Fantasy Film Festival Berlin
2001 – Eine Odyssee zum Potsdamer Platz - Fantasy Film Festival Berlin Archiv Musik

Neuester Testbericht: ... war das Nacheinander von „Donnie Darko“ und „Memento“. – Zwei Filme, die einen normalerweise noch eine Woche... mehr

2001 – Eine Odyssee zum Potsdamer Platz
Fantasy Film Festival Berlin

Jochen

Name des Mitglieds: Jochen

Produkt:

Fantasy Film Festival Berlin

Datum: 16.08.01, geändert am 20.08.01 (272 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Filme, die man sonst nicht (oder kürzer;-) im Kino zu sehen bekommt, alles in OV, Partyatmosphäre im Kino

Nachteile: enges Foyer, Potsdamer Platz, abnehmende Gestaltung

Das Fantasy Filmfest (FFF) fand dieses Jahr erstmals im CinemaxX am Potsdamer Platz statt. Lange vorbei sind die Tage, in denen die Freunde des guten (oder auch trashigen) Horrors im unklimatisierten Filmpalast schwitzen mußten und vergangen sind ebenfalls die Tage, in denen man befürchten mußte, bei heftigen Sommergewittern im teilweise wasserdurchlässigen Royal Palast naß zu werden. Doch hat das CinemaxX auch den Flair der zwei Ku´damm-Kinos? Die ernüchternde Antwort lautet: Nein! Zwar kann das CinemaxX auf technischer Seite punkten: Klimaanlage, bequeme Sitze, gutes Bild und exzellenter Sound. Die Negativseiten lassen sich jedoch nicht verbergen. Das CinemaxX mit seinen uniformierten Robotern ist ein Mikrokosmos des gesamten Potsdamer Platzes: Hochglänzend, steril, leblos. Was dort in den letzten zehn Jahren gebaut wurde, ist mir ein Graus, den auch der übelste Horrorstreifen nicht annähernd hervorrufen kann. Doch das ist ein weites Feld.

Ich möchte nicht klingen wie ein nörgelnder Nostalgiker nach dem Motto „früher war alles besser“, doch einige Dinge waren es zweifellos. Z. B. mußte man im Royal Palast nach dem Ende einer Vorführung das Kino nicht verlassen, wenn man ein Ticket für die nächste Vorstellung vorweisen konnte. Im CinemaxX muß man erst raus und sich dann in die bereits kilometerlange Schlange einreihen, die sich gebildet hat, als der letzte Film noch lief. Das enge Foyer macht die Sache auch physisch zu einer wenig angenehmen Angelegenheit, es sei denn, man steht auf viel Körperkontakt in drängelnden Massen. Ein weiterer Minuspunkt sind die Lichtverhältnisse im Kino. Lesen ist ohne einen Restlichtverstärker à la „The Silence of the Lambs“ kaum möglich. Ärgerlich, wenn man sich als Vielgucker noch mal vergewissern will, was man eigentlich gleich sehen wird! Einen weiteren negativen Trend der letzten Jahre, der nicht unmittelbar an das CinemaxX gebunden ist, dort aber nun seinen traurigen Tiefpunkt erreicht hat, ist d
ie Foyer-Gestaltung. Von den Gore-Schmink-Aktionen und der geisterbahnmäßigen Ausstattung der 90er hat man sich völlig distanziert. Geblieben ist zumindest die Feedback-Wand, auf der man seine Meinung zu den einzelnen Filmen niederkritzeln und die von anderen Besuchern lesen kann.

Was mir immer gut gefällt – und das ist nicht ironisch gemeint! – ist das kleine organisatorische Chaos, das den Rosebud-Leuten jedes Jahr widerfährt. Filmrisse, falschrum eingelegte Filme, gänzlich falsche Filmvorführungen oder ein verschwunden gegangener Regisseur machen das FFF sympathisch. Hier sind auch nur Menschen am Werke! Das steht im Kontrast zum völlig automatisierten Betrieb des CinemaxX und deshalb paßt das FFF da nicht richtig rein.

Filmisch war das Jahr 2001 durchwachsen. Wie jedes Jahr liefen einige interessante Filme parallel, so daß man Abstriche machen mußte. Größte Fehlplanung war das Nacheinander von „Donnie Darko“ und „Memento“. – Zwei Filme, die einen normalerweise noch eine Woche beschäftigen. So war man gezwungen sie unmittelbar hintereinander zu schauen. Da hat jemand bei der Zusammenstellung des Timetables gepennt oder kannte die Filme nicht.

Ich bin immer froh, wenn ich es schaffe, die Grotten selbst zu bestimmen, also nicht erst während der Vorstellung merke, daß die 15 Mark für das Ticket schlecht angelegt waren. Ein Fest ohne Trash ist kein richtiges Fest!

