schilderung autobiographisch sein mag, bleibt zu erahnen. Darüber hinaus bedient die Autorin sich eines oftmals sarkastischen Schreibstils, der die Geschehnisse keineswegs weniger dramatisch erscheinen lässt, jedoch darüber hinaus dafür Sorge trägt, dass die Hauptprotagonistin noch lebendiger, vertrauter wirkt, sich der Leser noch besser in sie und ihren (im recht frühen Verlauf bereits selbst zugefügten) Schmerz hineinversetzen kann.

Die vereinzelt gestreute Ironie, verknüpft mit einer Art gedanklichen Gesellschaftsablichtung seitens Iris bringt in "Jahrhundertsommer" trotz allem weiteren Inhalten oftmals Anlass zum Schmunzeln; ohne dabei den absoluten Wahrheitsgehalt in seinem dargebotenen Gedankenanstoß zu ignorieren:

"Wir redeten also über das Wetter, über das Grillen im Tiergarten und die Strandbars. Wer schon wo gewesen war und dass man ja im Sommer gar keinen Urlaub mehr machen musste, weil im Sommer, da ist Berlin ja am schönsten, wer fährt denn da weg, na ja, vielleicht wenn man Kinder hat und auf die Sommerferien angewiesen ist. Sehr interessant. Ein Gespräch, das in diesem Sommer circa 47389-mal in dieser oder ähnlicher Form zu vergleichbarem oder ganz anderem Anlass geführt worden war, ist, werden würde."
(Zitat, S. 104)

Nach und nach versucht Iris, mit dem Geschehnissen irgendwie fertig zu werden, beginnt eine Art Liaison mit Ana, die ihrerseits psychische Probleme zu haben scheint. Mehr und mehr scheint sich der Roman sodann auf die große Frage zu konzentrieren, was mit jener Ana "los ist"; der Verdacht der multiplen Persönlichkeit regt sich erst beim Leser, dann bei der Hauptprotagonistin selbst. Ein wenig kämpfte ich mit der Befürchtung, dass "Jahrhundertsommer" langsam aber sicher zu "voll" und teilweise gar "überladen und somit unglaubwürdig" werden würde ~ erfreulicherweise legte die Autorin schlussendlich in jene einzelne Entwicklungen, ebenso um den Charakter des Raoul, weniger Gewicht als man ursprünglich hätte denken können.

Auf S. 144 bereits entstand in mir bereits die Ahnung, als sollte die Person des Raoul eine brachiale wie auch tempoanziehende Wendung in den Roman bringen... doch mit was jener dann tatsächlich aufwartete, klappte mir den Unterkiefer runter. Einerseits aus dem Grund, dass ich total baff war ~ gleichermaßen dahingehend, dass es absolut authentisch hätte sein können. Die Welt ist so, wie "Jahrhundertsommer" sie darstellt, wiedergibt... so belastend das für den ein oder anderen auch sein mag.

In "Jahrhundertsommer" scheint nach außen hin nicht viel zu passieren; der Schwerpunkt liegt hier absolut in dem, was in Iris vorgeht, welche Kämpfe sie seit dem Überfall (oder vielleicht gar früher schon?) zu führen genötigt wurde, in der großen Frage, was sie überhaupt sucht und wo jenes zu finden sein könnte.
Möglich, dass das alles nicht sonderlich fesselnd klingt.. .doch genau das ist es. "Jahrhundertsommer" ist ein wahnsinnig spannendes Buch; literarisch betrachtet mehr als beeindruckend, verstörend und schonungslos. Etliche Passagen, Aussagen, Sätze wie eine wachrüttelnde Ohrfeige haben mich persönlich regelrecht gefangen genommen:

"...einfach der Wunsch, den ganzen alten Scheiß, den ganzen aktuellen Scheiß und den ganzen zukünftigen Scheiß mit einem Schlag hinter sich zu lassen. Ähnlich dem, warum Menschen nach Australien auswanderten und als Argument die Weite des Landes anführten, eigentlich aber meinten, sie konnten diese luftabschnürende Enge ihrer vermasselten Existenz nicht mehr ertragen."
(Zitat, S. 209)


==Summa summarum==
bleibt festzuhalten, dass ich mich in den Roman an vielerlei Stellen wiederfand. In diesem Zusammenhang sei jedoch gesagt, dass der willige Leser nicht unbedingt in der Gemeinschaft der psychische angeknacksten zu hause sein muss, um dich in "Jahrhundertsommer" hineinfallen lassen zu können. Kerstin Duken versteht es wie kaum eine andere, die Welt, in der sich Iris lange Zeit nur noch bewegen kann, auch für außenstehende (be)greifbar zu machen; bringt die einzelnen Überwindungen, die es Iris kostet, weiterhin zu versuchen, am draußen-Leben teilzunehmen, wahnsinnig gekonnt auf den Punkt.

Während viele vergleichbare Werke ebenso darzustellen versuchen, welche Auswirkungen und Spuren solch ein Verbrechen an den Opfern hinterlässt, greift Kerstin Duken noch eine Sparte eindringlicher jene "Nachwehen" auf ~ die allgemeine "Weisheit", dass solche Opfer "natürlich traumatisiert" werden kratzt so konsequent an der Oberfläche, wie innerhalb Dukens Werk "Jahrhundertsommer" Tiefgang vorherrscht.

Mir persönlich hat der Roman derartig zugesetzt, dass ich anschließend darauf verzichtete, mir meine abendliche DVD einzulegen, um das Ganze sacken zu lassen. Hierzu "muss" ich vielleicht noch mal vehement betonen, dass meiner Ansicht nach (viele) künstlerische Werke auch genau so sein müssen um mich von mir die definitivste Empfehlung zu erhalten, die "Jahrhundertsommer" konsequenterweise zweifellos verdient. Bücher, die "einfach nur unterhalten sollen" sind für Zwischendurch vielleicht mal ganz nett... doch was nicht nachhallt, kann mich persönlich nach wie vor nicht wirklich begeistern.

8,95 EUR zu investieren, um einen Blick in eine Seele zu werfen, wie es sie vielfach auf Erden gibt, würde ich darüber hinaus ebenso den Fans bzw. Dauerempfehlern der Kategorie "was fröhliches" raten ~ die Chance, dass auch jene aus "Jahrhundertsommer" etwas mitnehmen und / oder etwas darin zu erkennen, ist immerhin eine riskierbare Möglichkeit.







"...solange ich meine Burg nicht verlasse, ist doch alles ruhig. Meine Augen zittern. Ich sollte schlafen, ich sollte mit jemanden reden. Ist aber niemand da. Telefonieren geht nicht, ich wüsste nicht, was ich sagen sollte. Setze mich vor den Spiegel und schaue mein Gesicht an. Ich starre da hinein und versuche herauszufinden, wer das ist, wer ich bin, was das ich ist. Finde aber nichts. Dieses Gesicht ist mir vollkommen fremd. Da ist schlichtweg - nichts. Ich, das ist ein einziger blinder Fleck. Und ich schaue und schaue, und dann kommt sie wieder unter dem Türschlitz herin, die Angst, ich bin hier nicht sicher, es kann jede Sekunde alles geschehen. Ich sollte nie mehr reden, reden macht angreifbar, vielleicht sollte ich jetzt einfach duschen, mich ins Bett legen und einfach überhaupt nichts mehr tun, nie mehr irgendetwas tun, das klingt vernünftig, vorher, bevor ich einschlafe, schaue ich noch ein bisschen Fernsehen, ich bin schon tot, sehend tot, das klingt doch nicht schlecht."
(Zitat; S. 40)

Fazit: Akut.