Marge hat Erbarmen
Produkt:
Erbarmen - Jussi Adler-Olsen (CD)
Datum: 14.02.12
Bewertung:
Vorteile: Viel Spannung, originelle Hauptfiguren, bewegende Handlung
Nachteile: Vielleicht hätte es noch tollere Sprecher gegeben
Fakten zum Hörbuch:
Das Hörbuch auf 5 CDs ist 2009 erschienen.
ISBN-13: 978-3898138840
Laufzeit:
16,99 Euro
Der Autor:
"Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film und arbeitete anschließend in den verschiedensten Berufen. 1995 begann er mit dem Schreiben und landete bereits mit seinen ersten Büchern unter anderem in Schweden, Spanien und Südamerika auf den Bestsellerlisten, mit der Serie um das Sonderdezernat Q erlangte er seinen internationalen Durchbruch."
Der Inhalt:
In Kopenhagen wird bei der Kripo ein neues Sonderzernat eingerichtet. Leiter ist Carl Mork, ein Vizekriminalkommissar mit guten Fähigkeiten, der gerade eine Lebenskrise hat. Nicht nur sein Privatleben ist dank der Trennung von seiner Frau und dem Zusammenleben mit dem halbwüchsigen Stiefsohn schwierig, vor allem der letzte Einsatz hat ihn aus der Bahn geworfen: Carl untersuchte mit zwei Kollegen einen Tatort, als ein Unbekannter sie aus dem Hinterhalt anschoss. Kollege Anger starb, Carls Partner Hardy ist seither vom Hals abwärts gelähmt.
Das neue Sonderdezernat Q mnit ihm als einzigen offiziellen Mitarbeiter soll ihn ablenken, indem er sich um ungelöste, jahrealte Fälle kümmert. Ihm wird als Hilfskraft für das Büro und Fahrer ein junger Syrer namens Assad zur Seite gestellt.
Als ersten Fall untersuchen sie das rätselhafte Verschwinden von Merete Lyngaard vor fünf Jahren. Die junge Frau war eine engagierte Abgeordnete und widmete ihr Privatleben komplett ihrem jüngeren Bruder Uffe, seit einem Autounfall geistig behinderten. Mit ihm fuhr sie vor fünf Jahren auf einer Fähre - und verschwand von dort. Hat sie sich umgebracht? Hat ihr Bruder etwas damit zu tun? Lebt sie vielleicht noch ...?
Meinung:
Die ersten drei Bände der Krimireihe von Jussi Adler-Olsen schlugen international ein wie eine Bombe und an der Werbung kam auch ich nicht vorbei. Tatsächlich hat das Hörbuch alle hochgesteckten Erwartungen voll bestätigt und teilweise sogar noch übertroffen. Ein besonders starker Pluspunkt des Romans sind die Hauptfiguren. Carl Mork ist ein echtes Original, oft ein bisschen wortkarg, ein bisschen unleidlich, aber unter dieser etwas muffigen Schale hat er eindeutig einen weichen Kern. Obwohl er kein einfacher Charakter ist, hat er einen ganz speziellen Charme, der den Leser sogleich für ihn einnimmt. Carl Mork ist vor allem jemand, der sich nicht verbiegt und dessen Eigenwilligkeit ihn so markant macht. Eine Besonderheit ist auch die Zusammenarbeit mit Assad, der eine vielschichtige Rolle einnimmt: Eigentlich soll er Carl mehr oder weniger als Handlager dienen und Sekretäraufgaben erledigen. Assad aber ist ein Multitalent und stürzt sich anfangs mit deutlich mehr Eifer auf den Fall als sein Vorgesetzter. Das ist auch ein Unterschied zu den allermeisten anderen Kriminalromanen, dass Carl hier anfangs nur pro forma und in aller Ruhe den Fall bearbeitet, aus Trotz, weil er genau weiß, dass er nur zum Leiter dieser neuen Abteilung gemacht wurde, damit man ihn erst mal aus dem Weg hat, solange er noch an seinem Trauma leidet und durch seine Schwermut und mangelnde Kooperationsbereitschaft alle anderen nervt. Phasenweise hat man es hier sozusagen mit vertauschten Rollen zu tun, der übereifrige Assad, der ein ums andere Mal seine Kompetenzen überschreitet und der launsiche und etwas mürrische Carl, dem alles und jeder auf die Nerven geht und der seine Ruhe haben will. Zudem ist es ziemlich witzig zu hören, wie sich die beiden erst aneinander gewöhnen müssen - Assad mit seinem zuckersüßen Tee, den Carl kaum herunterbringt, seinem Gebetsteppich und seinem oft etwas unbeholfenen Norwegisch. Carl registriert mehr und mehr, dass er da keinen Botenjungen in seinem Büro sitzen hat, sondern einen sehr scharfsinnigen und tatkräftigen jungen Mann, der erstaunlich viele Fähigkeiten in sich trägt. Man ahnt als Leser schon im ersten Band, dass Assad eine besondere Vergangenheit haben muss und es sicher seinen Grund hat, dass er aus seiner Vorgeschichte so gut wie nichts preis gibt.
So gelungen die beiden ermitteln Hauptfiguren sind, so toll ist auch die Handlung an sich. Der Leser erfährt schon recht bald, dass Merete tatsächlich noch am Leben ist. Sie wird irgendwo gefangen gehalten und weiß selbst nicht, von wem und warum. Dass man mit diesem Wissen Carl und Assad voraus ist, mindert aber dennoch nicht die Spannung, eher im Gegenteil: Es ist längst nicht gesagt, dass die beiden Meretes Versteck rechtzeitig finden werden. Im Laufe der Handlung erfährt man dann auch, was mit ihr geschenen wird, wenn sie nicht befreit wird und dieser perfide Plan ist äußerst grausam und teuflisch, wie schon ihre ganze Gefangenschaft. Ihr Peiniger denkt sich immer wieder neue Sachen aus, um sie fast in den Wahnsinn zu treiben und dabei geht es längst nicht nur um körperliche Schikanen. Meretes Gefangenschaft und ihre Leidensgeschichte ist quasi eine Faszination des Grauens und der Autor vermeidet dabei allzu detaillierte Schilderungen - die braucht es auch nicht, der Hörer formt die angedeuteten Ereignisse in seinem Kopf zu schrecklichen Bildern. Spannend ist aber nicht nur die Frage, ob sie gerettet wird, sondern auch, warum es sie überhaupt getroffen hat, denn Merete ist kein zufälliges Opfer. Dazu taucht der Hörer in ihre Vergangenheit ein. Merete wird als dritte Hauptfigur vor den Augen des Hörers lebendig als eine tapfere junge Frau, die sich für ihren Bruder aufopfert. Bei jenem Autounfall im Jugendalter starben die Eltern und Merete ist seither für Uffe allein verantwortlich, der nicht spricht und in seiner Entwicklung etwa auf die Stufe eines Kindergartenkindes zurückgefallen ist. Uffe liebt seine Schwester, aber ist auch schwierig und seine Betreuunung lässt ihr kaum zeit für ein Privatleben - geschweige denn für eine Beziehung. Die Liebe auf der einen Seite, die Meretre für Uffe empfindet, und die zeitweilige starke Überforderung und die Sehnsucht nach einem eigenen Leben andererseits werden sehr gut und verständlich dargestellt.
Das Hörbuch wird von zwei Sprechern gesprochen. Die Stellen, die sich um Merete drehen, übernimmt Ulrike Hübschmann und Wolfram Koch übernimmt die Stellen, in denen Carl ermittelt. Das ist eine gute Lösung, um die beiden Handlungsstränge, die sich immer abwechseln, auch akustisch voneinander zu trennen, damit man beim Reinhören sofort weiß, wo die Handlung gerade stattfindet. Ulrike Hübschmann spricht die Merete-Szenen eindringlich mit einer teilweise fast geflüsterten Stimme, aus der die Verzweiflung und Anspannung von Merete klingt. Wolfram Koch hat eine dunkle, recht angenehme Stimme, die ich aber überhaupt nicht einprägsam finde, was aber nicht schlimm ist, da es ja bei Hörbüchern im Gegensatz zu Hörspielen weniger auf markante Stimmen, sondern vor allem auf den Inhalt ankommt. Er macht seine Sache souverän und das genügt, es ist nur keine Stimme, die ich aus anderen sofort herauserkennen würde.
Fazit:
Alle fünf Sterne und eine ganz deutliche Empfehlung von mir für dieses Hörbuch (und natürlich erst recht die Buchversion). Dieser erste Teil der Carl-Mork-Serie ist ein wunderbarer Thriller mit tollen Hauptfiguren, einer äußerst fesselnden Handlung und sogar zwischendurch amüsanten Momenten. Bin schon nach dem ersten Teil süchtig nach allen weiteren geworden.
Fazit: Einer der besten Krimis, die ich seit Langem gehört habe.
Name des Mitglieds: Homer_und_Marge




18.02.12
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