Meine Kurzkritiken:
------------------


Der Pakt der Wölfe (Frankreich) ****
Regie: Christophe Gans

Coole Mixtur aus Kostüm-, Martial Art-, Monster- und Liebesfilm. Bereits die ersten fünf Minuten sind den Kinobesuch wert: Ein Mädchen wird wie ein Flummi von einem zunächst unsichtbar bleibenden Monster durch die Luft und gegen einen Felsen geschleudert. Dieses „Jaws“-Zitat brachte das Publikum das erste Mal zum Jubeln. Im weiteren Verlauf versuchen zwei Helden das Vieh zur Strecke zu b
ringen und kommen dabei einer Verschwörung auf die Spur.

Ein insgesamt etwas zu langgeratener Eröffnungsfilm, der perfekt gewesen wäre, wenn man das Monster nie voll zu Gesicht bekommen hätte, denn es war miserabel animiert.


Hide and Seek (Kanada) *
Regie: Sidney J. Furie

Normalerweise verlasse ich das Kino nicht vorzeitig - bei „Hide and Seek“ mußte ich mich allerdings sehr beherrschen, um diesem Vorsatz treu zu bleiben, denn nichts aber auch GAR NICHTS an diesem Film ist gut: Die Verschleppung Annes (Daryl Hannah: schlecht) durch Helen (Jennifer Tilly: schlechter) und Frank (Vincent Gallo: enttäuschend) läßt den Zuschauer völlig kalt, weil sich der Regisseur erst gar nicht die Mühe macht, Anne als Figur einzuführen. Sie bleibt bis zum Ende völlig eindimensional. Es fehlt somit die emotionale Bindung zur Hauptfigur. Durch diese grundlegende Schwäche im Gesamtkonzept wird alles andere als Folge auch schlecht. Ob sie nun entkommt oder nicht - who the f*** cares? Einzig Vincent Gallo bringt kurzzeitig etwas Licht in den Mainstream-Trash, bleibt aber völlig unter seinen Möglichkeiten. Jennifer Tilly als eierstocklose Irre nervt nur - der Vergleich mit Kathy Bates und „Misery“ im Programmheft ist eine absolute Frechheit. NICHT ANSCHAUEN!


Series 7 – The Contenders (USA) ****1/2
Regie: Daniel Minahan

Ein erster stiller Höhepunkt des Festes. „Series 7“ ist eine geniale Mediensatire, die mit den Reality-Formaten à la „Big Brother“ gnadenlos abrechnet: Sechs kamerabegleitete Normalos (Arbeitsloser, Schwangere, Krankenschwester, High School Schönheit, Krebskranker, Familienvater) bekommen eine Waffe in die Hand gedrückt, um sich gegenseitig umzubringen. Wer zuletzt lebt hat gewonnen. Die Zuschauerzahlen in Berlin sprechen Bände: „Series 7“ hat den vermeintlich massentauglicheren „Scary Movie 2“, der zeitgleich lief, aufgrund höhere
r Nachfrage aus dem größeren Kino verdrängt.


Bride of Re-Animator (USA) ****
Regie: Brian Yuzna

Teil der Yuzna-Hommage in diesem Jahr. Die in Deutschland kaum erhältliche uncut-Version ist „pathologisch wertvoll“ (chainsawyork). Er hat völlig recht. Ein wahrer Splatter-Spaß! Freuen wir uns auf „Beyond Re-Animator“, der nächstes Jahr rauskommen soll und die Goremenge seiner beiden Vorgänger übertreffen will.


Donnie Darko (USA) *****
Regie: Richard Kelly

Definitiv die größte Überraschung des Festivals. Donnie Darko ist ein hochintelligenter Teenager, der ein imaginären ‚bunny rabbit’ als Freund hat und sich mit der Zeitreisetheorie auseinandersetzt, wenn nicht gerade Jetdüsen in sein Schlafzimmer fallen. Dem Film in zwei Sätzen gerecht zu werden geht nicht. Unbedingt anschauen, wenn er ins Kino kommt! Ein Meisterwerk, das die Interpretation des Zuschauers verlangt.


Memento (USA) *****
Regie: Christopher Nolan

Wie „Donnie Darko“ einfach nur genial. Ich empfehle die ausführliche Meinung von den Mitgliedern screenboy und emty, denn auch hier reichen zwei Sätze nicht aus. Memento ist schlichtweg ein Meisterwerk!


Get Shorty ** - *****
Regie: verschieden

Das Kurzfilmprogramm war, wie jedes Jahr, durchwachsen. Enttäuschend war eigentlich nur ein Beitrag: „El Rugido de la Mantis“ (Spanien). Ein paar mittelmäßige: „Paranoia“ (D), „Titanic: The True Story“ (Frankreich), viel gutes: „Les Mésaventures d’Alfred le Crapaud“ (Frankreich), „Papa’s kleine Meid“ (NL), „To Have and to Hold“ (GB), „Infection“ (NZ) und zwei Hits: „Bofetada“ (Spanien) und „12 Steps on the Road to Nowhere“ (USA).


