Gerhard Polt - "Und wer zahlt´s?"
Produkt:
Abfent, Abfent...! - Gerhard Polt (CD)
Datum: 12.12.00, geändert am 12.12.00 (213 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: siehe Text
Nachteile: keine
Kein Tag vergeht, an dem nicht auf irgendeinem Sender eine Comedysendung läuft, am frühen Morgen sind bei den Radiostationen "gute Laune Teams" zu Gange um die Einschaltquoten zu steigern und das deutschsprachige Kino bringt hauptsächlich Komödien auf die Leinwand. Wir sind schon ein lustiges Völkchen, nicht wahr?
In der Schnellebigkeit der heutigen Zeit geht dabei jedoch verloren, daß die meisten Sachen, die man in diese Schublade stecken kann, meist sehr flach und kurzlebig sind. Mittermair, Boning, Lück und wie sie alle heißen sind ja mal ganz nett- so richtig böse, wie z.b. die britischen Monty Phyton sind jene allerdings nicht.
Wochenlang amüsieren sich die Deutschen über Christoph Daums Drogenkonsum, lästern über Beckenbauers Liebesleben, reißen Witze über Big Brother und freuen sich, wenn wieder einmal ein Politiker über eine Frauen- oder Finanzaffäre stolpert. Ist also Schadenfreude der einzige Antrieb, der uns lachen macht?
Es gibt einige wenige Ausnahmen in unserem Land, die mit feinsinnigem und gleichzeitig bitterbösem Humor das anspruchsvolle Publikum wohl zu unterhalten verstehen. So möchte ich in diese Elite neben Loriot, Dieter Hildebrandt, Ernst Kahl, Wiglaf Droste und dem leider viel zu früh verstorbenen Wolfgang Neuss auf alle Fälle Gerhard Polt eingereiht wissen.
Seine neue CD "Und wer zahlt´s?" ist wieder einmal ein herrlicher Beweis dafür.
Polt ist ein Meister der Beobachtung. Mit großer Sensibilität gibt er auf der Bühne wieder, was er dem Volk "vom Maul" abgelauscht hat. Wie es ihm dabei gelingt, durch seine Wortwahl und Gedankenketten alltägliche Situationen unverschlüsselt zu erzählen, ist absolut meisterhaft. Es sind vor allem die sogenannten kleinen Leute, in deren Haut er schlüpft, wenn sie sich über die großen Probleme dieser Welt ihre Gedanken machen. Immer wieder glaubt man, sich am Stammtisch oder im Pausenraum einer Firma zu befinden, nur daß hier dem Erzähler wirklich zu
gehört wird. Vor allem Bigotterie, Karrieregeilheit, Spießertum und Intoleranz sind die Eigenschaften, mit denen Gerhard Polt ins Gericht geht. Seine Heimat Bayern bietet ihm dabei einen schier unerschöpflichen Fundus derartiger Situationen.
So hält er z.b. einen Vortrag über die Ausländer, die vor allem aus Osteuropa nach Deutschland kommen und gibt sich dabei als jemand aus, der diese Zuwanderung begrüßt, da es ja nur gut sein kann "...wenn beispielsweise ein russischer Professor für 1,80 DM in der Stunde meinem Sohn Nachhilfe in Latein gibt, den Garten sauber hält und für mich als Chauffeur nüchtern bleibt." Das ständige Jammern über die Zahlungen, die Deutschland für andere Länder tätigt, kommentiert er: "...wenn in Asien eine Wüste austrocknet oder in Taiwan ein Puff brennt, wer zahlt´s? Wir ! Wir zahlen alles!" Eine Festtagsrede zu Ehren eines Kreisparkassendirektors beginnt er bei den alten Ägyptern und den Bau der Pyramiden, mit einer Überleitung durch das Mittelalter bis zu den Größen der Reformationszeit, um seinem Chef zu huldigen. Mit welcher Feinheit er diese Personen agieren läßt, ohne oberflächliche Pointen und Schenkelklopferei, ist einfach eine Klasse für sich.
Einige werden sich vielleicht noch an die Fernsehproduktion "Fast wia im richtigen Leben" erinnern können, die Mitte der 80er Jahre lief und wo Polt mit einem kaum spürbaren Hauch an Überspitzung seine Mitmenschen auf´s Korn nahm. Genau das macht seine Kunst aus. Nicht konstruierte Gags, sondern menschliche Schwächen, sind sein Metier, weshalb es sicher auch viele Leute gibt, die ihn nicht sonderlich mögen, erkennen sie sich doch zu oft selbst wieder- und das kann ja bekanntlich sehr unangenehm sein. Wenn er das noch einer selbstgefälligen "mir san mir" - Lebenshaltung vorträgt, rüttelt er an den Grundfesten mancher Mitbürger.
Gerhard Polt steht weit außerhalb des Comedy- und Kommerzrummels, liebt den einfachen Menschen mit d
em Herz am rechten Fleck und haßt Dummheit und Ignoranz, die gerade bei solchen Zeitgenossen sehr oft anzutreffen ist. Er denunziert nicht, sondern macht sichtbar. Wer sich darauf einläßt, wird nicht nur jede Menge zum Lachen haben, sondern seinen Blick für die Umwelt schärfen.
Mögen die anderen über koksende Fußballtrainer herziehen, dauerhafte Spuren können nur Künstler wie Polt hinterlassen, da es um Menschen geht- und diese ändern sich im Gegensatz zu aktuellen Ereignissen nie.
Fazit:
Name des Mitglieds: whb
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02.02.01
Ja, wenn der Polt poltert..ist immer wieder schön anzuhören!