Die fabelhafte Welt der Amélie (Frankreich) ****1/2
Regie: Jean-Pierre Jeunet

Nach „Del
icatessen“ und „Alien: Resurrection“ ein völlig harmloser feel-good Film von Jeunet. „Amélie“ lief als >Centerpiece< des Fests. Der vermutlich blutärmste Film der Woche ist trotzdem durchaus sehenswert ;-) Man werde das Kino glücklich verlassen, so wurde der Film von Rosebud angekündigt. Es stimmt.


Legion of the Dead (D) **
Regie: Olaf Ittenbach

Hier gehen die Meinungen auseinander. Zwar habe ich Trash erwartet, doch wurden meine Erwartungen krass unterboten. Der Trailer ist eine Klasse besser als der Film selbst (vielleicht weil er mehr Sinn ergibt). Für Trash-Fans mit passendem Humor geeignet – ich konnte nicht lachen und war auch von der Blutarmut enttäuscht.


The Gift (USA) ***1/2
Regie: Sam Raimi

Endlich der neue Film von Sam Raimi. Dann auch noch mit Starbesetzung: Cate Blanchett als Medium, Keanu Reeves als gemeiner Redneck und (erstmals barbusig;-) Katie Holmes als verwöhnte Nympho-Göre. „The Gift“ ist irgendwo zwischen „Carrie“, „The Sixth Sense“ und einer Grisham-Verfilmung anzusiedeln. Raimi versteht es noch immer, einen gepflegten Schauer beim Zuschauer hervorzurufen und auch einige „Evil Dead“-Anspielungen haben mir gut gefallen. Leider wird’s gerade zum Ende sehr rührselig, vermutlich ein Kompromiß, den man eingehen muß, wenn man mit verhältnismäßig großem Budget arbeiten will. Schade, denn ich hatte mehr erwartet.


Faust – Love of the Damned (Spanien) ****
Regie: Brian Yuzna

Die Premiere der von Yuzna in Spanien mitbegründeten Fantastic Factory. Eine hämoglobinhaltige Comicverfilmung, die Spaß macht. Zwar läßt die Maske den Superhelden leicht debil wirken aber wen stört’s, wenn genug abgetrennte Körperteile zu Heavy Metal Musik durch die Gegend fliegen? Auch der Faust-Stoff ist überzeugend, wenn auch nicht tiefschürfend, eingebaut. Goethe hätt’s gehaßt, Dante hä
tt’s geliebt!


Common Wealth (Spanien) ****
Regie: Álex de la Iglesia

Eine bitterschwarze Komödie aus Spanien, die einem ein für allemal klarmacht, daß man seinen Nachbarn niemals trauen sollte. Maklerin Julia muß 300 Millionen Peseten an ihren neuen Nachbarn vorbeischmuggeln – leichter gesagt als getan bei der Gier der Mitbewohner. In Spanien mit drei Goyas (dem spanischen Oscar) ausgezeichnet. Zurecht.


Time and Tide (Hongkong) ***1/2
Regie: Tsui Hark

Die Sparte „Focus Asia“ nimmt einen umfangreichen Platz im Programm ein. In den nächsten Jahren soll dieser wegen guter Resonanz noch ausgebaut werden. „Time and Tide“ ist ultraschnelle, superstilisierte Hongkong-Action. Realismus ist dem asiatischen Kinogänger wurscht – cool muß es aussehen. Die Story ist Nebensache. Das macht aber auch nichts, denn Harks blutige Action-Choreographien lassen so manchen Kiefer runterklappen. Erspart bleibt einem zudem die Sentimentalität und der Kitsch eines John Woo. Für Freunde des asiatischen Actionkinos sehr zu empfehlen.


Jason X (USA) ****
Regie: James Isaac

Jason im All. Auch dort gibt es kreischende Teenis, die nichts anderes als Sex im Kopf haben. Viel Arbeit also für Jason Voorhees, der es sich zur Mission gemacht hat, fortpflanzungswillige Jugendliche auf einfallsreiche Weise ins Jenseits zu befördern. „Jason X“ ist komisch und selbstironisch – herrlich wie Jason in einer Art Holodeck zwei Partygirls in ihren Schlafsäcken erschlägt. Durch Technologie aus dem 25. Jahrhundert wird er zu einem Überwesen, das selbst durch Androiden nicht mehr aufgehalten werden kann. In meinen Augen eine der gelungensten Episoden der sequelreichsten Slasher-Serie aller Zeiten und ein passender Abschlußfilm für das 15. Fantasy Filmfest.

Fazit: